Im Nordatlantik hat ein Naturspektakel begonnen. Auf Island hat sich die Erde aufgetan, aus einem langen Riss quillt glutrote Lava aus dem Erdinneren, wie Blut aus einer frischen Wunde. Seit Wochen hatten die Menschen auf der Insel auf den Vulkanausbruch gewartet.

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Am Dienstagvormittag war es dann so weit. Live-Bilder des Rundfunksenders RÚV zeigten, wie sich das flüssige Gestein unmittelbar nördlich des Fischerdorfes Grindavík einen Weg an die Oberfläche bahnte.

700 Meter lang klaffte der Riss gut 45 Minuten nach Beginn des Ausbruchs des Vulkans, wie die Wetterbehörde mitteilte. Zwar sehe er stabil aus, eine Ausdehnung nach Norden oder Süden sei aber nicht ausgeschlossen, hieß es. Nach RÚV-Angaben öffnete sich kurz darauf ein neuer Riss nahe Grindavík. Die isländische Zivilschutzbehörde rief die Notfallstufe aus. 

Zuvor hatte auf Island die Erde gebebt. Ein Schwarm immer stärker werdender Erdbeben kündigte den bevorstehenden Ausbruch an – und löste die Evakuierung eines bei Touristen beliebten Geothermalbades sowie des Dorfes Grindavík aus. Unter anderem war befürchtet worden, es könnten sich Risse innerhalb der Ortschaft auftun. Dennoch hätten sich acht Menschen entschlossen, in Grindavík zu bleiben, berichtete RÚV unter Berufung auf die Polizei. Die Behörden riefen ausdrücklich dazu auf, den Ort zu verlassen.

Lavamassen bereiten Sorgen

Auf der Reykjanes-Halbinsel sind Spalteneruptionen dieser Art längst keine Seltenheit mehr: Der aktuelle Ausbruch ist der elfte seit 2021 und der achte allein seit Dezember 2023. Die zuvor letzte Eruption hatte im vergangenen November begonnen, ehe sie nach 18 Tagen ihr Ende fand. Wie lange die Eruption diesmal anhält, lässt sich bisher nicht abschätzen.

Erste Anzeichen deuteten nun jedoch auf einen noch größeren Ausbruch als bei den vorherigen Naturspektakeln hin: Nach Angaben der Wetterbehörde ist der unterirdische Magmatunnel schätzungsweise satte elf Kilometer lang. Das Magmavolumen unterhalb des Sundhnúkur-Kraters ist nach Angaben der Wetterbehörde nie größer gewesen.

Mit Sorge wurde vor allem darauf geblickt, dass die Lavamassen einen Schutzwall nördlich von Grindavík durchbrachen. Welche Auswirkungen das auf den Lavafluss haben wird, blieb zunächst unklar. Angesichts der aktuellen Windrichtung warnten die Behörden zugleich davor, dass die von der Lava ausgehenden Gase in Richtung Hauptstadtregion getragen werden. 

Vulkanausbruch in Island
Der Vulkanausbruch ist im Hintergrund in der Nähe der Stadt Grindavik auf der Halbinsel Reykjanes zu sehen.© DPA Images | Marco Di Marco

Menschen nicht in Gefahr

Die Ausbrüche muss man sich dabei nicht wie solche aus einem klassischen Vulkanberg vorstellen: Stattdessen tut sich ein länglicher Erdspalt auf, aus dem in der Folge tagelang glutrote Lava sprudelt - daher auch der Name Spalteneruption. 

Eine Gefahr für Menschen stellen die Lavamassen in der dünn besiedelten Region im Regelfall nicht dar. Allerdings wurden bei einem der vorherigen Ausbrüche auch drei Häuser am Rande von Grindavík von der Lava erfasst, bei der Eruption im November auch der Parkplatz des Thermalbads Blaue Lagune. Große und zuletzt noch einmal verstärkte Schutzwälle aus Erde sollen die Infrastruktur in dem Gebiet bestmöglich schützen.

Vulkanausbruch in Island
Ein Blick auf den Vulkanausbruch in der Nähe der Stadt Grindavik auf der Halbinsel Reykjanes© DPA Images | Marco Di Marco

Die Eruptionen auf der Reykjanes-Halbinsel lassen sich auf mehrere Vulkansysteme mit unterirdischen Magmakammern zurückführen. Fast 800 Jahre lang hatte die Erde unter dem Gebiet im Südwesten von Island Ruhe gegeben, dann war es im März 2021 zu einem ersten Ausbruch gekommen. Nach drei ersten Eruptionen am Bergmassiv Fagradalsfjall verlagerte sich die Ausbruchsserie vor knapp anderthalb Jahren an die nahegelegene Kraterkette Sundhnúkur. Forscher gehen davon aus, dass sie noch Jahrzehnte andauern könnte.

pcl/mit dpa