Zwar liegt der Showroom von Sunny Tan ein bisschen versteckt in einer Seitenstraße. Doch über einen Mangel an Besuchern kann er nicht klagen: "Zwischen 400 und 500 Menschen kommen jeden Monat zu uns“, erzählt der Chinese. Mit knapp 500 Vertragsabschlüssen im vergangenen Jahr muss sich Tan nicht verstecken. Zumal es in Peking noch fünf weitere Mercedes-Autohäuser gibt, die 2007 zusammen auf rund 2400 Zulassungen gekommen sind.
Auf den Parkplätzen vor Ministerien und Behörden dominieren auch heute noch die vier Ringe von Audi. Doch bei Privatkunden gelte die S-Klasse als Inbegriff der Luxuslimousine, sagt Tan. "Nicht umsonst ist China der zweitgrößte Markt für unser Flaggschiff“, pflichtet ihm Ulrich Walker bei, der für Daimler den Wirtschaftsraum Nordostasien verantwortet. Und ganz oben auf der Wunschliste der aufstrebenden Besserverdiener steht der prestigeträchtige S 600. "Weil wir keinen S 700 im Programm haben“, sagt Walker nur halb im Scherz. Der schwarze Luxusliner aus Sindelfingen ist im Straßenbild von Peking etwa so präsent wie bei uns eine 8A- oder eine C-Klasse und damit das meistverkaufte Mercedes-Modell im Reich der Mitte.
Mit seinem Produktportfolio ist Sunny Tan ziemlich zufrieden. Dass Daimler 2009 auch den Smart nach China bringen will, findet er gut, weil er schon heute immer mal wieder Kunden hat, die nach dem Winzling fragen. Und dass die Palette erst mit der C-Klasse anfängt, stört ihn ebenfalls nicht. "Für Autos wie die A- und die B-Klasse gibt es hier keinen Bedarf.“ Nur ein Auto würde er sich noch wünschen: eine lange 8E-Klasse. "BMW hat den Fünfer gestreckt, und Audi verkauft den A6 L. Nur wir können da nichts anbieten“, klagt der Verkäufer. Daimler-Chef Dieter Zetsche formuliert da nur eine asiatisch vage Antwort, die keinen das Gesicht verlieren lässt: "Es lohnt sich, über so ein Auto nachzudenken.“
Neu im Programm hat Tan die Sportmodelle von AMG. Denn seine Filiale ist eines von 13 "Performance-Centern" in China, in denen seit Frühjahr 2007 die Autos aus Affalterbach verkauft werden. Im ganzen Land hat AMG im vergangenen Jahr mehr als 300 Autos verkauft. "Und allein hier waren es mehr als 50“, sagt Sunny Tan – darunter vor allem S-Klassen und das G-Modell, das es in China nur als AMG zu kaufen gibt.
Anders als in Europa oder den USA gilt ein AMG in China allerdings nicht als Auto für den Alltag. "Unter der Woche lässt man sich in der S-Klasse chauffieren. Den AMG fährt man am Wochenende, wenn man Spaß haben will“, erzählt der Chefverkäufer, der inzwischen Einblick in die Verhältnisse der Superreichen hat. Dass es in der Stadt oft nur im Schritttempo vorangeht und auf den Autobahnen ein Tempolimit von 120 km/h gilt, stört die Kunden offenbar nicht. "Natürlich gibt es auch hier Geschwindigkeitskontrollen“, sagt Sunny Tan. Doch umgerechnet 20 Euro für Tempo 200 seien für diese Klientel nicht gerade abschreckend. Und Punkte gibt es in China auch nicht.
Um überhaupt mit Sunny Tan ins Geschäft zu kommen, müssen es die Kunden auf der Leiter nach oben schon ziemlich weit gebracht haben: Denn in einem Land, in dem ein einfaches Fahrrad 100 Yuan – umgerechnet nur zehn Euro – kostet, muss man für den C200 Kompressor als günstigsten Mercedes stolze 378.000 Yuan anlegen, der S 65 AMG kostet als teuerster Mercedes fast drei Millionen. Trotzdem sei dieses Auto so gefragt, dass die Wartezeit bei einem halben Jahr liege, sagt Tan. Seine Kunden kommen oft mit einem Koffer voller Geldscheine, um bar zu bezahlen.
Nachdem Tan für Mercedes erst zehn Jahre im Sultanat Brunei gearbeitet hat und schon seit 1995 in der Filiale in Peking ist, kann ihn Reichtum kaum mehr überraschen. Schließlich lief schon sein erster Vertragsabschluss gleich über zwölf S-Klassen, die in dunkelgrüner Lackierung noch heute für das vornehme „Peninsula-Hotel“ unterwegs sind.
Doch als vor zwei Jahren ein unscheinbarer Privatmann in der Mittagspause mal eben drei S 600 und zwei S 350 bestellt hat, war er doch etwas erstaunt. "Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich die Kreditkarte durchgezogen habe“, erzählt der Verkäufer. Erst als im Display des Lesegeräts 'O.K.‘ stand, ging der Puls wieder herunter, sagt der Kette rauchende Tan, steckt sich eine Zigarette in den Mund und zückt einen Mercedes-Schlüssel, der zum Sturmfeuerzeug umgebaut wurde.
Den verwunderten Blick seiner Gäste, denen all die vielen falschen Rolex-Uhren und die Montblanc-Füller vom Fake-Market in den Sinn kommen, genießt er dabei genauso wie deren anerkennendes Staunen über den zuvor servierten Cappuccino. Auf dessen cremiger Milchhaube prangt ein Mercedes-Stern aus Kakaopulver.
dpa, sid/fb





