Berlin hat seine erste temporäre Spielstraße: Die Böckhstraße in Kreuzberg ist ab sofort bis Ende September immer mittwochs von 14 bis 18 Uhr für den Autoverkehr gesperrt, teilte das Deutsche Kinderhilfswerk mit. Damit besteht in dieser Zeit die Möglichkeit, die Straße für ungestörtes Spielen und nachbarschaftliches Zusammensein zu nutzen. Das Kinderhilfswerk hofft, dass die Idee nach der Winterpause im kommenden Jahr wieder aufleben wird, sagte Sprecher Uwe Kamp.
Die erste Spielstraße ist der Initiative eines Berliner Bündnisses und der Unterstützung des Bezirksamts zu verdanken, sagte Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Kinderhilfswerks. „Jetzt hoffen wir, dass dieses Beispiel Schule macht und viele weitere temporäre Spielstraßen in Berlin eingerichtet werden.“ Berlin wäre nicht die erste Stadt mit einer temporären Spielstraße: Ähnliche Modelle gibt es bereits, etwa in Bremen und in Frankfurt am Main.
Das Recht der Kinder auf Platz zum Spielen ist etwas, was Familien auch an anderen Stellen einfordern. So gab es im Mai in Pankow eine Demonstration in der Gneiststraße. 150 Anwohner äußerten dort den Wunsch, den Verkehr zugunsten des Spielvergnügens von Kindern auszusperren. Als Veranstalter hatten die Arbeitsgemeinschaft Verkehr der Baugenossenschaft Bremer Höhe und der Grünen-Kreisverband Pankow zeigen wollen, dass eine Wohnstraße mehr sein könne, als nur eine schnelle Durchfahrt für Berufspendler, Transporter und Taxis. „Die zwei Stunden alternative Straßennutzung haben wieder einmal klar gemacht, dass auch Verkehrsstraßen ein lebendiger Ort sein können, an dem Kiezleben stattfindet“, erklärte Patrizia Flores, die Initiatorin der Aktion, damals. Sie sagte: „Wir fordern mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer, für Flaneure und spielende Kinder und werden auch mit weiteren Aktionen dafür sorgen, dass Straßen anders erlebt werden können.“ Eltern forderten Mut zur Durchsetzung von Spielstraßen.
Und auch an der Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg wird noch nach Jahren für dieses Ziel gekämpft. Dort geht es um eine vorübergehende Sperrung in Höhe der Hausnummern 16 bis 22. Formell wurde ein solches Projekt an dieser Stelle schon vor vier Jahren beschlossene Sache – und wurde auch schon erprobt. Nach einem ersten Versuch des Models an diesem Ort zeigte sich aber: Nicht alle Anwohner wollten ihre Autos aus dem Sperrgebiet fahren – so landete der Streit um Platz zum Spielen auf der Fahrbahn vor Gericht.
Dann gab es im Juni 2017 zwischen Bezirksamt Pankow und klagenden Anwohnern eine außergerichtliche Einigung vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Nun sollte nur noch einmal im Monat zwischen 14 und 18 Uhr gespielt werden. Umgesetzt habe das Bezirksamt Pankow dieses Vorhaben aber bisher nicht, beklagte Matthias Groh, der Sprecher der örtlichen Elterninitiative.
Ursprünglich war gefordert, dass die Gudvanger Straße von Mai bis Oktober immer dienstags von 10 bis 18 Uhr für den Autoverkehr gesperrt und zum Spielen freigeben wird. Doch bislang ist das nicht geschehen. Der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) will den Plan zwar weiterhin umsetzen, möchte aber zunächst eine rechtliche Bewertung der temporären Spielstraße zum Abschluss bringen. Es laufe derzeit eine Prüfung, inwieweit die verkehrliche Anordnung erteilt werden kann, sagte er. „Ich habe diejenigen, die geklagt hatten, angeschrieben, und auch wegen der Ferien noch keine endgültige Reaktion bekommen. Aber wir müssen uns noch einmal verständigen“, sagte Kuhn im Interview mit der Berliner Morgenpost.
dpa/tsc


