Kommentar

Müllsammeln in Berlin als Touri-Event? Da ginge noch mehr!

In „Clean up“-Touren sollen Touristen Berliner Müll sammeln. Sebastian Geisler hätte da noch ein paar Ideen.

Lasst die Touristen ruhig unseren Müll wegräumen, sagt Sebastian Geisler.

Lasst die Touristen ruhig unseren Müll wegräumen, sagt Sebastian Geisler.

Foto: Paul Zinken/dpa; Maurizio Gambarini (Montage)

Berlin. Nein, es ist wieder mal kein Aprilscherz: In Berlins Bezirken Pankow und Mitte sollen künftig sogenannte „Clean-up-Touren“ stattfinden, bei denen Touristen mit Führern auf Müllsammel-Tour gehen. Die Touristen würden nämlich, so lese ich, in Berlin nur als Müllverursacher wahrgenommen, während die Einwohner ihnen dann hinterherräumten. Mit den Abfallsammel-Walks durch Mauerpark und Ernst-Thälmann-Park will man die Berlin-Besucher nun dazu bringen, mehr auf Sauberkeit zu achten. Zudem könnten sie sich beim Verrichten ihrer Dienste „als Teil der Stadt fühlen“.

Als Berliner kommt mir das seltsam vor: Viele Orte, in die es mich außerhalb meiner Geburtsstadt zog, wirkten auf mich sehr viel reinlicher. Warum sollten ausgerechnet Auswärtige Berlin verunreinigen? Ist hier nicht eher das allgemeine Laissez-faire das Problem? Und Berliner, die eigeninitiativ hinterherräumen, nun ja.

Bei Tom Sawyer funktioniert die Masche

Aber der Ansatz ist spannend. Müllsammeln als Event, darauf muss man erst mal kommen. In Amsterdam gibt es so etwas schon. Amsterdam ist viel sauberer als Berlin, insofern bin ich guter Hoffnung. Ursprünglich scheint mir das Prinzip auf ein literarisches Vorbild zurückzugehen. In „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ von Mark Twain muss Tom als Strafe einen Zaun anstreichen. Wann immer jemand vorbeikommt und sich über Toms Strafarbeit lustig macht, sagt dieser sinngemäß, wie schwierig und spannend es sei, was er da mache, so einen Zaun anstreichen, das könne nicht jeder. Dergestalt motiviert wollen die Knaben dann auch mal versuchen. Tom ermöglicht ihnen das Zaunanstreichen gern – und kassiert Geld dafür.

Mit dem Kammerjäger auf Rattenjagd gehen

So könnte es auch in Berlin laufen. Wie wäre es: Mit dem Kammerjäger auf Rattenjagd in der Hauptstadt. Es ist, das muss man sagen, nämlich eine echte Herausforderung, Berlin rattenfrei zu kriegen, zudem eine spannende Aufgabe, etwa in Abwasserschächten Gift auszulegen. Berliner Unterwelten! 19 Euro Unkostenbeitrag sollten drin sein, denn erst wer das Ärgernis Rattenbefall selbst erlebt hat, gehört in Berlin richtig dazu!

Spannende Tour: Mit der Polizei auf Streife im Clan-Milieu

Oder: Schwarzfahrer kontrollieren in der BVG. „Aktion Angstschweiß“: Spüren Sie Menschen ohne Ticket nach, tippen Sie richtig: Wer hat eins, wer hat keins? – und nehmen Sie Personalien auf. Besser als Fernsehen! Stichwort Fernsehen, kommen wir zu „Berlin Tag und Nacht“: Clan-Kontrolle mit der Polizei – mit Neuköllns Shisha-Bars auf Du und Du. Schutzwesten müssen die Teilnehmer selbst mitbringen. Der überregional bekannt gewordene Fall der „falschen Polizistin“, die in echter Polizeiuniform an Einsätzen teilnahm, deutet ja bereits darauf hin, dass da Interesse bestehen könnte.

Und könnten nicht vielleicht sogar Besucher zum Beispiel für, sagen wir, 100 Euro eine echte Unterrichtsstunde an einer Berliner Schule halten dürfen? Oder für 200 Euro mal einen richtigen BVG-Bus (die „großen Gelben“) durch die Stadt steuern und dabei richtige Fahrgäste befördern? Es gäbe so viele Möglichkeiten!

Insofern der Appell: Lasst uns gute Ideen nicht gleich zerreden und vorschnell zu Realsatire erklären. Kommt ruhig her, liebe Touristen, und sammelt unseren Müll. Wir machen Euch ein faires Angebot.