Kommentar

Mordmotiv Frauenhass: Wenn Männlichkeit tödlich ist

Alle paar Tage kommt in Deutschland eine Frau durch häusliche Gewalt ums Leben. Privatangelegenheit? Von wegen. Das geht uns alle an.

Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt.

Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens häusliche Gewalt.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin. Jede dritte Frau macht in ihrem Leben die Erfahrung, in den eigenen vier Wänden nicht sicher zu sein. Jede dritte Frau wird irgendwann geschlagen, vergewaltigt, bedroht, missbraucht, eingesperrt, entführt, entmündigt, schätzen Experten.

Wenn Frauen von ihrem Ehemann, ihrem Partner, Ex-Freund oder Möchtegern-Geliebten gar getötet werden, dann ist das meist die dramatische Zuspitzung einer langen und leidvollen Beziehung, die aus Macht und Ohnmacht besteht.

Viel zu oft, 141-mal, endete 2018 eine Beziehung auf so grausame Weise, so die Auswertung des Bundeskriminalamtes. Jede dritte getötete Frau wurde in ihrem eigenen Umfeld zum Opfer. Dreimal so hoch ist die Zahl der Mordversuche.

Ein „Familiendrama“ kaschiert schlicht den Mord

Gewalt gegenüber Frauen ist damit längst kein Phänomen irgendwelcher sozialen Randschichten oder religiöser Fanatiker. Gewalt gegenüber Frauen ist Alltag – und wird als Alltagserscheinung verharmlost.

Das beginnt schon bei der Sprache: Ein Mord wird schnell zum „Familiendrama“ oder zur „Familientragödie“. Bringt der Täter anschließend sich selbst um, ist vom „erweiterten Suizid“ die Rede. Diese Verharmlosung hat juristische Folgen: Wenn Männer ihre Frauen töten, werden sie häufiger nur wegen Totschlags verurteilt, nicht wegen Mord.

Dabei ist das häufigste Motiv von Gewalt gegenüber Frauen: Hass auf die Frau, die anders will als er. Zum Beispiel sich trennen. So töten Männer in ihrer pathologischen Gekränktheit und rasenden Wut in einem Wahn von toxischer Männlichkeit.

Frauenhass ist bei häuslicher Gewalt das häufigste Mordmotiv

Diesen Hass als Privatangelegenheit in einer Beziehung abzutun, in der die Gleichstellung von Mann und Frau noch nicht so recht funktioniert, ist brandgefährlich. Frauenhass ist tatsächlich ein gesellschaftliches Phänomen mit dramatischen Folgen für die Allgemeinheit.

So machte der Terrorist von Halle, der vor seinem Angriff auf eine Synagoge eine Passantin erschoss, in einem Online-Manifest den Feminismus für das Elend der Welt verantwortlich. Seine Vorbilder: die Attentäter von Christchurch (2019) und Toronto (2018).

Frauenhass ist auch der Nährboden von patriarchalen Tendenzen, die sich längst nicht nur im politischen Islam wiederfinden (der allerdings in diesem Zusammenhang alles andere als zu verharmlosen ist). Die meisten Täter und auch Opfer sind deutschstämmig.

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Tatsächlich findet sich ein gestörtes Frauenbild vor allem in rechtspopulistischen Kreisen: Zwar ist vor allem für AfD-Politiker das Kopftuch das Feindbild Nr. 1, dabei ist Emanzipation wohl das letzte, was sie antreibt. So debattieren sie über die Wiedereinführung der Schuldfrage im Scheidungsrecht und wollen die Verschärfung des Paragrafen 218, nachdem Abtreibung in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft straffrei ist.

Frauenhass passt einfach nicht in diese Gesellschaft

Zudem lehnen sie Frauenquoten ab und werben für ein traditionelles Familienbild, das eher die Verhältnisse in den 1950er-Jahren widerspiegelt als das Lebensgefühl von heute.

Die dramatischen Fallzahlen zur häuslichen Gewalt wirken, als hätte es Frauenbewegung und sexuelle Revolution nie gegeben. Frauen haben immer noch zu wenig Schutz, zu wenig Hilfe. Frauenhäuser sind überfüllt und unterfinanziert, es gibt zu wenige Daten über Straftaten gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

141 tote und unzählige verletzte Frauen (und auch Kinder) – wie passt das zu einer Gesellschaft, in der die Gleichberechtigung im Grundgesetz manifestiert ist? Es passt nicht. Und das ist der Skandal.

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