Ein junges Kapuziner-Männchen, ein Brüllaffenbaby auf dem Rücken – was zunächst wie eine rührende Adoption wirkt, entpuppt sich als verstörendes Verhalten: Auf der abgelegenen Insel Jicarón vor der Küste Panamas verschleppen männliche Weißgesichtskapuziner fremde Affenjunge. Die Tiere stammen von einer anderen Art – und überleben die Entführungen meist nicht. Der Grund für das bizarre Verhalten: offenbar schlichte Langeweile.

Forscher sprechen von „makaberer Mode“

Wie ein Team vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie berichtet, wurden in den letzten Jahren auf Jicarón Island elf Brüllaffenbabys beobachtet, die von insgesamt fünf Kapuzinermännchen herumgetragen wurden. Die Beobachtungen veröffentlichten die Forscher in der Fachzeitschrift Current Biology. Alles begann demnach 2022 mit einem jungen Affen, dem die Wissenschaftler den Spitznamen „Joker“ gaben. Er war der erste, der ein Brüllaffenbaby an sich nahm – und zum Vorbild wurde: Nach und nach imitierten andere junge Männchen das Verhalten.

Auch interessant

Dabei kümmerten sich die Kapuziner weder fürsorglich noch spielerisch um die fremden Babys. „Die Affen haben den Jungtieren nicht wehgetan, aber sie konnten ihnen auch nicht die nötige Milch bieten“, erklärt Forscherin Zoë Goldsborough. Vier der Säuglinge wurden später tot aufgefunden – vermutlich sind auch die anderen gestorben.

Kein Nutzen, nur ein neuer „Trend“?

Was den Forschern besonders auffiel: Die Entführer profitierten in keiner erkennbaren Weise von der Aktion. Sie erhielten keine Aufmerksamkeit innerhalb ihrer Gruppe, spielten nicht mit den Babys und zeigten auch kein aggressives Verhalten gegenüber den Brüllaffen. In einem Fall trug ein Männchen das Baby sogar noch mehrere Tage nach dessen Tod mit sich herum.

Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass das Verhalten keinen Zweck erfüllt – sondern vielmehr eine Art Modeerscheinung ist. „Wie ein kultureller Trend, der sich unter gelangweilten Jungtieren verbreitet hat“, sagt Brendan Barrett, Gruppenleiter der Studie. Vergleichbare Phänomene seien auch bei anderen Tierarten bekannt – etwa bei Schwertwalen, die tote Lachse auf dem Kopf balancieren, oder Schimpansen, die sich Grashalme ins Ohr stecken.

Langeweile als Triebfeder

Die Beobachtungen werfen ein neues Licht auf die Rolle von Langeweile im Tierreich. Auf Jicarón leben die Kapuzineraffen relativ sorgenfrei: Es gibt kaum Fressfeinde oder Nahrungskonkurrenz. Diese komfortablen Bedingungen könnten dazu führen, dass die Tiere vermehrt nach neuen Reizen suchen – und sich dabei auch destruktive „Traditionen“ entwickeln.

Lesen Sie auch

Eigentlich wollten die Forscher mit Kamerafallen dokumentieren, wie Kapuziner Steine als Werkzeuge einsetzen, um Nüsse oder Schalentiere zu knacken. Dass sie nebenbei ein völlig neues, wenn auch düsteres, Verhalten entdeckten, zeigt: Auch bei Tieren können kulturelle Trends entstehen – selbst wenn sie tödlich enden.

ef/dpa