Die Zeit des PS-Gepränges ist vorbei, auf Automessen geht es nun um andere Werte: Vor gar nicht langer Zeit waren gewaltige Endrohre, die unter Stoßfängern hervorlugten, Kennzeichen der Stärke. Für die heute wichtigen Dinge gibt es noch keine Symbole, darum sind allenthalben die Wagentüren mit Zahlen und Worten beschrieben. Beim Billiganbieter Dacia ist das Wort "Eco“ zu lesen, aber auch Hersteller wie BMW verzieren ihre Türen: 119 Gramm pro Kilometer steht da. Gemeint ist der Ausstoß an Kohlendioxid.
Wer vor nur fünf Jahren in der Lage gewesen wäre, einen Zeitsprung in die Jetztzeit zu absolvieren, um eine Messe wie den gerade begonnenen Automobilsalon in Paris zu besuchen, hätte ungläubig gestaunt. Gerade noch ging es doch um Sechs-, Acht-, Zehnzylinder und ihre Leistung. Nun stehen die Abgaswerte im Vordergrund. Wer will sich da noch zurechtfinden? Die Verbraucher offenbar immer weniger. Sie wollen in dieser Zeit des Übergangs nicht falsch entscheiden und warten lieber ab. Der Verkauf neuer Autos geht stetig zurück.
Wichtigster Wert heute ist der CO 2 -Ausstoß. Er entscheidet immer öfter bei der Wahl eines neuen Wagens. Die Hersteller, das zeigt Paris, haben sich ebenfalls umgestellt. Aber sie können die Gegenwart nicht einholen. Sie können nicht anbieten, wonach sich die Kunden heute sehnen. Sie können nur ihre Visionen vorstellen. Elektroautos und Hybridmodelle, die Verbrennungs- und Elektromotor kombinieren, sieht man auf vielen Ständen, und so ist in Paris wie auf keiner Messe zuvor nachzuvollziehen, wie weit die Autobauer sind.
Das Ignorieren der Umwelttrends leisten sich nur Luxusmarken wie Rolls-Royce. Tom Purves, der neue Chef, wird im Frühjahr 2009 bei der Messe in Genf eine neue Limousine zeigen, etwas kleiner als der massige Phantom. Doch schon jetzt, Bankenkrise hin oder her, steigen die Verkaufszahlen stetig. Kunden, die mehr als 400.000 Euro in ein Auto investieren, geben sich offenbar unbeeindruckt von den Geschehnissen an den Finanzmärkten. Und sie interessieren sich wenig für Umwelttechnik.
Bei allen Herstellern aber, die näher an der Realität produzieren, entwickelt sich eine spannende Jagd: Wer kann als Erster in Serie das emissionsfreie Auto bauen? Sauber, sparsam, bezahlbar.
Ende 2009 wird BMW als erste Premiummarke mit dem X1 einen kleinen Geländewagen anbieten. Das Nachsehen haben wieder einmal Mercedes und Audi. Beide Hersteller arbeiten an ähnlichen Modellen und können doch nicht mithalten mit dem Tempo, das BMW vorlegt. Das gilt mehrheitlich auch bei umweltverträglicher Technik.
Beim neuen 7er mit Dieselantrieb sollen die Kunden mit 7,2 Litern auf 100 Kilometer auskommen können. Das sei ein Wert, den kein Hybridauto dieser Klasse schafft, wie BMW-Chef Norbert Reithofer sagt. Als Alternative wird 2009 ein Hybrid-7er mit V8-Benziner und Elektromotor in Serie gehen. Auch für das Gelände-Coupé X6 wird diese Technik angeboten.
Mercedes widersetzt sich noch dem Spartrend
Wie Salz in der Wunde von Mercedes klingen da die Worte Reithofers, der in Paris sagt: "Kein Hersteller hat so wie wir den CO 2 -Ausstoß reduziert. 45 Prozent unserer Autos stoßen weniger als 140 Gramm CO2 pro Kilometer aus.“
Die Zukunft hat bei BMW offenbar schon begonnen, während bei Mercedes daran noch gearbeitet wird. Im Vordergrund am Pariser Messestand steht die Studie "Fascination“, die einen Ausblick auf das Design der 2009 erscheinenden neuen E-Klasse gibt, dazu präsentiert Mercedes den S400 Hybrid. Die Limousine speichert die Energie für den unterstützend tätigen Elektromotor in einer modernen Lithium-Ionen-Batterie. Partner bei der Entwicklung: BMW.
Für die Mehrheit seiner Autos hat Mercedes noch keine Sparmodelle parat, auch wenn Daimler-Chef Dieter Zetsche seine Mitarbeiter vehement auffordert, Sparlösungen wie etwa den C300 Diesel-Hybrid schneller zu entwickeln. Das Auto soll erst 2011 in den Handel kommen. Dabei würde es heute schon gebraucht.
Mercedes fehlt auch, was Audi wenigstens als Konzeptauto vorstellen kann: ein kleines Modell mit alternativem Antrieb. Der Audi A1 ist ein Auto mit Symbolcharakter, das stellvertretend für viele neue Klein- und Kleinstwagen steht wie etwa den Toyota iQ: Sie sind vernünftig, aber durch moderne Formen, neu gestaltete Innenräume und Spartechnik auch eine Verlockung. Die Kunden würden sofort zugreifen, wenn sie denn könnten.
Wirklichkeitsnah zeigt der A1 mit einem besonderen Hybridkonzept, wie künftig gefahren wird: Das Auto kann wie der Hybridvorreiter Toyota Prius im langsamen Stadtbetrieb rein elektrisch fahren, aber viel weiter, nämlich gut 100 Kilometer, wie Audi sagt. Im Gegensatz zum Prius kann der A1 nicht nur über Energierückgewinnung beim Bremsen und Rollen, sondern auch an der Steckdose aufgeladen werden. Ein ähnliches Konzept zeigt allerdings auch Toyota auf der Messe.
Vor allem für Großstädte, deren Zentren in naher Zukunft wohl nur noch emissionsfrei befahren werden können, sind Elektromobile oder Hybride mit größerer Elektro-Reichweite die richtigen Autos. Aber auch Audi kann so ein Modell jetzt noch nicht anbieten. Der herkömmliche A1 ist für 2010 geplant, der Hybrid könnte 2011 kommen.
2010, 2011 – das sind die Daten, die man an jeder Ecke hört. Bis dahin müssen die Firmen noch viel investieren. Aber erst dann werde sich auch die Konjunktur wieder erholen, würden mehr Neuwagen verkauft, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Fachhochschule Gelsenkirchen. "Die Zeit bis dorthin wird schmerzhaft.“




