Muscle Car

Die Legende Ford Mustang lebt – und wie!

| Lesedauer: 7 Minuten
Thomas Geiger

Der neue Ford Mustang ist günstig und gut – in Deutschland aber nur über Importeure zu bekommen. Das könnte sich bald ändern.

Das sollte Ford eine Lehre sein: Kaum hatten die Entscheider in der Europazentrale in Köln zum Abschied vom aktuellen Focus das limitierte Sportmodell RS 500 aufgelegt, da war der kompakte Kraftmeier auch schon vergriffen. Und das, obwohl der 350 PS starke Wagen mit 46.050 Euro ganz weit oben an der Spitze der Preisliste steht. "Das hat uns selbst überrascht", sagt Baureihenchef Gunnar Herrmann. "Mit solchen Autos und solchen Reaktionen hatten wir bislang keine Erfahrungen."

Dabei braucht es kein außergewöhnliches Gespür, um die Faszination und die Anziehungskraft zu spüren, die ein solcher Wagen auf die Menschen ausübt. Schließlich gibt es im Modellprogramm von Ford ein Auto, das rund um den Globus viel mehr Menschen begeistert, als es der Focus je tun wird - und das schon seit beinahe 50 Jahren. Die Rede ist vom Mustang, dem Urvater aller Muscle Cars.

In Amerika ist der Wagen eine Legende. Nicht nur, weil er (wie bei uns vielleicht der VW Golf GTI) mit viel Leistung für relativ wenig Geld Generationen von rebellischen Teenagern die eilige Emanzipation vom Elternhaus ermöglicht hat. Auch im Rest der Welt erntet der kernige Sportwagen aus Detroit begehrliche Blicke. Dennoch ist der Mustang in Deutschland nicht für Geld und gute Worte zu bekommen – zumindest nicht beim klassischen Ford-Händler.

Freie Importeure wie Dieter Thiel, dem Chef von USCars24.de in Wuppertal, freut dies, weil er so mehrere Hundert Autos im Jahr ins Land holen und zu ordentlichen, aber noch immer attraktiven Preisen verkaufen kann. 31.800 Euro kostet bei ihm das Einstiegsmodell mit sechs Zylindern. Und selbst das V8-Cabrio kann man nur mit viel Zusatzausstattung über 50.000 Euro treiben. Die Kunden bekommen so einen kernigen Sportwagen zu einem guten Tarif. Importeure wie Thiel machen trotz des im Augenblick miserablen Dollarkurses ein ordentliches Geschäft - schließlich beginnt die US-Preisliste bei knapp über 21.000 Dollar oder umgerechnet etwa 17.300 Euro.

Dem europäischen Ford-Management in der Kölner Zentrale missfällt diese freiwillige Selbstbeschränkung zunehmend. Seitdem der Konzern die Strategie "One Ford" ausgerufen hat und Modelle wie den Fiesta und den Focus mehr oder weniger identisch auf der ganzen Welt verkauft, mehren sich auch die Forderungen der Kunden nach einem globalen Mustang.

Zum 50. Geburtstag in vier Jahren, so hört man zumindest gerüchteweise in Detroit, soll die nächste, die sechste Generation des berühmten Sportwagens kommen. Und es ist gut möglich, dass sich die Amerikaner dann endlich für die Entwicklungshilfe aus Köln mit einem offiziellen Europa-Export des Klassikers revanchieren.

Auch wenn alle Welt auf den großen Wurf zum Jubiläum wartet, haben die Ford-Ingenieure die Hände nicht in den Schoß gelegt. Im Gegenteil: Selbst als die Krise am schlimmsten war und andere US-Legenden wie Dodge Viper oder Corvette eingestellt oder aufs Abstellgleis geschoben wurden, hat Ford weiterhin fest zum Mustang gestanden. Allerdings wurden auch am Markenstammsitz in Dearborn vor den Toren Detroits sparsamere Motoren und kleinere Autos entwickelt, die der Marke womöglich den Bankrott erspart haben. Gleichzeitig wurde aber eben auch der Mustang weiter aufgerüstet.

Neben einem neuen Sechszylinder mit 100 PS mehr Leistung und 25 Prozent weniger Kraftstoffverbrauch gibt es ihn deshalb seit Kurzem in Amerika und über freie Importeure auch in Deutschland mit einem nagelneuen V8-Motor, der nach alter Väter Sitte vor allem mit Hubraum und mit Leistung lockt.

Dennoch ist der Wagen auch sparsamer im Verbrauch. Um das zu erreichen, ist das Gehäuse aus Aluminium gegossen, und die Ventile lassen sich noch feiner ansteuern. Doch die entscheidenden Eckdaten sind nicht die 11,2 Liter Sprit im Normverbrauch oder der Kohlendioxidausstoß von 314 Gramm pro Kilometer – alles auf dem Niveau einer potenten Mercedes E-Klasse. Wichtig sind bei diesem Auto ganz andere Kenngrößen: fünf Liter Hubraum, 417 PS und 529 Newtonmeter – das sind die Zahlen, die man bei einem amerikanischen Sportwagen hören will.

Besonders gut genießen kann man den neuen Motor im Ford Mustang Cabrio: Dann hört man am besten das Bollern der acht Zylinder. Dann genießt man am eindrucksvollsten die gewaltige Elastizität des Motors, die auch von der sechsstufigen Automatik nicht komplett aufgerieben wird und jederzeit zu spontanen Spurts verlockt. Dann kann man buchstäblich bis in die zerzausten Haarspitzen spüren, wie schnell ein Sprint im Mustang tatsächlich ist, der in 5,5 Sekunden auf Tempo 100 führt.

Bei aller Begeisterung für diesen Wagen müssen natürlich zumindest die Europäer noch ein bisschen meckern. Beispielsweise über die manuelle Verriegelung für das ansonsten elektrisch bedienbare Verdeck. Oder über Materialauswahl und Verarbeitungsqualität, die kaum jemals mit Mercedes oder Audi, ja nicht einmal mit Opel zu vergleichen sind. Aber für amerikanische Verhältnisse ist der Mustang mittlerweile fast ein liebevoll möbliertes Schmuckstück, das mit ein paar ausgefallenen Details wie etwa einer frei programmierbaren Cockpitbeleuchtung glänzt.

Auch das Fahrverhalten hat sich spürbar gebessert. Natürlich gibt es Cabrios, deren Karosserien steifer sind. Auch die neue Servolenkung mit elektrischer Unterstützung kommt nicht an Schärfe und Präzision eines BMW heran. Die Bremsen sind allenfalls gehobener Durchschnitt, und über einen Sportwagen mit 240 km/h Höchstgeschwindigkeit wird an einem deutschen PS-Stammtisch nur gelacht. Doch für ein Land, in dem die Straßen breiter, die Kurven weiter und die Tempolimits strenger sind, ist der Mustang hoch entwickelt. Und alles andere könnte ja dann zum Thema für den nächsten Generationswechsel werden.

Die Pflege des historischen Automobils hat sich nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Kaufleute gelohnt: Denn der neue Ford Mustang ist heute erfolgreicher denn je. Mittlerweile hat er in Amerika einen Marktanteil von 33 Prozent in seiner Klasse, seine Konkurrenten Dodge Challenger und Chevrolet Camaro hat er in den Verkaufsstatistiken weit hinter sich gelassen. Allein im Juni wurden in den USA knapp 9000 Mustang verkauft. Schön zu hören, dass eine Legende lebt.