VW-Vorstand

Jedes Volk bekommt seinen Wagen

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Jürgen Zöllter

Amerikaner lieben es groß und einfach. Südamerika will kleine Autos. Und die Chinesen haben es gern luxuriös. VW-Technikvorstand Ulrich Hackenberg erklärt, warum er für alle Regionen der Welt eigene Produkte entwickelt. Und weshalb der Trend zum Spar-Mobil in den USA kein kurzer Hype sein kann.

Globalisierung funktioniert auch andersherum: Während viele Menschen glauben, das Zusammenrücken der Welt ermögliche allein den Schwellenländern Zugang zu den Märkten der Industrienationen, zeigt VW die Gegenrichtung: Die Entwicklungsabteilung unter Ulrich Hackenberg konstruiert Autos, die deutsche Kunden nie zu Gesicht bekommen, Modelle für die speziellen Kundenwünsche im Ausland. Bei der Detroit Motor Show, die am Sonntag zu Ende geht, sprach Hackenberg mit Morgenpost Online auch über seinen Optimismus, was den kränkelnden US-Markt angeht.

Morgenpost Online: Mit welchen Erwartungen ist Volkswagen nach Detroit gekommen?

Ulrich Hackenberg: Wir wollten einen Kontrapunkt gegen die vorherrschende Stimmung setzen. Wir haben gezeigt, dass wir uns schon heute auf das Ende der Absatzdelle vorbereiten, und arbeiten daran, die richtigen Produkte anbieten zu können, wenn es wieder aufwärtsgeht.

Morgenpost Online: Wann wird das sein?

Ulrich Hackenberg: Eine Voraussage wäre da nicht seriös, wir werden auf Sicht fahren.

Morgenpost Online: Was bedeuten die Veränderungen auf dem US-Markt für VW?

Ulrich Hackenberg: Wir haben 2007 in den USA rund 230.000 Einheiten verkauft und uns vergangenes Jahr mit minus 3,2 Prozent im Markt sehr gut behauptet. Aber wir werden zulegen, unser Marktanteil wird sich langfristig verdreifachen. Wir fertigen ab 2011 in einer eigenen Produktionsstätte in Chattanooga/Tennessee. Wir werden sehr konkurrenzfähige Fahrzeuge anbieten – aus der Passat-Klasse und darunter.

Morgenpost Online: Benzin ist wieder deutlich billiger geworden. Warum glauben Sie, dass die Amerikaner plötzlich Mittelklasse- und Kompaktwagen kaufen?

Ulrich Hackenberg: Diese Fahrzeuge verkaufen sich in den USA schon länger sehr gut und werden durch den Ölpreisschock des vergangenen Jahres nur noch attraktiver. Das wird auch in den USA so schnell nicht in Vergessenheit geraten. Wir werden auch Autos wie den Polo und noch kleinere Autos anbieten.

Morgenpost Online: Sehen Sie das Interesse an Kleinwagen auch als Reaktion auf die gegenwärtige Absatzkrise im US-Markt?

Ulrich Hackenberg: Die Krise kam nicht überraschend. Allerdings kam sie überraschend schnell. Wir konnten jedoch schnell reagieren, weil wir die passenden Produkte haben. Unser Jetta, insbesondere das Modell mit Dieselmotor, erlebt gegenwärtig einen Höhenflug und bereitet den Weg für kommende VW-Produkte. Die Käufer achten künftig auf niedrige Betriebskosten und niedrigeren Verbrauch. Das ist kein kurzer Hype, sondern ein langfristiger Trend.

Morgenpost Online: Wie begegnen Sie der Gefahr, ein neues Produkt am Markt vorbeizuentwickeln?

Ulrich Hackenberg: Den „Sweet Spot“ der US-Kompaktklasse bedient gegenwärtig der Toyota Corolla. Mit Sweet Spot ist die ideale Platzierung im Marktsegment zu einem konkurrenzfähigen Preis gemeint. Je näher ein Fahrzeug dem kommt, desto erfolgreicher ist es. Für die Kompaktklasse werden sich die Sweet Spots wegen veränderter Finanzierungsmöglichkeiten für Neuwagen und wachsender Unterhaltskosten verschieben. Deshalb legen wir unsere Produkte heute schon so flexibel aus, dass wir darauf reagieren können.

Morgenpost Online: Rechnen Sie mit marktbeeinflussenden Maßnahmen der US-Politik?

Ulrich Hackenberg: Auf jeden Fall. Die neue Regierung wird die heimische Automobilindustrie weiter fördern wollen und müssen. Etwas anderes kann sie sich nicht leisten. Zu viele Arbeitsplätze der Hersteller und Zulieferer gingen verloren.

Morgenpost Online: Warum glauben Sie so stark an den US-Markt?

Ulrich Hackenberg: Nordamerika ist der größte und wichtigste Automarkt der Welt, er wird seine Bedeutung behalten. Auch deshalb, weil hier die Infrastruktur der Autos bedarf.

Morgenpost Online: Mercedes und BMW bauen keine Modelle nur für bestimmte Märkte. Warum lohnt sich das für VW?

Ulrich Hackenberg: Seit vier Jahren entwickeln wir Autos für unsere Volumenmarken nach einer modularen Strategie. Verschiedene Baureihen entstehen unter Verwendung weitgehend universaler Komponenten. Dadurch ist es möglich, Fahrzeugarchitekturen gezielt für bestimmte Regionen und Märkte zu schaffen, ohne sie von Grund auf neu entwickeln zu müssen.

Morgenpost Online: Was verlangt denn der US-Markt, das der chinesische nicht kennt?

Ulrich Hackenberg: In beiden Regionen fallen die Fahrzeuge eher größer aus als in Europa. In den USA erwartet der Kunde einfache, aber umfassende Ausstattungen. In China legt man mehr Wert auf ein repräsentatives Äußeres. Chromteile sind sehr beliebt, und die Ausstattungen müssen ebenfalls umfassend sein und den Anspruch der Fondpassagiere berücksichtigen. Unbedingt beachtet werden muss auch, dass in China die Fahrzeuge ab der Kompaktklasse häufig von Chauffeuren bewegt werden.

Morgenpost Online: Wie unterscheidet sich das Profil von VW in den Regionen?

Ulrich Hackenberg: In den USA ist VW als qualitätsorientierte Marke anerkannt, mit Tendenz zum Premiumhersteller. Das verdeutlicht besonders der Jetta. Er ist hochwertiger ausgestattet als der japanische Hauptkonkurrent, liegt aber etwas weiter vom Sweet Spot entfernt und erzielt deshalb noch keine so hohen Stückzahlen. China verdankt VW seine Mobilität. Das prägt das Markenimage.

Morgenpost Online: Verkaufen Sie in China technisch einfachere Fahrzeuge als in Europa?

Ulrich Hackenberg: Nein. Die Chinesen sind anspruchsvoll und wünschen die gleichen Innovationen, die sie in europäischen Fahrzeugen sehen.

Morgenpost Online: Wie entwickelt sich die Nachfrage in Südamerika?

Ulrich Hackenberg: Die Märkte dort haben geboomt, sind dann aber rasch wieder abgekühlt. Die Situation dort ist von großen Stückzahlen, aber relativ kleinen Autos geprägt.

Morgenpost Online: Muss Volkswagen dann nicht auch Skoda in den US-Markt bringen, um gegen die koreanischen und die demnächst startenden chinesischen Anbieter anzutreten?

Ulrich Hackenberg: Wir haben strategische Schwerpunkte der Marken gesetzt und sehen Skoda im osteuropäischen Raum und in China gut platziert. Das viel beschworene Downsizing in den USA sehen wir im Übrigen auch nicht so sehr bei der Größe der Karosserie – große Autos werden in diesem Land auch weiterhin ihre Berechtigung finden, aber eher mit kleineren und sparsamen Motoren.

Morgenpost Online: Eines der jüngsten VW-Projekte ist die Entwicklung eines Ultra-Kleinwagens unterhalb des Polo. Der Up! wurde mit Heckmotor und Heckantrieb vorgestellt, aber davon sind Sie wieder abgerückt. Warum?

Ulrich Hackenberg: Wir haben von Anfang an beide Antriebsformen parallel verfolgt. Wir konnten dann die Vorteile des Heckmotorkonzepts hinsichtlich Raumaufteilung und Proportionen auf die Frontmotorvariante übertragen und haben uns wegen der finanziellen Vorteile und Synergien zu anderen Baureihen für den Frontmotor entschieden.

Morgenpost Online: Es soll auch eine neue Generation des in den USA beliebten New Beetle geben. Wird sie wieder auf der Golf-Architektur basieren?

Ulrich Hackenberg: Der New Beetle wird auf jeden Fall im US-Raum gebaut und sucht Synergien mit Fahrzeugen, die wir hier bauen. Also Golf beziehungsweise Jetta.

Morgenpost Online: Fiat übernimmt gerade Chrysler. Wenn das Angebot dieses Herstellers wegbricht: Kann Volkswagen die Angebotslücke im US-Markt schließen?

Ulrich Hackenberg: Nein, dazu ist der Markt zu groß. Wir sind nicht von heute auf morgen in der Lage, jedes Segment zu bedienen, denn Produktionskapazitäten können nicht von heute auf morgen beliebig wachsen. Wir müssten außerdem die gesamte Prozesskette bis zu den Händlern anpassen. Das würde länger dauern als die jetzige Absatzschwäche.

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