Wie schnell man in Berlin unfreiwillig zum „Schwarzfahrer“ werden kann, müssen Touristen immer wieder erleben. Dafür sorgen nicht zuletzt das unübersichtliche Tarifsystem des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) und das nicht immer kulante Vorgehen der Ticket-Kontrolleure.

Zu spüren bekam dies jetzt auch ein Ehepaar aus einer baden-württembergischen Kleinstadt, das zu Monatsbeginn ihren Urlaub in der Hauptstadt verbrachte. „Unser Aufenthalt in dieser bemerkenswerten Stadt wurde getrübt durch die Art und Weise, wie wir uns durch zwei Kontrolleure in der S-Bahn nach Potsdam kriminalisiert fühlten“, schreibt Gottfried W. der Berliner Morgenpost.

Die beiden über 60-Jährigen hatten zwar jeder eine Tageskarte für 6,90 Euro gekauft, doch die galt nur für den Tarifbereich AB. Der endet an der Stadtgrenze, was wohl jeder Berliner oder Potsdamer, aber eben nicht jeder Besucher von auswärts weiß.

„In recht robuster Weise wurden wir von den Kontrolleuren belehrt, dass unsere Fahrausweise nicht gelten, wir deshalb jeweils 60 Euro Strafe zu entrichten hätten“, schildert W. aus seiner Sicht den Verlauf der Ticket-Kontrolle. „Auf unseren Hinweis, wir seien im guten Glauben mit der Tageskarte unterwegs, wurden wir belehrt, wir hätten uns vor Fahrtantritt informieren müssen. Das war allerdings schlecht möglich, da es an der Station Heinrich-Heine-Straße keinen Informationsstand des VBB gab, zudem war einer der beiden Fahrkartenautomaten defekt, so dass wegen des Andrangs nur wenig Zeit blieb, einen Fahrausweis zu lösen.“

Verständnis vom Fahrgastverband

Bei der S-Bahn reagiert man zunächst verstimmt auf die Anschuldigungen der Berlin-Besucher. Es sei nicht verständlich, warum sich die beiden zur Klärung nicht direkt an das Verkehrsunternehmen gewandt hätten. Rechtlich sei den Kontrolleuren nichts vorzuwerfen. Auch in anderen Städten sei es notwendig, sich vor Fahrtantritt darüber zu informieren, welches Ticket benötigt wird. Zum Vorgehen der Kontrolleure in dem konkreten Fall wollte sich der Unternehmenssprecher nicht äußern. „Zwei Wochen nach dem Vorfall lässt sich das nicht mehr rekonstruieren“, sagte er.

„Für mich ist das ein typischer Fall von Graufahrer“, meint hingegen Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband Igeb. Die Igeb hält im Interesse der ehrlichen Fahrgäste einen hohen Kontrolldruck für richtig. Dieser sollte aber echte Betrüger vom Schwarzfahren abhalten und nicht diejenigen abstrafen, die ohne Absicht den falschen Fahrschein lösen. „Im konkreten Fall scheint mir das Fingerspitzengefühl zu fehlen“, so Wieseke. Der Verband fordere schon lange, dass in der Fahrgastinformation klarer erkennbar sein müsse, wann eine Tarifzone verlassen wird.

Dass es anders geht, beweisen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Sie informieren mit automatisierten Durchsagen darüber, wenn der Bus in C-Zone fährt. Bei der S-Bahn fehlen solche Ansagen. „Das werden wir prüfen“, verspricht der S-Bahn-Sprecher.