In einem Drama hieße dieser Moment jetzt Peripeteia: ein Wendepunkt in einer Geschichte, in der alles so klar zu sein schien und in der sich auf einmal alles ins Gegenteil verkehrt. Nach diesem Moment geht das Stück immer sehr schnell auf sein Ende zu.

Francesco Schettino, den Mann, den die Welt als " Kapitän Feigling", als "Comandante Dilettante" verlacht und angeklagt hat , könnte eventuell gar nicht die Hauptschuld an dem Unglück der „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio tragen. Am Sonntag erfuhr die Öffentlichkeit von dem Gericht der Provinzhauptstadt Grosseto entscheidende Details aus der Vernehmung des Kapitäns, die die Reederei Costa Crociera schwer belasten.

Die Richterin Valeria Montesarchio hatte Schettino nach dem Unglück verhört und am Dienstag für den Kapitän wegen Vertuschungsgefahr Hausarrest angeordnet. Er darf mit niemandem außer seinen engsten Angehörigen und seinem Anwalt Kontakt haben.

"Knicks" sei geplant und gewollt gewesen

„Die Costa wusste, dass regelmäßig in der ganzen Welt ‚Knickse' gemacht wurden“, wird Schettino nun in den Zeitungen zitiert. Mit „Knicks“ („inchino“) bezeichnen die Seefahrer Manöver, bei denen sie gefährlich nah an einen bestimmten Punkt an einem Hafen fahren, sei es die Seejungfrau in Kopenhagen oder eben, wie in diesem Fall, die Küste Giglios.

„Der ‚Knicks' des 13. Januars“, so zitiert die Nachrichtenagentur Ansa, „ist noch vor der Abfahrt von Civitavecchia von Costa geplant und gewollt worden.“ Der Grund dafür sei gewesen, die Seemannstradition als „Werbung“ zu nutzen.

Auf Nachfrage der Richterin, ob dieses das erste Mal gewesen sei, dass der Kapitän Giglio auf diese Weise angesteuert habe, habe der geantwortet: „Nein. Ich habe das schon in der Vergangenheit gemacht, auch mit der ,Costa Europa' und anderen Schiffen.“

Schettino im Wettstreit mit weiterem Kapitän

Schettino habe auch noch einen anderen Grund für den „Knicks“ genannt: Es habe einen Wettstreit mit Massimo Garbarino, einem anderen Kapitän, gegeben. „Der machte ,Knickse' dort, und ich habe ihm versprochen – auch per Mail –, es nächsten Sommer auch zu tun.“

Am Sonntag wurde aus dem siebten Deck des Schiffs eine weitere Frauenleiche geborgen. Sie war mit einer Schwimmweste bekleidet. Ob der ebenfalls geborgene Fahrtenschreiber die Untersuchungen vorantreiben wird, ist noch unklar. Laut Schettino war die Black Box nicht voll funktionsfähig. „Seit 15 Tagen war das Back-up der Sprachaufzeichnung kaputt. Wir hatten einen Techniker gebeten, das Problem zu beheben, aber nichts ist passiert.“

Mehrere italienische Tageszeitungen zitieren aus dem Verhör, in dem Schettino auch etwas darüber sagt, warum er so spät den Alarm ausgelöst habe. „Bevor wir einen Notruf auslösen, müssen wir ganz sicher sein, weil man nicht mit den Passagieren auf dem Meer bleiben will, und weil man auch keine unnötige Panik verbreiten will, sodass die Menschen schon vor lauter Angst sterben.“

Schiffseigentümer wollte Hubschrauber schicken

Schettino berichtet von zahlreichen Kontakten mit dem Schiffseigentümer: Er habe „mehrmals“ mit Roberto Ferrarini, dem Krisenmanager der Costa, gesprochen. Ferrarini habe ihm versprochen: „Ich schicke Ihnen Hubschrauber.“

Am neunten Tag nach dem Kreuzfahrtunglück hat die italienische Polizei einen weiteren Toten identifiziert. Es solle sich um das erste deutsche Todesopfer handeln. Die Identität des Mannes wurde nicht bekannt gegeben, auch das Auswärtige Amt bestätigte die Meldung nicht. Elf deutsche Passagiere werden noch vermisst.

Acht der 13 bislang geborgenen Leichen sind damit identifiziert worden. Wie der Leiter des italienischen Zivilschutzes, Franco Gabrielli, sagte, ist unter den identifizierten Toten ein Deutscher , vier Franzosen, ein Italiener, ein Spanier und ein Ungar. Bei den fünf weiteren noch nicht identifizierten Toten handele es sich um drei Männer und zwei Frauen.

Widersprüchliche Angaben bei Anzahl der Passagiere

Da den Einsatzkräften zum Teil widersprüchliche Angaben über die Anzahl der Passagiere und Besatzungsmitglieder vorliegen, geht deren Chef Gabrielli momentan weiter von 24 Vermissten aus. Es sei aber auch möglich, dass die fünf noch unidentifizierten Opfer nicht auf den offiziellen Listen standen. Sie wären demnach zusätzlich an Bord gewesen.

Eine Frau aus Ungarn hat sich nach Angaben ihrer Familie auf der Costa Concordia aufgehalten, steht aber nicht auf der Liste der Reederei. „Sie könnte eine 25. Vermisste sein“, sagte Gabrielli.