Das zumindest verspricht die erste Sitzprobe in der 4,80 Meter langen, nur 1,26 Meter hohen und gefühlten zwei Meter breiten Flunder, die sich bald in die Rückspiegel von Porsche 911 Turbo, Audi R8, Ferrari & Co drängen wird. Denn bei der Gestaltung des überraschend geräumigen und bequemen Innenraums haben sich die Designer vom Cockpit eines Flugzeugs inspirieren lassen. Die aus dem vollen gefrästen Ausströmer der Klimaanlage erinnern an die Triebwerke eines Jets , die Instrumententafel hat das Profil einer Tragfläche, und wo früher mal ein gewöhnlicher Wählhebel für die Automatik aus dem Mitteltunnel ragte, wechselt der SLS-Fahrer die Gänge des Doppelkupplungsgetriebes mit jenem breiten Riegel, mit dem der Pilot den Schub seines Fliegers reguliert.
Dazu gibt es eine ganze Batterie von Schaltern in der neuen AMG Drive Unit auf dem Mitteltunnel, deren Startknopf den Zündschlüssel überflüssig macht, sowie ein Kombiinstrument mit zwei tiefen Tuben, in dessen Mitte über dem Bildschirm wie im Rennwagen eine bunte Ampel den richtigen Zeitpunkt zum Gangwechsel anmahnt. Während sich diese Anzeige ganz bewusst in den Vordergrund drängt, sind viele andere Bedienelemente bis hin zum Musik- und Navigationssystem aus der C-Klasse so dezent gehalten, dass man sie fast schon übersieht – was bei ihrem schlichten Design auch keine Schande ist. Außerdem experimentiert AMG mit einem neuen Materialmix, der den Spagat zwischen Performance und Prestige stehen soll: Die engen Sitze sind mit einem besonders feinen Rinderleder bezogen, die allermeisten der glänzenden Zierteile sind tatsächlich aus Metall gefräst, und wem die perlgestrahlte Oberfläche der metallenen Mittelkonsole nicht gefällt, bekommt dort auf Wunsch auch echtes Karbon.
Damit der Fahrer tatsächlich zum Piloten wird, braucht es natürlich auch genügend Schub. Für den sorgt der hauseigene Achtzylinder, der noch einmal überarbeitet wurde und nun auf 571 PS und 650 Nm kommt. Weil Mercedes für den SLS ganz in der Tradition des alten Flügeltürers den Leichtbau wieder entdeckt hat und der Renner mit etwa 1600 Kilogramm 20 Prozent leichter ist als ein normaler SL, sind die Fahrleistungen entsprechend attraktiv: Den Sprint von 0 auf 100 schafft der Renner in 3,8 Sekunden und Schluss ist erst bei 316 km/h. Dennoch soll der Spitzensportler mit einem Normverbrauch von rund 13 Litern halbwegs sozialverträglich bleiben.
Aber der SLS soll nicht nur geradeaus schnell fahren. Für eine maximale Querdynamik gibt es einen besonders tief gelegten Motor mit so genannter Trockensumpfschmierung und eine ausgeglichene Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse. Dafür hat Mercedes eigens ein neues Getriebe gewählt, das direkt auf der Hinterachse sitzt. Und weil es das im Konzern ohnehin nicht gab, haben sie gleich eine siebenstufige Automatik mit Doppelkupplung eingekauft.
Mit dem SLS rückt AMG nicht nur ins Feld der halbwegs bezahlbaren Supersportwagen auf, sondern emanzipiert sich vollends von der Marke Mercedes. Denn anders als alle bisherigen Sportler aus Affalterbach teilt der Flügeltürer keine nennenswerten Komponenten mehr mit der Großserie und gilt als erste Eigenentwicklung in der über 40jährigen AMG-Geschichte. Gebaut allerdings wird bei AMG nur der Motor, denn die Karosserie und das Gesamtfahrzeug montiert Mercedes in Sindelfingen.
Noch gibt es zwar viele offene Fragen rund um den Flügeltürer, doch spätestens nach der Sitzprobe ist die Sehnsucht geweckt. Mit der Startfreigabe für den neuen Flügeltürer wird es aber noch bis zum Frühjahr 2010 dauern. Es bleibt also noch ein Jahr zum Sparen, denn rund 170.000 Euro wird man wohl anlegen müssen, um den SLS in der heimischen Garage parken zu können.




