Boris Becker, 47, ist eine der prägendsten Figuren in der Geschichte Wimbledons gewesen. Bis heute ist Becker der jüngste Champion aller Zeiten beim wichtigsten Tennisturnier der Welt, er gewann am 7.7.1985 zum ersten Mal im All England Club. Insgesamt holte er drei Wimbledon-Titel und sechs Grand-Slam-Pokale. Seit Dezember 2013 ist der Deutsche Chefcoach des Weltranglisten-Ersten und aktuellen Wimbledonsiegers Novak Djokovic. „Sein Anteil am Pokal ist so groß wie meiner“, hatte der Serbe nach seinem Finaltriumph am Sonntag erklärt.
Berliner Morgenpost: Herr Becker, wie blicken Sie auf das diesjährige Wimbledon-Turnier zurück, auf den zweiten Titelerfolg, den Sie gemeinsam mit Novak Djokovic feiern konnten?
Boris Becker: Es sind bewegende Tage gewesen, mit einem großen Glücksgefühl am Ende. Dass Novak diesen Sieg 30 Jahre nach meinem ersten Titel holt, ist fast filmreif. Was da passiert, ist wie ein Traum. Es wirkt alles auf mich wie Schicksal: Wimbledon hat wohl immer etwas Besonderes mit mir vor.
Sie sagten der BBC, das sei ein besonderer Moment in Ihrem Leben. Warum ist das so?
Ich sehe das alles ja nicht als Normalität, als Alltag an. Wimbledonsiege sind nicht nur als Spieler, sondern auch als Trainer etwas Außergewöhnliches. Ich muss mich manchmal selbst kneifen, wie das jetzt alles so läuft. Das kann man ja eigentlich gar nicht besser erfinden. Ich spüre eine tiefe Dankbarkeit, dass ich diese Chance bekommen habe und das alles erleben darf. Ich helfe Novak, er nimmt die Hilfe an – das ist einfach großartig. Und der Erfolg gibt uns Recht.
Dabei war die Skepsis am Anfang groß, diese Zweifel am Trainer Becker.
Ich war schlicht überrascht, dass man meine Tenniskenntnisse in Frage stellte. Wenn ich eins kann, dann doch Tennis zu verstehen, zu analysieren und zu erklären. Aber das ist immer so in meinem Leben gewesen: Ich werde gern skeptisch betrachtet, in Frage gestellt.
Spüren Sie für sich Genugtuung nach so einem Triumph als Trainer?
Ich bin keiner, der herumläuft und denkt: Jetzt habe ich es allen gezeigt. Kritik stachelt meinen Ehrgeiz an, ist eher Motivation für mich, macht mich besser. Aber es ist ganz wichtig zu betonen: Diese Arbeit fruchtet nur in einer hervorragenden Mannschaft, und die hat Novak Djokovic. Ich bin da ganz Teamplayer.
Sie haben im diesjährigen Wimbledon-Finale, beim 7:6 (7:1), 6:7 (10:12), 6:4, 6:3 gegen den Schweizer Rekordchampion Roger Federer auf der Tribüne extrem mitgelitten, Sie wirkten dabei so aufgewühlt wie selten zuvor.
In so einem Match erlebst du eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Es ist eine extreme Anspannung. Aber du musst trotzdem in wichtigen Momenten ein Pokerface aufsetzen, darfst deinen Mann nicht beunruhigen. Aber innerlich kocht und brodelt alles. Es ist schlimm, auf der Tribüne zu sitzen. Aber ich möchte auch nicht mehr tauschen mit Novak oder Roger, ich habe genug große Kämpfe da draußen mit durchgemacht.
Der dramatischste Moment des Finalpiels waren vermutlich die sieben vergebenen Satzbälle von Djokovic im verlorenen zweiten Durchgang. Nichts für schwache Nerven, oder?
Diese Minuten gehörten zu den aufregendsten, die ich als Trainer und Spieler miterlebt habe. Da war alles drin zwischen Himmel und Hölle. Aber ich kann mich nur verneigen vor Novak: Wie er das weggesteckt hat, dieses Drama, das war ein Bravourstück. Einer Nummer eins der Welt würdig. Denn man muss immer sehen: Auf der anderen Seite steht der erfolgreichste Grand-Slam-Spieler aller Zeiten. Einer, der mit fast 34 noch für alle Titel gut ist.
Nach dem verlorenen Paris-Finale hatten viele Experten diesen Siegeslauf nicht erwartet.
Aber Novak ist ein großer Champion. Er hat diese Qualität, nach bitteren Rückschlägen wieder aufzustehen. Auch wenn die ersten Tage nach den French Open sehr, sehr schwer waren, auch noch die ersten Tage hier im Training auf Rasen. Aber dann gab es doch einen Moment, wo ich merkte: Er ist wieder neu fokussiert, blickt nicht mehr zurück. Sagt nicht mehr: Wenn und Aber. Sondern will Wimbledon gewinnen. Aus solchem Holz sind dann eben die Großen geschnitzt.
Wie konnten Sie ihm in dieser Aufbauphase helfen?
Ich war als Spieler keiner, der in der Vergangenheit lebte. Mein Blick war immer nach vorne gerichtet, was nützte es denn, sich lange über verpasste Siege zu ärgern? Du kriegst als Tennisprofi zum Glück schnell wieder neue Chancen, und die musst du nutzen. Dieses Denken haben wir alle im Team Djokovic auch Novak zu vermitteln versucht. Als er den Südafrikaner Anderson im Achtelfinale schlug, nach 0:2-Satzrückstand, war auch Paris endgültig abgehakt. Da dachten wir alle im Team: Jetzt gehen wir den Weg hier zu Ende.
Was kann Djokovic jetzt noch schaffen in seiner Karriere?
Er ist gerade 28 geworden, also im besten Alter als Profi. Es gibt also keinen Grund, warum er die Lust verlieren sollte. Im Gegenteil: Solche Tage wie in Wimbledon stacheln dich an. Einfach, weil dieser Sieg ein so sagenhaft gutes Gefühl bedeutet. Aber die Gegner schlafen nicht. Federer ist mit 34 noch in unglaublicher Form, Wawrinka spielt sich mit 30 auf einen anderen Level. Murray ist gut drauf, Nadal wird stark zurückkommen.
Bleibt als letztes großes Ziel für Djokovic der Sieg in Paris?
Nein, wir wollen am liebsten alles gewinnen, jedes Spiel, jedes Turnier. So gehen wir in diese Aufgaben hinein. Paris ist nicht ständig in unserem Hirn drin. Wenn man am Ende seiner Karriere abrechnet und die French Open nicht gewonnen hat, dann wäre es ein Problem. Aber bis dahin ist noch viel Zeit.
Aus eigener Erfahrung: Kann man in den Stunden nach dem Finale den Sieg wirklich genießen?
Am liebsten wäre ich früher auch nach Hause gegangen, hätte mit Familie und Freunden gefeiert, ein Bierchen getrunken. Aber wenn das Match vorbei ist, gehen die ganzen Formalitäten los. Pressekonferenzen, TV-Interviews, das Champions Diner, noch mal Interviews auf dem roten Teppich. Aber als Gewinner nimmst du ja doch alles hin.




