Kaum ist die letzte Glitzerkonfetti-Bombe des Eurovision Song Contest (ESC) in Basel verpufft, lässt Russland die nächste Bühne bauen – politisch wie musikalisch. Am 20. September soll in Moskau ein altbekannter Wettbewerb seine Wiedergeburt feiern: der Intervision Song Contest. 

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In der neu eröffneten Moskauer Live Arena, einem mit 11.000 Plätzen ausgestatteten Beton gewordenen Selbstbewusstsein, will der Kreml nichts Geringeres als ein kulturelles Gegengewicht zum ESC inszenieren. Der Auftrag dafür kam von ganz oben: von Präsident Wladimir Putin persönlich.

Kalter Krieg in Dur

Der Intervision Song Contest ist keine neue Erfindung, sondern ein Relikt aus der Ära des Eisernen Vorhangs. In den 1970er- und 1980er-Jahren diente er als musikalisches Pendant zum westlichen ESC – ein sozialistischer Gegenklang zur kapitalistischen Popkultur Europas. Nun, inmitten eines realen Kriegs in Europa, wird dieses Instrument der kulturellen Einflussnahme reaktiviert. Nach dem Ausschluss Russlands vom ESC wegen des Angriffs auf die Ukraine setzt der Kreml auf das Prinzip Revanche durch Refrain.

Dass die Entscheidung für eine Neuauflage nicht allein musikalisch motiviert ist, bestreitet kaum jemand. Der Intervision sei, so formulieren es kremlnahe Medien, eine „Antwort auf die politische Instrumentalisierung westlicher Kulturveranstaltungen“. In Wahrheit geht es jedoch um mehr: um Deutungshoheit, Identität und internationale Anschlussfähigkeit außerhalb der westlich geprägten Welt.

Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert

Der Sänger, der für Russland steht

Das Gesicht dieser neuen Intervision ist der Sänger Jaroslaw Dronow alias Shaman. Er trägt langes blondiertes Haar, oft patriotische Kleidung und bekennt sich unerschütterlich zu Wladimir Putin. Bereits im März kursierten erste Gerüchte über seinen Auftritt. Im Staatsfernsehen wurde seine Teilnahme inzwischen offiziell bestätigt. Sicher ist auch, dass Shaman nicht nur singen, sondern auch stilprägend für die Ästhetik und Ideologie des Wettbewerbs sein wird.

Im Staatsfernsehen inszeniert er sich als mutiger Pionier: „Es ist schwer, der Erste zu sein, aber ich bin auch nicht schüchtern.“ Zudem hat er Songs mit Titeln wie „Ich bin Russe” geschrieben, in denen Pathos und Patriotismus Hand in Hand gehen. In der Popkultur Russlands nimmt Shaman damit einen Platz ein, den im Westen kaum jemand so plakativ beansprucht. Er ist Musiker und politischer Missionar zugleich.

Lesen Sie auch: Ikea, DHL & Co – die weichen Ziele von Putins Saboteuren

Internationale Bühne, nationale Agenda

Trotz aller politischen Spannungen hat der Intervision offenbar internationale Interessenten gefunden. Laut dem Staatsfernsehen haben mehr als 20 Länder ihre Teilnahme zugesagt, darunter China, Indien sowie Staaten aus Lateinamerika und dem Nahen Osten.

Auch wenn viele westliche Staaten fernbleiben dürften, wird das Publikum in Russland groß sein. Der Eurovision Song Contest war dort über Jahre hinweg ein Straßenfeger. Millionen schalteten jährlich ein und fieberten mit. Und auch heute erinnern sie sich gern an Dima Bilan, der 2008 mit „Believe” den ESC für Russland gewann. Dass diese Verbindung nun gekappt ist, wurmt das Land. Doch anstatt sich zurückzuziehen, schafft Moskau sein eigenes Spektakel mit nationalem Soundtrack.

Das sind die erfolgreichsten Länder beim Eurovision Song Contest

LandAnzahl der SiegeLetzter Sieg
Irland71996 (Eimear Quinn mit „The Voice“)
Schweden72023 (Loreen mit „Tattoo“)
Vereinigtes Königreich51997 (Katerina and the Waves mit „Love Shine A Light“)
Frankreich51977 (Marie Myriam mit „L’oiseau et l’enfant“)
Niederlande52019 (Duncan Laurence mit „Arcade“)
Luxemburg51983 (Corinne Hermès mit „Si la vie est cadeau“)

Zur selben Zeit demonstriert Europa beim ESC Normalität und Vielfalt. Am vergangenen Wochenende gewann in Basel der Österreicher JJ, ein klassisch ausgebildeter Opernsänger, mit einem genreübergreifenden Auftritt, der Jury und Publikum gleichermaßen überzeugte. Deutschland hingegen landete mit dem Duo Abor & Tynna, unterstützt vom einstigen ESC-Erfolgsmacher Stefan Raab, nur auf Platz 17.