"Kir Royal"-Fortsetzung

Helmut Dietls "Zettl" zeigt Berlins düstere Seite

25 Jahre nach der Erfolgsserie "Kir Royal" bringt Regisseur Helmut Dietl eine Fortsetzung auf die Leinwand. Die bitterböse Kinosatire "Zettl" zeigt die Berliner Polit- und Medienszene – Geld, Macht und Sex sind das einzige, was zählt. Im Interview erklärt der 67-Jährige, warum er das Thema so wichtig findet.

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Morgenpost Online: Ist die Wirklichkeit tatsächlich so schlimm, wie Sie es darstellen?

Helmut Dietl: „Die Wirklichkeit ist viel düsterer als der Film. Ich habe ja drei Jahre in Berlin gelebt und diese Geschichte recherchiert. Wenn ich alles erzählt hätte, was ich wirklich weiß, das würde kein Mensch glauben. Ich behaupte nicht, dass alles, was wir in dem Film sehen, wirklich passiert ist. Es ist ein Gleichnis, aber es zeigt sehr deutlich, worum es geht.“

Morgenpost Online: Würde die Affäre um Bundespräsident Wulff auch für einen Film taugen?

Helmut Dietl: „Da haben sich die Maßstäbe schon sehr verschoben. Dass allen Ernstes eine Staatsaffäre entsteht aus so einem Häusel und den paar hundert Euro, die der Wulff sich da für einen Kredit gespart hat, oder wegen irgendwelcher Kochbücher, die das Agrarministerium in Niedersachsen für 3411 Euro herausgegeben hat – dass solche Lappalien einen Skandal hergeben, das begreift allmählich niemand mehr. Wenn die Leute wüssten, was wirklich los ist ... “

Morgenpost Online: Mit der Münchner Szene sind Sie damals liebevoller umgegangen – mögen Sie Berlin nicht?

Helmut Dietl: „Nein, das stimmt nicht, ich mag diese Stadt und ich mag auch diesen besonderen Bezirk Berlin-Mitte. Hier kann man erleben, wie es wirklich passiert. Wir hatten ja früher keine Hauptstadt, sondern nur dieses Dorf am Rhein. Aber jetzt haben wir eine Hauptstadt, das ist etwas Faszinierendes. Wenn man hier spazieren geht, hat man immer das Gefühl, im Zentrum der Entscheidungen zu sein. Und für einen Satiriker ist das geradezu ein Geschenk – so viel Narrische wie hier gibt's sonst nicht leicht auf einen Haufen.“

Morgenpost Online: Wie sind Sie auf die Idee zu der Geschichte gekommen?

Helmut Dietl: „Ich wollte eigentlich etwas über Veränderungen machen. Mit der Globalisierung und der New Economy hat sich die Welt in den letzten zehn, zwölf Jahren sehr geändert – und auch das Verhalten der Menschen. Es ist alles viel härter geworden. In den Medien, in der Wirtschaft, in der Politik – überall wird mit sehr harten Bandagen gekämpft. Die Geschichte hatte eigentlich zwei Pole: Franz Xaver Kroetz aus „Kir Royal“ sollte die alte Moral verkörpern und der junge Bully Herbig die Nichtmoral. Aber dann konnte ich mich mit Kroetz nicht einigen, und dann habe ich die Geschichte ganz auf den „Zettl„ hingeschrieben.“

Morgenpost Online: Sie gehen sehr streng mit den Menschen ins Gericht ...

Helmut Dietl: „Natürlich ist dieser Film nicht so harmlos, wie die Leute es heute von deutschen Lustspielen gewöhnt sind. Aber ich frage mich auch: Warum bin ich der einzige, der an solche Themen frontal rangeht? Warum machen das andere nicht? Warum gibt es dieses Genre eigentlich nicht mehr? Wir haben in Amerika immer wieder Vorbilder, die zeigen, wie man mit Politik umgehen kann – großartige Filme über die Exzesse der Wall Street, über die Politiker – bloß in Deutschland geht das nicht. Deshalb weiß auch das Publikum, das Volk zu wenig über die Mechanismen, die da herrschen.“

Morgenpost Online: Aber ist Zynismus die richtige Art, das aufzugreifen?

Helmut Dietl: „Es gibt Figuren in dem Film, die man durchaus zynisch nennen könnte. Aber daraus darf man doch keine Rückschlüsse auf den Macher ziehen. Ich finde es einfach komisch, wie sich diese Leute verhalten in ihrer Machtgier, in ihrer Sexgier. Und deshalb würde ich sagen, das Drehbuch ist nicht zynisch, sondern aus einer ironischen Distanz heraus geschrieben. Und sicherlich wird es kontrovers aufgenommen. Es wird Leute geben, die sagen, Gott sei Dank sagt einer mal die Wahrheit – und andere wollen das gar nicht wissen.“

Morgenpost Online: Besteht nicht die Gefahr, die Politikmüdigkeit noch zu verstärken?

Helmut Dietl: „Wirklich zynisch wäre, wenn man sagt, es hat alles eh keinen Zweck. Ich rede ja ungern von Botschaften, sonst wär' ich Botschafter geworden. Aber ich glaube doch, dass es etwas Aufklärendes hat in dem Sinne: „Hey, aufpassen Leute! Lasst Euch das nicht gefallen.“ Ich nehme ja nicht umsonst einen sympathischen jungen Mann wie Bully Herbig als Hauptfigur. Das sind alles so furchtbar nette Leute, die dann die schlimmsten Sachen machen – an der Börse, in der Industrie, überall. Also Vorsicht vor den netten Leuten!“

Morgenpost Online: Die Deutschlandhymne spielt eine große Rolle – muss man eine staatstragende Gesinnung nachweisen, um die Filmrechte zu bekommen?

Helmut Dietl: „Mit Geld kriegt man heutzutage eigentlich alles. Ob die eine staatstragende Gesinnung verlangen, weiß ich nicht, denn die hätten sie von mir nicht wirklich bekommen können.“ Sie haben von Harald Schmidt über Dieter Hildebrandt bis Götz George eine Spitzencrew – wie haben Sie die Leute zusammenbekommen? Dietl: „Ich glaube nicht, dass ich irgendjemanden zweimal einladen musste. Aber schwierig waren die Dreharbeiten. Ich habe ja verschoben und verschoben und verschoben und dann gab's natürlich Terminprobleme. Die Leute hatten inzwischen etwas anderes gemacht und es war extrem kompliziert, alle unter einen Hut zu kriegen.“

Morgenpost Online: Wie kann das sein, dass sich ein Dietl um Geld sorgen muss?

Helmut Dietl: „Ja, das habe ich mich auch gefragt, aber es ist halt so. Es ist viel viel schwieriger geworden mit der Finanzierung als früher. Es gibt ja inzwischen auch zahllose Leute, die Filme machen, und jeder will einen Teil vom Kuchen abhaben. Und ein Film wie „Zettl„ ist nicht billig, zehn Millionen sind schon ein Haufen Geld. ARD und ZDF haben sofort abgelehnt, als Sender mitzumachen.“

Morgenpost Online: Warum? Waren das politische Gründe – war ihnen die Geschichte zu heiß?

Helmut Dietl: „Ja. Sie haben das immer so verklausuliert gesagt, aber das war's eigentlich.“