Flirtexperte

Die deutsche Frau – "groß, blond, schön, unsexy"

Im Ausland kommt die deutsche Frau nicht gut weg, sagt Flirtexperte Alain Xavier Wurst. Sie ist eine Mischung aus Angela Merkel und Claudia Schiffer.

Morgenpost Online: Was macht die deutsche Frau falsch?

Alain Xavier Wurst: Schauen Sie sich Ihre Körperhaltung an: Die gekreuzten Arme signalisieren Abwehr. Das ist es, was ich bei der deutschen Frau vermisse. Die Leichtigkeit! Ihre Kollegin hingegen, die ist der Inbegriff der Leichtigkeit.

Morgenpost Online: Wir haben ja gerade, durch Thilo Sarrazin inspiriert, eine Debatte in Deutschland, dass wir uns selbst abschaffen. Ihr Buch geht da in dieselbe Richtung. Sie sagen, es gibt keinen Nachwuchs, weil die deutschen Frauen das Flirten nicht beherrschen.

Wurst: Ich habe die Einleitung geschrieben, bevor „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht wurde. Aber als ich davon hörte, dachte ich: Volltreffer. Mein Buch ist eine Antwort auf Thilo Sarrazin. Ich habe jetzt auch sein Buch bestellt, aber noch nicht gelesen. Ich weiß aber: Bei Sarrazin kommt das Wort Flirt nicht einmal vor. Er hat die Thematik ...

Morgenpost Online: ...verkannt?

Wurst: Ich würde sagen: übersehen. Also: mehr Flirten, mehr Leichtigkeit, und dann kommt es naturellement zu Babys.

Morgenpost Online: Aber Sie haben es beim Flirten auch per se einfacher mit Ihrem französischen Akzent.

Wurst: Mais non, ich könnte noch mehr mit meinem Akzent spielen, aber das tue ich nicht.

Morgenpost Online: Das wirkt also nur so. Geben Sie es zu, sobald Sie ins Taxi steigen, berlinern Sie doch mit dem Fahrer: „Ey, Keule!“

Wurst: Was ich nicht alles tue, um dieses Buch zu verkaufen! Ich glaube aber nicht, dass es mit dem Akzent zu tun hat, es hat etwas mit der Einstellung zu tun.

Morgenpost Online: Und wie ist die?

Wurst: Flirten ist in Deutschland nicht so selbstverständlich.

Morgenpost Online: Aber das ist doch ganz schön, so gewinnt das Spiel mehr Bedeutung.

Wurst: Und vor allem mehr Verkrampftheit! Ich habe den Eindruck: Flirten darf in diesem Land nur an gewissen Orten zu gewissen Zeiten passieren.

Morgenpost Online: Also erst nach sieben?

Wurst: Ich muss sagen, ich glaube Axel Springer ist einer der letzten Enklaven des Flirtens. Das merkt man sofort am Empfang. Aber sonst: Es genießt in diesem Land geringe Akzeptanz. Einem wird permanent signalisiert: Es ist falsch zu flirten.

Morgenpost Online: Das hört sich so an, als lägen viele schwere Traumata hinter Ihnen.

Wurst: Mit schönen Geschichten kann man kein Buch schreiben, die interessieren niemanden. Negative Beispiele gibt es viele. Zum Beispiel diese Situation, die ich selbst erlebt habe: Es kam zu Zärtlichkeiten und die unterbrach sie, um ihre Zähne zu putzen. Zähne putzen! Aus solchen Einzelbeispielen baue ich meine Sozialtheorie auf, da kommen dann natürlich viele Klischees.

Morgenpost Online: Und wie merke ich jetzt, dass jemand mit mir flirtet? Wo fängt der Flirt an?

Wurst: Das Flirten kann in dem Moment beginnen, in dem wir uns begegnen.

Morgenpost Online: An welchem Punkt versagt dann die deutsche Frau?

Wurst: Schon am Anfang. Sie sieht den Flirt als Angriff. Es verunsichert sie. Sie denkt: Was will der von mir? Sie denkt: hä?

Morgenpost Online: Das ist ein häufig wiederkehrender Vorwurf in Ihrem Buch, dieses „Hä?“

Wurst: Ja, manchmal auch „Huch“: Dann sagt die Frau: Du spielst mit mir? Und ich sage: Mais oui, natürlich spiele ich, was für eine Frage. Du sollst auch spielen.

Morgenpost Online: Also die deutsche Frau geht nur auf den Flirt ein, wenn sie bereit ist, eine Beziehung mit dem Flirter zu führen.Wir sind also zu zielorientiert?

Wurst: Genau, dabei muss der Flirt ja gerade ziellos sein. Er dient dazu; das Gegenüber von Mann und Frau zu zelebrieren. Es ist einfach eine Haltung: Ohne zu flirten langweile ich mich.

Morgenpost Online: Aber was ist denn eigentlich mit dem deutschen Mann?

Wurst: Ja, ganz genau. Dazu komme ich am Ende meines Buches. Mesdames, ich kann euch verstehen. Ich nehme euch in Schutz. Der deutsche Mann ... das ist echt ein Ding. Man kann das Problem am besten so zusammenfassen, wie es eine Freundin von mir gemacht hat: Der deutsche Mann lädt dich zum Fußballschauen ein – und schaut Fußball.

Morgenpost Online: Ja, so was ist schon passiert.

Wurst: Eine andere Freundin meinte, bei mir ist der Typ dann sogar eingeschlafen. Das ist das eine Problem des deutschen Mannes, das andere: die Romantik. Die verwechselt Lieben mit Leiden. Schauen Sie sich Werther an. Der vergeht in seinem Leiden, statt Charlotte zu umwerben. Werther, das ist so ein Überdeutscher.

Morgenpost Online: Was können wir jetzt mit dem deutschen Mann tun?

Wurst: Ihr müsst ihn erziehen.

Morgenpost Online: Da kommt aber dann doch wieder das Schwere, gar nicht Leichte ins Spiel.

Wurst: Man muss eben Prioritäten setzen.

Morgenpost Online: Und wie würden wir das machen?

Wurst: Ich weiß nicht, oh, na, ja, wie kann man das machen? Er beugt sich runter zum Aufnahmegerät: Ich bin überfragt...

Morgenpost Online: Es gibt ja mittlerweile auch eine ganze Reihe Flirtakademien in Deutschland, sind die zu empfehlen?

Wurst: Da habe ich von gehört, aber das brauche ich nicht.

Morgenpost Online: Die Deutschen anscheinend schon.

Wurst: Ich habe ein paar Videos darüber gesehen, das war fürchterlich, superernst, superspießig, superklischeehaft. Die Amerikaner dagegen gestalten das sehr lustig.

Morgenpost Online: Flirten die origineller?

Wurst: Bei denen kommt die Anweisung zum Flirten nicht so von oben. Ein Mann, der allen erklärt, wie es läuft. Herr Professor von der Uni zum Flirten. Das geht nicht. Meine Erfahrung kommt aus dem Kino – und dem Alltag mit den Französinnen.

Morgenpost Online: Welche Nation flirtet am besten?

Wurst: Hm, na, ja. Also die Französinnen. Obwohl es auch in Frankreich nicht so einfach ist. Da wird eben auch ein bisschen mehr erwartet. Aber die Frau geht da auch mehr auf den Mann ein und sagt nicht nur Hä oder Huch.

Morgenpost Online: Glauben Sie, Angela Merkel, zum Beispiel, täte sich einen Gefallen, wenn sie beim G-8-Gipfel ein bisschen mehr auf die Herren eingehen würde?

Wurst: Also nicht bei Sarkozy, der ist einfach eine tragische Figur, unser Berlusconi.

Morgenpost Online: Würden Sie sagen, Angela Merkel ist eine typisch deutsche Frau?

Wurst: Ja, in ihrer Bemühung um Neutralität auf jeden Fall. Bloß kein Glamour!

Morgenpost Online: Das ist typisch für uns?

Wurst: Hm.

Morgenpost Online: Trauen Sie sich ruhig.

Wurst: Also ja. Sobald eine Frau sich schön macht, wird hier sofort gefragt: Hat sie das nötig?

Morgenpost Online: Denken das die Männer?

Wurst: Nein, die anderen Frauen.

Morgenpost Online: Aber muss denn Flirten immer so komplett sexualisiert sein? Sie beschweren sich in Ihrem Buch zum Beispiel über die mangelnde Bereitschaft der deutschen Frau, spitze Schuhe mit Absätzen zu tragen. Kann man nicht in Gummistiefeln flirten?

Wurst: So war das nicht gemeint. In dieser Episode sagt mir die Frau, sie würde solche Schuhe nicht tragen, weil sie keine Nutte sei. In Deutschland spaziert jeder mit einer kleinen Über-Ich-Wolke über dem Kopf durch die Gegend. Und wenn es um Sex geht, regnet es. Was ist so schlimm daran, zu seiner Weiblichkeit zu stehen?

Morgenpost Online: Aber Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die deutsche Frau noch etwas lernt? Immerhin leben Sie immer noch in Hamburg.

Wurst: Das Buch ist ja im Prinzip eine Liebeserklärung an die deutsche Frau. Unser Klischee der deutschen Frau ist, dass sie groß, blond, schön und unsexy ist. Sie ist Claudia Schiffer.

Morgenpost Online: Und emanzipiert? Ist das vielleicht auch ein Problem fürs Flirten?

Wurst: Das ist nicht auszuschließen. Da ist die Frau ja als Mensch nur ernst zu nehmen, wenn sie ihre Weiblichkeit quasi ausblendet. Wenn man in Deutschland flirtet, überlegt die Frau die ganze Zeit, ist das jetzt billig, ist mir das jetzt zu doof.

Morgenpost Online: Aber wie ändern wir uns jetzt, damit wir die Nation nicht abschaffen?

Wurst: Ein bisschen spielerischer sein. Nur weil Sie flirten, müssen Sie nicht unbedingt an die Problematik Kinder versus Karriere denken. Stehen Sie zu Ihrer Weiblichkeit. Denken Sie nicht daran, dass Sie political correct sein müssen. Brigitte Bardot machte, was sie wollte, mit sich selbst und mit den Männern. Ein schönes Programm, non?