Kommentar

Wie mit dem Einheitsdenkmal umgegangen wird, ist ein Skandal

Das Einheitsdenkmal mit Hinhaltemanövern ins Wanken zu bringen, ist würdelos, meint Martin Nejezchleba.

Martin Nejezchleba

Martin Nejezchleba

Foto: Reto Klar

Das Ende des Einheitsdenkmals, es könnte nach über einem Jahrzehnt des Streits über Ästhetik und Symbolik, nach hitzigen Diskussionen um das Erbe der friedlichen Revolution von 1989 durch einen schnöden parlamentarischen Verwaltungsakt besiegelt worden sein. Der Haushaltsausschuss im Bundestag hat beschlossen, in der letzten Sitzung vor der Sommerpause nicht über die Freigabe der Mittel zu beraten. Im Oktober läuft die Baugenehmigung aus. Ob es die Finanzierung des Denkmals bis dahin auf die Tagesordnung schafft, ist fraglich. Verlängern müsste die Baugenehmigung mit Berlins Bausentatorin Katrin Lompscher (Die Linke) eine erklärte Gegnerin des Projekts.

Das ist ein Skandal. Der liegt in der Fadenscheinigkeit, mit der die Gegner des Denkmals „Bürger in Bewegung“ das Projekt torpedieren, nicht in der Tatsache, dass die „Einheitswippe“ viele Gegner hat. Sie haben gute Gründe.

Allen voran die Frage: Braucht Berlins Mitte ein weiteres, pompöses Denkmal, das an die deutsche Einheit erinnert? Es gibt die „Sinkende Mauer“ am Invalidenpark, ein tanzendes Steinpaar mit Namen „Wiedervereinigung“ im Park an der Liesenstraße, die sich umschlingenden Rohre namens „Berlin“ in der Tauentzienstraße. Und steht nicht auch das Brandenburger Tor für die Deutsche Einheit? Warum also noch ein Denkmal für 17,1 Millionen?

Und dann ist da noch die Ästhetik: die einen erinnert die „Einheitswippe“ an eine dieser Riesenschiffsschaukeln auf dem Oktoberfest, für die anderen verdeckt sie die Sicht auf das wiederzueröffnende Stadtschloss. Alles Argumente. Valide Argumente. Sie wurden gehört. Und haben nicht den Ausschlag gegeben.

Eine Chronik: 2007 beschließt der Bundestag ein Denkmal für die Wiedergewinnung der Deutschen Einheit zu errichten. Seit 2008 steht der Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals vor dem zukünftigen Humboldt-Forum als Ort fest. 2011 gewinnt das Stuttgarter Büro Milla & Partner den Wettbewerb. 2016 entfacht ein Streit um die Kostensteigerung. 2017 beschließen die Volksvertreter erneut mit großer Mehrheit: das Einheitsdenkmal wird gebaut.

„Wippe“ ist ein Kampfbegriff der Denkmalgegner

Dass jetzt, ein weiteres Jahr nach dem Votum, der Bau erneut mit fragwürdiger Begründung hingehalten wird, ist symptomatisch für die vergiftete Debatte um das Denkmal. Das fängt schon mit der „Wippe“ an. Es ist ein Kampfbegriff der Denkmalgegner, der die angebliche Banalität des Entwurfs entlarven soll. Wer sich ernsthaft mit dem Entwurf beschäftigt, würde wohl eher von einer „Einheitswaage“ sprechen.

Denn um das Denkmal in Bewegung zu setzen, müssten sich nicht wie auf einer Wippe, zwei Gegenspieler gegenseitig hochschaukeln. Nein, eine ganze Gruppe Menschen müsste sich darauf verständigen, gemeinsam auf eine Seite der Skulptur zu gehen. Erst dann würde das sonst starre Gebilde in Schwingung geraten. Gibt es eine schönere Analogie auf die friedliche Revolution von 1989?

Dass die Berliner Bundestagsabgeordnete Eva Högl (SPD) vor einem Monat den Vorschlag der Denkmalgegner aufgriff, die Einheitswaage vor den Reichstag zu verlegen, nur um nachzuschieben, sie wolle nur Denkanstöße geben, zeigt, wie duckmäuserisch der Kampf um das Denkmal verschleppt wird. Nun scheint eine Handvoll Sozialdemokraten beschlossen zu haben, das Einheitsdenkmal mit einer Hinhaltetaktik zu begraben. Wenn wir uns für das Wachhalten eines der schönsten Momente der deutschen Geschichte kein teures Denkmal leisten wollen – sollten wir darüber ein offene Debatte führen. Nur haben wir das bereits. Die Debatte dauerte über zehn Jahre. Das sollte reichen.

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