Am 25. Mai werden die Berliner nicht nur über die künftige Zusammensetzung des Europaparlamentes, sondern auch über die Zukunft des Tempelhofer Feldes entscheiden. Vor allem letztere Frage wird seit Monaten heftig und äußerst kontrovers diskutiert. Beim „Volksentscheid über den Erhalt des Tempelhofer Feldes“, so der korrekte Titel, stehen deshalb auch gleich zwei Gesetzentwürfe zur Abstimmung.
Der eine unterstützt die Forderung der Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Diese möchte das Feld in seiner jetzigen Form bewahren und lehnt jegliche Art der Bebauung ab. Der andere, vom Berliner Abgeordnetenhaus mit der Mehrheit der rot-schwarzen Regierungskoalition formulierte Gesetzentwurf, sieht den Erhalt einer großen Grünfläche im Zentrum des Areals vor. Allerdings soll die Bebauung auf drei Arealen am Rande des Feldes vor allem mit Wohnungen möglich sein.
Der umstrittene Masterplan von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) sieht konkret vor, 230 Hektar als städtische Grünfläche zu sichern. Zum Vergleich: Der Große Tiergarten umfasst 210 Hektar. Insgesamt ist das Flughafenareal jedoch 355 Hektar groß – davon sind 55 Hektar bereits mit dem denkmalgeschützten Flughafengebäude sowie dem betonierten Vorfeld bebaut. Nach den Plänen des Senators, die durch den Gesetzentwurf des Abgeordnetenhauses gestützt werden, sollen von den verbliebenen 300 Hektar auf drei Baufeldern am Rande des einstigen Flugfeldes 58 Hektar bebaut werden. Insgesamt sollen dort rund 4700 Wohnungen entstehen, davon im ersten Bauabschnitt direkt am Tempelhofer Damm 1700 Wohnungen.
Keine Eigentumswohnungen
Weitere Baufelder sind an der Oderstraße sowie am Südring vorgesehen. Zudem soll an der südöstlichen Ecke des Feldes ein sieben Hektar großes Sportareal entstehen. Weitere acht Hektar potenzielle Baufläche befinden sich am Columbiadamm. Die Planungen dort sind jedoch zunächst erst einmal zurückgestellt, wie Senator Müller versichert.
Insgesamt ergibt sich so eine mögliche Baufläche von 73 Hektar. „Die drei zusätzlichen Hektar Baufläche ergeben sich daraus, dass das neue Quartier am Tempelhofer Damm und auch am Südring über das Flughafengelände hinausgehen“, erläutert Martin Pallgen von der Tempelhof Projekt GmbH, die im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Areal mit dem Flughafengebäude bewirtschaftet. Eigentumswohnungen sind nach Aussage von Senator Müller nicht geplant. Mit den beiden städtischen Wohnungsbaugesellschaften Degewo und Stadt und Land sowie der Baugenossenschaft Ideal hat der Senator bereits vereinbart, dass diese die Mietwohnungen errichten sollen. Zudem mussten die Vertragspartner zusagen, dass mindestens die Hälfte der Wohnungen zu einem Mietzins von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vermietet wird.
Der Bürgerinitiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“ dagegen spricht sich gegen jegliche Veränderung am derzeitigen Zustand des Geländes aus – und hat bereits bewiesen, dass viele Menschen dies ähnlich sehen. Rund 185.000 Berliner haben Ende vergangenen Jahres dem Volksbegehren zum Erhalt des Tempelhofer Feldes ihre Zustimmung gegeben und so den Volksentscheid durchgesetzt. Die Argumente der Initiative zielen dabei vor allem auf die Einzigartigkeit des einstigen Flugfeldes inmitten der Stadt.
Von vier Volksentschieden verliefen drei erfolglos
„Diese einzigartige Freifläche hat sich seit seiner Öffnung vor vier Jahren zum beliebtesten Park Berlins entwickelt. Über zwei Millionen Menschen besuchen im Jahr das Tempelhofer Feld“, heißt es in der Infobroschüre. Gerade die Weite und die Ruhe sowie der einzigartige Panoramablick würden durch den Masterplan des Senats gefährdet, wenn wie geplant ruft 70 Hektar bebaut würden. Zudem kritisiert die Initiative, dass die geplanten Wohnungen nur die Hälfte der Bauflächen füllt und auch Gewerbe vorgesehen ist. Auch den von der rot-schwarzen Koalition vereinbarten Neubau der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) lehnt die Initiative ab. Das Bauvorhaben, heißt es in der Begründung, sei ohnehin in der Stadt umstritten und bedürfe noch eines stadtweiten Dialogs. Alternative Standorte seien noch nicht genügend geprüft worden.
Die wahlberechtigten Berliner können am 25. Mai über jeden der beiden Gesetzesentwürfe einzeln abstimmen. Ein Gesetzentwurf ist durch den Volksentscheid angenommen, wenn die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und zugleich mindestens ein Viertel der Stimmberechtigten, also rund 625.000 Personen, zustimmen. Sollten beide Gesetzentwürfe die Voraussetzungen für die Annahme erfüllen, so ist der Entwurf angenommen, der mehr Ja-Stimmen erhalten hat. Von den vier bislang durchgeführten Volksentscheiden in Berlin verliefen drei erfolglos. Sie scheiterten entweder an der Beteiligung oder an fehlenden Nein-Stimmen. Allein der Volksentscheid zur Rekommunalisierung der Wasserbetriebe im Jahr 2011 war erfolgreich.
Wohnungsnot und massive Bauten
„Was wird aus dem Tempelhofer Feld?“ lautet deshalb auch das Thema des Leserforums „Morgenpost vor Ort“ am 7. Mai im ehemaligen Transitbereich des Flughafengebäudes am Columbiadamm 10. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. Allerdings müssen Sie sich vorher anmelden (siehe Kasten). Jeder Leser kann dabei sein und mit den Experten diskutieren.
Auf dem Podium debattieren zunächst Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD), Michael Schneidewind von der Initiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“, Volker Heller, Direktor der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), Antje Kapek, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen, und Isabell Jürgens, Fachredakteurin der Berliner Morgenpost für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Moderiert wird die Diskussion von Morgenpost-Autor und Kolumnist Hajo Schumacher. Nach der etwa einstündigen Gesprächsrunde können die Teilnehmer im Publikum Fragen stellen und mitdiskutieren.
Das Gespräch wird sich unter anderem um die Frage drehen, ob angesichts der aktuellen Wohnungsnot in Berlin überhaupt auf die Randbebauung verzichtet werden kann. Gefragt wird aber auch, ob die im Masterplan vorgesehene Bebauung nicht zu massiv ist, wie der Verkehr abgewickelt werden soll und ob der Senat genug unternommen hat, um die Bürger bei den Planungen einzubeziehen. Ferner wird es um die Frage gehen, welche Garantien es gibt, dass künftig nicht noch weitere Bereiche des Tempelhofer Feldes bebaut werden.




