Wohnungslosigkeit

Als Mutter wohnungslos: Das harte Leben auf der Straße

Das Bild von Wohnungslosigkeit wandelt sich. Denn neben Singles sind auch immer mehr Familien betroffen. Eine junge Mutter erzählt.

Stefanie Gärtner lebt mit ihrer elf Wochen alten Tochter in einem Wohnraum für Frauen in Berlin Mitte.

Stefanie Gärtner lebt mit ihrer elf Wochen alten Tochter in einem Wohnraum für Frauen in Berlin Mitte.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. 
  • Eben noch fest im Leben, plötzlich wohnungslos: Die Zahl der Familien, die auf der Straße landet, steigt
  • Vor allem für alleinerziehende Mütter ist das Leben ohne Wohnung sehr hart
  • Eine Betroffene berichtet von ihrem Leben in Notunterkünften und ohne Perspektive
  • Nur wenige können sich aus eigener Kraft wieder aufrappeln

Stefanie Gärtner* betritt vorsichtig die Küche. Es ist ein karger Raum im zweiten Stock des „Wohnraums für Frauen“ in Berlin-Mitte. Die junge Frau trägt eine rot-schwarz karierte Bluse und einen schwarzen Rock. Ihre Haare sind blond gefärbt und leicht zerzaust. Sie sieht müde aus und trotzdem wirkt sie mit ihren 34 Jahren jung.

In dem rosafarbenen Tragetuch, das sie um ihren Körper gebunden hat, schläft ihr Baby. Das ist die kleine Diana, sie ist elf Wochen alt. Drei Tage nach der Geburt sind die beiden in die Notunterkunft für Frauen eingezogen. Denn sie sind wohnungslos.

Der Fall von Stefanie Gärtner passt in die Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW). Darin lässt sich ablesen, dass in den vergangen fünf Jahren vor allem die Zahl wohnungsloser Familien und Alleinerziehender gestiegen ist. Während es 2014 noch bundesweit 134 Alleinerziehende und 565 Familien waren, die wegen Wohnungslosigkeit Hilfe bei freien Trägern wie der Diakonie oder der AWO suchten, sind es 2018 bereits 226 und 882 Fälle.

Wohnungslosigkeit trifft auch immer mehr Kinder

Gerechnet auf alle Wohnungslosen liegt der Anteil der Familien bei 3,2 % und der der Alleinerziehenden bei 0,8 %. Obwohl das nicht nach viel klingt, zeigen diese Zahlen, dass Wohnungslosigkeit immer mehr auch die Schutzlosesten trifft. Die Kinder.

Die Zahlen aus dem Dokumentationssystem zur Wohnungslosigkeit der BAGW zeigen jedoch nicht das ganze Ausmaß. Denn wenn Familien wohnungslos werden, kommen sie häufiger bei den Kommunen als bei den freien Trägern unter.

  • Die Kommunen erheben bis heute jedoch keine systematischen Zahlen, weshalb es schwierig ist, einzuschätzen, wie viele Familien wirklich bedroht sind
  • Viele Alleinerziehende kommen in der Not bei Verwandten oder Freunden unter, sodass diese Menschen in keiner Statistik auftauchen
  • Experten vermuten deshalb, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher ist

Ohne Verwandte und Freunde ist es schwierig, Fuß zu fassen

Stefanie Gärtner war keine von denen, die bei ihrer Familie oder Freunden unterkommen konnte. Sie erzählt, wie alles angefangen hat: Dass sie in ihrem Beruf als Rechtsanwaltsfachangestellte unglücklich war und Angst vor einer Depression hatte.

Sie traf damals eine Entscheidung, über die sie heute viel nachdenkt. „Ich musste einfach raus und mich selbst finden.“ Zwei Jahre lang arbeitete sie im Ausland „unter anderem auf Bauernhöfen, in Hotels und als Maurerin“. In Rom wurde die gebürtige Berlinerin dann schwanger.

Als Gärtner später bemerkte, dass sie schwanger ist, hat sie den Vater ihres Kindes längst aus den Augen verloren. „Ich wüsste jetzt gar nicht, wo ich anfangen sollte zu suchen. Ich erinnere mich nicht mal mehr an seinen Nachnamen, weil es ein italienischer war und ich ihn mir deshalb einfach nicht merken konnte“, sagt sie. Aus Angst davor, sich in einem fremden Land alleine durchschlagen zu müssen, reiste sie drei Wochen vor der Geburt nach Berlin zurück, ihre Heimatstadt, wo sie auch aufgewachsen ist.

Die junge Frau hatte seit Jahren den Kontakt zu ihrer Familie gemieden. So richtig erzählen, was die Gründe dafür sind, will sie nicht. Als sie wieder in Berlin ist, weiß sie nicht, wohin sie soll. Sie will sich mit der Mutter versöhnen. Doch die zieht gerade um, in die Nähe von Rostock. Gärtner hat noch eine jüngere Schwester in Berlin, doch die gibt ihr keine Unterkunft. Hochschwanger lebt sie erst einmal in günstigen Hotels, gibt ihr letztes Geld aus.

Als das Baby schließlich kommt, steht sie allein da und hat es in den drei Wochen nicht geschafft, eine Wohnung zu finden. Geboren wird die Kleine in dem großen Universitätsklinikum Charité. Doch dann hat Stefanie Gärtner Glück. Die Krankenschwestern der Charité helfen ihr. Direkt nach der Entbindung versichern sie ihr, dass sie sie mit dem Neugeborenen nicht auf die Straße setzen würden. Eine Sozialarbeiterin macht sich auf die Suche nach einer Bleibe. Keine leichte Aufgabe, denn die Plätze in Unterkünften für Familien und Frauen sind knapp.

Das Zimmer im Wohnraum des diakonischen Werks Berlin-Stadtmitte, in dem sie jetzt wohnt, konnte ihr kurzfristig vermittelt werden. Wieder ein Glücksfall, sozusagen. Denn es wurde nur frei, weil die Frau, die dort eigentlich wohnte, gestorben ist.

„Ich kann mich noch genau an den aufgeregten Anruf der sozialen Wohnhilfe erinnern. ‚Wir haben ein Zimmer und das ist perfekt für Sie‘“, erzählt die junge Mutter. „Die Sozialarbeiterin war wirklich ein Segen. Ohne sie hätte ich es wohl nicht geschafft, eine Bleibe für uns zu finden.“

Gewalt und Armut treffen auf Wohnungsnot und hohe Mieten

Susanne Gerull war auch einmal eine dieser Sozialarbeiterinnen, die schlagartig ein Leben retten können. Heute ist sie Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Alice Solomon Hochschule Berlin. Sie forscht zu Themen wie Wohnungslosigkeit und Armut.

„Eigentlich hatten wir gedacht, dass sich das Phänomen der wohnungslosen Familien in den Neunzigern erledigt hätte“, sagt Gerull. „Leider sehen wir aktuell wieder eine signifikante Verschlechterung der Situation.“

Einer der Hauptgründe für Wohnungslosigkeit von Alleinerziehenden ist Gewalt in der Beziehung. Die Frauen sind gezwungen, vor ihren gewalttätigen Partnern zu fliehen. Und das häufig gerademal mit den nötigsten Habseligkeiten. Fehlt den Frauen dann ein Netzwerk, stehen sie auf der Straße – und mit ihnen ihre Kinder. Viele Mütter scheuen sich zum Sozialamt zu gehen, aus Scham und weil sie Angst haben. „Sie fürchten, dass ihnen die Kinder weggenommen werden. Deshalb nehmen sie vorhandene Hilfsangebote nicht in Anspruch und geraten so in Notlagen“, sagt Gerull.

Neben den altbekannten Gründen für Wohnungslosigkeit, erkennt Gerull auch neue Dynamiken. „Gewalt und Armut gab es auch damals in Familien schon. Jetzt treffen diese Aspekte jedoch auf strukturelle Probleme wie Wohnungsnot und flächendeckend hohe Mieten, was wiederum zu Mietschulden führt“, sagt Gerull.

Deshalb werde es immer schwieriger für Familien, überhaupt eine bezahlbare Wohnung zu finden. Und auch die Kommunen hadern immer mehr damit, Hilfebedürftige adäquat unterzubringen.

Die Stadt müsse dafür sorgen, dass Wohnungen wieder bezahlbar werden, sagt Gerull. Die Mieten zu regulieren und Wohnungen zurückzukaufen, so wie es aktuell in Berlin gemacht wird, sei deshalb richtig. Auch die Politik nimmt sich dem Thema an.

„Dass der Anteil wohnungsloser Familien und insbesondere Alleinerziehender steigt, ist besorgniserregend. Vor allem Kinder und Jugendliche brauchen Schutz. Und sie haben ein Anrecht auf eine Wohnsituation, die sie nicht in ihrer Entwicklung einschränkt und ihre Lebenschancen beschneidet“, sagt auch Katja Dörner, Sprecherin des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und stellvertretende Vorsitzende der Grünen Bundestagsfraktion.

Alleinerziehende Mütter trifft es am härtesten

Während des Gesprächs wacht das kleine Mädchen plötzlich auf. Darauf war Gärtner vorbereitet. Behutsam stellt sie eine Babywippe auf den Tisch und legt Diana herein. „Die Wippe ist super praktisch. Die habe ich günstig beim Second-Hand bekommen. Da lege ich sie auch rein, wenn ich duschen gehe. So kann ihr nichts passieren“, erklärt Gärtner.

Sie hat keinen Mann oder auch nur eine weitere vertraute Person, die mal einspringen kann. Diana und sie, das muss funktionieren. „Ich wollte mit meiner Familie eigentlich schon vor der Geburt wieder Kontakt aufnehmen. Aber wir hatten so viel Streit miteinander und ich hatte Angst davor, wie sie reagieren würden“, sagt Gärtner und gestikuliert, sodass eine tätowierte Feder an ihrem rechten Handgelenk sichtbar wird.

Die junge Mutter und ihre kleine Tochter leben in einem 15 Quadratmeter großen Zimmer mit eigenem kleinem Bad im Dachgeschoss des „Wohnraumes für Frauen“. „Gerade wegen meiner Kleinen bin ich froh, mir kein Bad teilen zu müssen“, sagt Gärtner glücklich.

In dieser Einrichtung wird sie bleiben, bis sie etwas Eigenes findet. Das Verhältnis zu ihrer Mutter habe sich seit ihrer Rückkehr verbessert. Regelmäßig schickt sie Päckchen mit Kinderspielzeug. In das Rostocker Haus der Mutter möchte sie aber nicht ziehen. „Es ist wichtig, dass Diana und ich irgendwann etwas Privatsphäre bekommen.“

Wo Gärtner das erste Weihnachten mit ihrer Tochter verbringt, wusste sie noch nicht als unsere Autorin sie traf. „Entweder wir bleiben hier im Wohnheim oder fahren zu meiner Schwester“, sagt Gärtner. Auch mit ihr hat sich das Verhältnis ein wenig verbessert.

Ein paar Tage vor Weihnachten richtete der „Wohnraum für Frauen“ eine eigene kleine Weihnachtsfeier aus. Da es Diana nach ihrer ersten Impfung jedoch nicht so gut ging, konnte Stefanie Gärtner nicht daran teilnehmen. Trotzdem bekamen die beiden einen 40-Euro-Gutschein für eine Drogerie und 30 Euro für einen Spielwarenladen. Aktion Mensch, die Lotto GlücksSpirale und andere Förderer hatten das für die Frauen möglich gemacht. „Da war ich wirklich gerührt“, sagt sie.

Im nächsten Jahr braucht Stefanie Gärtner wieder Glück. Sie will in die Nähe ihrer Mutter ziehen und sucht eine Wohnung in Rostock. Damit sie und ihre Tochter das nächste Weihnachten in ihrem eigenen Zuhause feiern können.

Zuletzt gab es Berichte darüber, dass die Zahl der Obdachlosen im Jahr 2018 gestiegen war.

* Name von der Redaktion geändert