Es wirkt erst einmal seltsam. Warum verlängert der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vor der anstehenden WM in Russland den ohnehin noch zwei Jahre gültigen Vertrag von Bundestrainer Joachim Löw bis 2022? Das mutet an, als erhalte er bereits eine Eins, bevor überhaupt die Leistungskontrolle ausgeteilt wurde. Für den deutschen Fußball aber ist die Verlängerung mit dem 58-Jährigen trotz des ungewöhnlichen Zeitpunkts eine gute Sache. Ein Toptrainer konnte gebunden werden, wo überall Toptrainer in Europa gesucht werden. Zumal ein Toptrainer, der in unzähligen Leistungskontrollen bereits seine Qualität nachgewiesen hat.
Neben seiner fachlichen Kompetenz besitzt Löw eine große Stärke, die ihn zum ewigen Bundestrainer prädestiniert. Sie zeigt sich nun wieder im Umgang mit der Causa Erdogan. Löw hat das Treffen seiner Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Autokraten scharf kritisiert. Das war notwendig, weil sich die beiden in Deutschland geborenen Kinder türkischer Eltern mit ihrer Wahlkampfbeihilfe für den Demokratieverächter Erdogan politisch dumm und ignorant verhalten haben – ob gewollt, oder nicht.
Sozialkompetenz als große Stärke
Aber Löw hat die Sozialkompetenz, auch die andere Seite dieser Geschichte zu erkennen. Er weiß, dass für Migrantenkinder mehr als eine Heimat möglich ist. Und er hat versucht zu vermeiden, dass nun erneut diese unsägliche, von latentem Rassismus geprägte Debatte entsteht, ob Özil und Gündogan überhaupt für Deutschland spielen sollten. Keine Sekunde habe er darüber nachgedacht, beide aus dem Kader zu streichen, sagte Löw. Gut so.
Jene Debatte ums Deutschsein von deutschen Nationalspielern gibt es, seit da nicht mehr nur Kohlers, Möllers und Brehmes rumlaufen, sondern Khediras, Boatengs und Özils. Gern kreiste sie in der Vergangenheit um das Mitsingen der Nationalhymne vor einem Spiel. Auch hier erkennt man mit ein bisschen Sozialkompetenz, dass es sich nicht um mangelnden Respekt vor Deutschland handelt, sondern um Respekt vor der Geschichte der eigenen Eltern. Auch der von allen geliebte polnischstämmige Lukas Podolski sang deshalb nie mit.
Die Nationalelf ist ein Abbild der deutschen Gesellschaft – und die ist heute nun einmal vielfältig, manchmal widersprüchlich und nie nur schwarz oder weiß. Löw hat wieder nachgewiesen, dass er ein guter Moderator dieser Vielfältigkeit ist. Er darf es gern bleiben.


