Warum Marie-Chantal bislang keinen Freund fand, bleibt rätselhaft. Eine wunderschöne rote Haut, das Interieur schwarz-rot kariert – vielleicht traf das Outfit nicht den Geschmack der Tschechen.
Wohl deshalb stand der Renault 4, Baujahr 1988, jahrelang im Ausstellungsraum eines Händlers – ohne Beachtung zu finden. Soweit sich die Historie rekonstruieren lässt, kaufte nach der Wende ein Mann aus Ostdeutschland den französischen Wagen mit dem Werksnamen „Marie-Chantal“, ohne ihn je zu benutzen.
Kürzlich entdeckte ein Lackierer des Lilienthaler Mercedes-Youngtimerspezialisten „Kultmobile mit Stern“ den Wagen: gerade mal 16 Kilometer auf dem Tacho, die Fußmatten noch eingeschweißt, die Sitze in Originalfolie verpackt.
Ehemaliges Studentenauto auf der Bremen Classic Motorshow
An diesem Wochenende (4.2. bis 6.2.) präsentiert sich das einst beliebte Studentenauto auf der Bremen Classic Motorshow – flankiert von rund einem Dutzend anderer Autos der 70er- und 80er-Jahre, alle extrem wenig gelaufen. Sie gehören zur Sonderschau „junge Klassiker“.
„Es geht uns um möglichst neuwertige Youngtimer, die früher oft auf der Straße zu sehen waren, aber heute fast verschwunden sind“, sagt Projektleiter Frank Ruge. „Besonders die heute 30- bis 50-jährigen Autofans können ihre Träume von damals nun erfüllen. Dabei ist das Image egal – das ‚Haben-Wollen‘ macht diese Fahrzeuge so reizvoll.“ Und das ‚Haben-Können‘: Alle Exponate sind käuflich.
Dass in Bremen nur Prachtstücke stehen, war ein besonderes Anliegen von Ruge. So glänzt neben Marie-Chantal in Halle 6 ein VW Käfer von 1974, der nur 228 Kilometer gelaufen ist. Der Wagen sicherte einem Hamburger jahrelang seine Garage. Die durfte er laut Mietvertrag nur behalten, wenn ein Auto drin steht.
Opel Rekord von 1967 mit 7100 Kilometern auf dem Tacho
Ein Allerweltsauto war auch der Opel Rekord C, als ehemaliger Millionenseller heute kaum gefragt. Anders wird es, wenn so ein 67er-Modell mit nur 7100 Kilometern im Angebot ist. Auch der Audi 100 LS von 1976 ist mit 8000 Kilometern so gut wie frisch vom Band.
Heute noch öfter zu sehen ist ein Mercedes W126, aber nicht – wie Ruges 82er-Modell – mit nur 29.000 Kilometern auf dem Tacho. Exotischer ist da schon ein 115 PS starker Ford Escort RS 1600i aus dem Jahr 1982, in Bremen mit nur 29.700 Kilometern auf der "Uhr". In der Oberliga spielen bereits Exponate wie BMW M 635 CSi (1989, 11.500 km), Mercedes 500 SL 6.0 AMG (1989, 22.200 km), Lancia Stratos HF Stradale (1973, 3500 km), Ferrari 308 GT4 Dino (1978, 58.000 km) und Audi Sport quattro (1986, 36.500 km).
Wieso es immer wieder jahrzehntealte Autos mit extrem wenig Laufleistungen gibt, weiß Hans-Joachim Weise vom Hannoveraner Oldtimerspezialisten Schröder & Weise: „Manche Väter haben schon bei der Geburt ihres Kindes das Einstiegsauto für den Nachwuchs gekauft und bis zum 18. Geburtstag weggestellt – der Filius aber will so eine altes Modell gar nicht mehr fahren.“
Bezahlt und nie abgeholt
Oft steckt auch ein Rechtsstreit dahinter (beschlagnahmte Autos, die in Lagerhallen untergestellt wurden), mal wurde ein bestelltes und bezahltes Auto nie abgeholt und verstaubte in einer Werkstatt. „Und manchmal verkauft die Witwe den Neuwagen ihres verblichenen Gatten viele Jahre nicht, weil die Nachbarn ja Schlechtes denken könnten“, sagt Weise.
Vor rund zwei Jahren wurde sogar ein vergessenes Autohaus wiederentdeckt. Im Sommer 2008 bot ein Mann den Großteil seines Erbes an: Sein Vater, einst Fiat-Händler in Kolding, Dänemark, saß bis zu seinem Tod auf einem unverkauften Bestand an Neuwagen – hauptsächlich Fiat 127 mit nicht mehr als 300 Kilometern auf dem Tacho.
Der Grund: Der Autohauschef musste sich 1981 zwischen dem Lkw- und dem Pkw-Geschäft entscheiden. Er wählte die Brummer und stellte die Autos einfach weg – auch einst in Zahlung genommene Schätze wie einen Fiat Topolino von 1951 mit 15.922 Kilometern auf dem Tacho und einen erst 16.000 Kilometer altem Lancia Beta 1800.
Schrauben am Tacho mit Wachs gesichert
Doch woran erkennt man, ob ein Youngtimer tatsächlich so neu ist wie versprochen? Weises erster Rat: „Meistens wurden die Schrauben am Tacho mit Siegelwachs gesichert – diesen Stellen muss der erste Blick gelten.“ Denn letztlich kann jeder Laie mit der Bohrmaschine den analogen Kilometerzähler rückwärts laufen lassen.
Der zweite Check sollte aus der „Plausibilitätsuntersuchung“ bestehen: „Abgewetzte Pedale, abgenutzte Teppiche durch die Fußhacken, viele Kratzspuren am Einstieg, Steinschläge, verkratzte Tankeinfüllstutzen, abgenutzte Scheibenwischerblätter – all das weist darauf hin, dass ein Auto viele Kilometer in hartem Einsatz fuhr.“
Renault 4, Baujahr 1988, für 14.000 Euro
Wer allerdings mit Schnäppchen bei den neuen Alten rechnet, irrt. Der Käfer wird rund 25.000 Euro kosten, beim Lancia Stratos darf ein sechsstelliger Betrag nicht verwundern. Dagegen gibt sich Marie-Chantal recht bescheiden: Mit neuen Flüssigkeiten befüllt und getestetem Motor soll sie für 14.000 Euro zu haben sein. Was beweist, dass auch solche Autos eine langfristige Wertanlage sein können: 1986 kostete die einfachste Version in Deutschland gerade einmal 10.090 D-Mark.




