Wachstum im dritten Quartal

Deutsche Wirtschaft überraschend stark in Euro-Krise

Die deutsche Konjunktur nimmt wieder Fahrt auf. Im dritten Quartal legte sie um 0,5 Prozent zu, das Vorquartal wurde sogar nach oben korrigiert.

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Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal trotz der Schuldenkrise in Europa kräftig gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt legte von Juli bis September um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu, teilte das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung mit. „Dazu trugen insbesondere die gestiegenen privaten Konsumausgaben bei“, sagte ein Statistiker.

Im Frühjahr fiel das Wachstum zudem stärker aus als bislang angenommen: Das Bundesamt korrigierte es von 0,1 auf 0,3 Prozent nach oben. Für Schwung sorgten im Sommer auch die Unternehmen, die wieder mehr in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen investierten.

Die Bauausgaben gingen dagegen nach dem starken Jahresbeginn etwas zurück. Da Exporte und Importe etwa gleich stark zulegten, hatte der Außenhandel „kaum messbare Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal“. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sieht die deutsche Wirtschaft „nach wie vor in guter Verfassung“. Das Vorkrisenniveau sei überschritten worden, erklärte Rösler.

Nach dem rasanten Aufholprozess sei aber in den kommenden Monaten mit einer Verlangsamung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu rechnen. Unter anderem würden die Turbulenzen auf den Finanzmärkten zur Verunsicherung von Konsumenten und Unternehmen beitragen. Die Wirtschaftspolitik müsse jetzt durch entschlossene Konsolidierung und bessere Wachstumsbedingungen „die Vertrauenskrise möglichst schnell überwinden“.

„Zu Konjunkturoptimismus besteht kein Anlass, denn die Industrie hat vor allem vom Auftragspolster der vorangegangenen Monate gezehrt“, sagte auch Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Im vierten Quartal werde das Wachstum vor allem wegen der Krise im Euro-Raum mager ausfallen.

Hierauf deuteten die in den letzten Monaten stark eingebrochenen Umfragewerte unter Verbrauchern und Unternehmern hin. „Die Menschen sind verunsichert, sagte Fichtner. “Das ist Gift für die Konjunktur." Viele Experten befürchten am Jahresende und Anfang 2012 eine Stagnation, einige sogar eine milde Rezession. Die Konjunkturerwartungen der Finanzexperten fielen im Oktober um 6,9 Punkte auf minus 55,2 Zähler, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte. Auch die Lagebeurteilung gab weiter nach. Sie sank um 4,2 Punkte auf 34,2 Zähler und lag damit über den Markterwartungen.

Verbraucher reagieren zurückhaltend

Der deutsche Einzelhandel rechnet ebenfalls mit einer Eintrübung der Konsumenten-Stimmung in den kommenden Wochen. Die jüngste Befragung von Einzelhändlern seines Verbandes habe ergeben, dass „wir eine leichte Eintrübung im Oktober/November verspüren“, sagte der Präsident des Einzelhandelsverbandes HDE Josef Sanktjohanser. „Im Weihnachtsgeschäft wird es noch ein leichtes Plus geben“, ergänzte er. Er stelle aber fest: „Aber die Verbraucher reagieren schon leicht zurückhaltend.“

Die Politik forderte er daher auf, alles zu verhindern, was dem Konsum schadet. Der Einzelhandel ist derzeit der Wachstumsmotor der deutschen Konjunktur schlechthin. Die exportabhängige Industrie spürt dagegen die Schuldenkrise und die weltweite Konjunkturabkühlung bereits: Sie erhielt zuletzt deutlich weniger Aufträge aus der Währungsunion, in die etwa 40 Prozent ihrer Ausfuhren gehen. Auch in Übersee lässt das Wachstum nach. Im Vergleich zu vielen anderen Euro-Ländern steht Deutschland sehr gut da. Spaniens Wirtschaft stagnierte im Sommer, während die portugiesische sogar um 0,4 Prozent schrumpfte. Frankreich schaffte ein Plus von 0,4 Prozent.

Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal legte das deutsche Bruttoinlandsprodukt um kräftige 2,5 Prozent zu. Im Frühjahr waren es noch 3,0 Prozent. Bundesregierung, Forschungsinstitute und Wirtschaftsweise sagen für dieses Jahr ein Wachstum von rund drei Prozent voraus, erwarten 2012 aber nur noch rund ein Prozent.

Nach Einschätzung des DIW ist das kräftige Plus im dritten Quartal vor allem dem Quartalsauftakt im Juli zu verdanken, da aufgrund der späten Lage der Sommerferien in einigen Bundesländern ein großer Teil der Produktion vorgezogen wurde. Schon im August und September sei die Industrieproduktion dagegen deutlich zurückgegangen . Im Jahresdurchschnitt 2011 dürfte das Wirtschaftswachstum nach Einschätzung des DIW trotzdem rund drei Prozent betragen. Auch der Ökonom Carsten Brzeski von der ING Bank hält dieses Ziel nach wie vor für erreichbar. Allerdings ist auch seine Einschätzung für die kommenden Monate düster.

Frankreich und Italien seien zuletzt in den Strudel der Schuldenkrise geraten , wodurch die deutsche Exportwirtschaft leiden werde. Deutschland habe dadurch seine Immunität eingebüßt. Den Angaben der Statistikbehörde geht die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal auf das Konto der rund 41,2 Millionen Erwerbstätigen im Inland. Das seien 495.000 Personen oder 1,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.