Die Jungsteinzeit war eine Epoche tiefgreifender Veränderungen: Ackerbau, Viehzucht und feste Siedlungen setzten sich durch. Doch auch rituelle Menschenopfer lassen sich in dieser Zeit erstmals archäologisch nachweisen. Besonders aufsehenerregend sind Funde aus Mitteleuropa, etwa die Massengräber von Herxheim (Rheinland-Pfalz) in Deutschland. Dort entdeckten Forschende zahlreiche menschliche Überreste, die auf kultische Tötungsrituale hindeuten.

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Die Opfer, darunter Männer, Frauen und Kinder, wurden teilweise enthauptet oder wiesen Spuren von Gewalt auf, die auf eine gezielte Tötung hinweisen. Manche Wissenschaftler vermuten, dass diese Praktiken dazu dienten, die Götter milde zu stimmen, Fruchtbarkeit zu fördern oder Schutz für die Gemeinschaft zu erbitten.

Handelt es sich bei einem in Italien gefundenen Schädelhaufen ebenfalls um Menschenopfer? Dieser Frage gingen Archäologen in einer neuen Studie nach. Sie fanden in einem prähistorischen Dorf 400 Knochenfragmente, die zu 15 Schädeln gehörten. Die Schädelknochen sind stark beschädigt und in mehrere Teile zerbrochen. Wurden hier Feinde oder Menschenopfer zu einer makabren Konstruktion modelliert?

Überraschung am Fundort: Schädelhaufen in Italien

Besonders bemerkenswert an diesem Fund ist seine ungewöhnliche Platzierung im Dorf. Statt auf einem Gräberfeld stießen die Forschenden auf den Schädelhaufen innerhalb eines Hauses, dessen Überreste sie freilegten. Die Ausgrabungsstätte Masseria Candelaro befindet sich in der italienischen Region Apulien.

Eine Radiokarbondatierung der Knochenfragmente grenzte die Herkunftszeit auf einen Abschnitt zwischen 5618 und 5335 v. Chr. ein. Dies deutet darauf hin, dass die Schädel von neolithischen Menschen stammten, die über einen beachtlichen Zeitraum von fast drei Jahrhunderten starben. Die meisten Schädel schienen männlich zu sein

Forscher klären auf: Wurden die Schädel ausgegraben und dann zu einem Haufen angeordnet?

In der Studie, die in der Fachzeitschrift „European Journal of Archaeology“ veröffentlicht wurde, stellen die Wissenschaftler eine Theorie zu dem Schädelhaufen auf: Sie vermuten, dass die Schädel die Ahnen des Hauses waren und regelmäßig in einem Ahnenritual aktiv genutzt wurden. Weil Schnittspuren oder andere Anzeichen von Gewalt fehlten, schloss das Forschungsteam aus, dass es sich um die Köpfe von Feinden handelte, die als Trophäen gesammelt wurden.

Vielmehr lässt die Art und Weise, wie die Schädel zerbrochen wurden, darauf schließen, dass sie aus Bestattungen geborgen und von Nachkommen gesammelt wurden. Über mehrere Generationen hinweg wurden sie wohl für ein besonderes Ritual genutzt.

„Wir glauben sicherlich, dass menschliche Knochen eine bestimmte Bedeutung hatten und angesichts der Regelmäßigkeit, mit der mit ihnen interagiert wurde, möglicherweise als eine wirksame Substanz angesehen wurden“, sagte Jess Thompson, Co-Autorin und Archäologin an der Uni Cambridge, gegenüber „Live Science“.

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Jungsteinzeit: Wurden menschliche Überreste für Trauerpraktiken genutzt?

Die heutige Ausgrabungsstätte Masseria Candelaro war einst ein kleines Dorf, das von konzentrischen Gräben umgeben war. Innerhalb der Siedlung stießen Archäologen auf eine eingelassene Struktur, die sie „Struktur Q“ nannten. In ihr fanden sich mehrere Schichten mit Überresten sowohl alltäglicher als auch ritueller Gegenstände.

In einer der oberen Schichten stießen die Forscher auf ein Versteck mit Schädelknochen, das nur leicht mit Erde bedeckt war. Dies deutet darauf hin, dass die Knochen zurückgelassen und nicht bewusst begraben wurden. Da „Struktur Q“ kein Friedhof war, ist es ungewöhnlich, dort menschliche Überreste zu finden, erklärte die Archäologin Thompson.

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In der Prähistorie gibt es mehrere Beispiele von Kulturen, die menschliche Schädel zu verschiedenen Zwecken benutzten. Das wohl berühmteste Beispiel sind die Schädelbecher aus der Gough‘s Cave, einer Höhle in England, in der vor 15.000 Jahren Schädel zu Trinkgefäßen geschnitzt wurden. Über zahlreiche neolithische Stätten in Südwestasien verteilt fanden Archäologen außerdem Hinweise auf Trauerpraktiken, bei denen der Schädel oder Unterkiefer verstorbener Verwandter getragen wurde.