Kommentar

Lärmschutzkosten in Tegel zeigen fatale Folgen des BER-Chaos

Wegen des BER-Desasters müssen Tegel-Anwohner mit Geld für Lärmschutz ausgestattet werden. Enorme Kosten, weiß Thomas Fülling.

Thomas Fülling

Thomas Fülling

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Zu spät, zu teuer und am Ende irgendwie sehr kompliziert. Das sind die unrühmlichen Markenzeichen, die das größte In­frastrukturprojekt der Hauptstadtregion in Deutschland, den Bau des Großflughafens BER in Schönefeld, seit vielen Jahren begleiten. Es wäre schon erstaunlich gewesen, wenn es beim Thema Lärmschutz am Flughafen Tegel anders gelaufen wäre. Quasi in allerletzter Minute hat der Berliner Senat jetzt einen Lärmschutzbereich für den Flughafen festgelegt. Die Verordnung dazu gilt ab dem 1. Januar 2020 und soll die Ansprüche regulieren, die Anwohner genau ab diesem Tag gegenüber der Flughafengesellschaft geltend machen können, weil sie dem Lärm startender und landender Maschinen ausgesetzt sind.

Mindestens 3000 Eigentümer von Häusern und Wohnungen rund um den Flughafen, so heißt es aus der zuständigen Senatsverkehrsverwaltung, können jetzt Geld für bauliche Maßnahmen zum Schutz vor Fluglärm einfordern. Rund 3,5 Millionen Euro, so kalkuliert die Flughafengesellschaft, müssen dafür zusätzlich aufgebracht werden. Wenn nicht genügend Anrainer auf das Vergleichsangebot eingehen, könnte es aber noch deutlich teurer werden.

Auch wenn Zusatzausgaben in dieser Höhe im Vergleich zu den insgesamt rund 800 Millionen Euro, die der Flughafen-Betreiber allein für den Lärmschutz der Anwohner am neuen BER in Schönefeld aufbringen muss, geradezu als Peanuts erscheinen, zeigt sich einmal mehr, welche fatalen finanziellen Folgen das jahrelange Missmanagement der vom Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg getragenen Flughafengesellschaft beim BER-Projekt hat.

Ursprünglich war der BER für Oktober 2011 angekündigt

Denn diese Ausgabe wäre nicht erforderlich, wenn der 2006 begonnene Bau des neuen Hauptstadtflughafens wenigstens halbwegs im Zeitplan liegen würde. Nicht einmal alle älteren Berliner können sich noch daran erinnern, dass die Eröffnung des Großflughafens BER für den Oktober 2011 angekündigt war. Offiziell begründet mit der Pleite eines Planungsbüros wurde die Inbetriebnahme auf Juni 2012 verschoben und musste dann wegen gravierender Mängel vor allem beim Brandschutz erneut abgesagt werden. Es folgten je nach Rechnung weitere drei bis vier Terminverschiebungen. Nun soll der BER am 31. Oktober 2020 in Betrieb gehen, in Tegel dagegen soll spätestens am 8. November die letzte reguläre Maschine starten.

Viele Anwohner des mitten in der Stadt gelegenen Airports werden dann hörbar aufatmen. Denn obwohl in den letzten zehn Jahren die Passagierzahlen und damit auch die Zahl der Flugbewegungen im Vergleich zu anderen deutschen Flughäfen überdurchschnittlich gestiegen sind, sind sie in Sachen Lärmschutz leer ausgegangen.

Ausweisung des Schutzbereichs um Tegel einfach ausgesetzt

Möglich wurde dies durch einen legalen, aber eben nicht gerade feinen Schachzug des Berliner Senats. Mit Verweis auf die bevorstehende Eröffnung des BER wurde die per Bundesgesetz zum Schutz gegen Fluglärm vorgeschriebene Ausweisung eines Schutzbereichs vor Jahren einfach ausgesetzt. Mit der „Lex Tegel“ wollte der Senat der Flughafengesellschaft Millionenausgaben für Lärmschutzfenster und andere Schutzmaßnahmen ersparen.

„Lärm macht krank“, diese einfache Wahrheit kann indes jeder nachvollziehen, der Freunde oder Bekannte in Einflugschneisen von Flughäfen hat. Sie berichten über Konzentrations- und Schlafstörungen, über familiäre Konflikte und lautstarke Auseinandersetzungen mit den Nachbarn, wenn der mit seiner Bohrmaschine zusätzlich nervt. Nicht wenige TXL-Anrainer dürften es daher als späte Genugtuung empfinden, dass sie nun zumindest auf eine kleine finanzielle Entschädigung hoffen können – für am Ende unglaubliche neun Jahre längere Belastung mit Fluglärm.

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