Leitartikel

Nach antisemitischem Angriff: Wo sind die Lichterketten?

Die Attacke auf einen 21 Jahre alten Israeli in Berlin lehrt uns: Wegschauen gilt nicht. Stattdessen ist jetzt jeder einzelne gefragt.

Junge Menschen mit der israelischen Flagge über den Schultern.

Junge Menschen mit der israelischen Flagge über den Schultern.

Foto: Czarek Sokolowski / dpa

Berlin.  Größer könnte der Unterschied zwischen den beiden jungen Männern nicht sein. Dabei haben beide dunkles Haar, tragen sportliche Kleidung, sind etwa gleich alt. Der eine schlägt mit Hass im Gesicht auf den anderen ein. Der Täter ist offenbar arabischstämmig und glaubt, dass sein Opfer Jude sei, weil es eine Kippa trägt. Der Attackierte scheint am nächsten Tag keinen Hass zu fühlen. Und das ist der Unterschied zwischen den beiden.

Adam hätte jedes Recht dazu. Stattdessen ist er enttäuscht. Denn er glaubte nicht, dass es für ihn in Deutschland mit einer Kippa auf dem Kopf gefährlich werden könnte. Dass es so ist, sollte uns alle beschämen.

Der Antisemitismus war nie weg

Mitten am Tag wird Adam angegriffen, in Prenzlauer Berg, einem der besseren Stadtteile Berlins. Und viele Umstehende sollen nicht reagiert haben. Ist so ein Verhalten fehlender Zivilcourage geschuldet oder erinnern wir uns nur nicht mehr an die Verantwortung, die wir durch den Holocaust auch noch 73 Jahre danach tragen? Der Antisemitismus war jedenfalls nie weg.

Merkel verurteilt antisemitischen Angriff in Berlin

Der Kampf gegen antisemitische Ausschreitungen müsse gewonnen werden, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zuvor hatte in Berlin eine Gruppe von drei Personen zwei Kippa tragende Juden beleidigt und angegriffen.
Merkel verurteilt antisemitischen Angriff in Berlin

Die Tat belegt einmal mehr, dass der Judenhass in den unterschiedlichsten Ausformungen in unserer Gesellschaft immer noch vorhanden ist und sich erneuert hat. Die Zeichen sind deutlich: Im Dezember brannten israelische Flaggen vor dem Brandenburger Tor aus Protest gegen die von US-Präsident Donald Trump verkündete Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels, Teilnehmer der Aktion waren vor allem arabischstämmig.

Im April 2017 verlässt ein jüdischer Junge die Friedenauer Gemeinschaftsschule, nachdem er beleidigt und an einer Bushaltestelle von Mitschülern angegriffen wurde. Im Dezember bepöbelte ein älterer deutscher Herr den Inhaber des israelischen Restaurants Feinberg in Schöneberg.

Die Politik hat bereits ein Zeichen gesetzt

Und da war ja gerade noch die Sache mit der Echo-Verleihung . Der Antisemitismus hat jetzt hierzulande sogar einen eigenen Soundtrack, produziert von den Rappern Kollegah und Farid Bang, ausgezeichnet von der deutschen Musikindustrie .

Es gibt einen Bericht der Bundesregierung vom Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus vom April 2017, darin werden antisemitische Vorfälle in Deutschland gezählt und klassifiziert. Ganz klar, die meisten Taten werden von Deutschen rechter Gesinnung verübt, etwa 93 Prozent. Doch die Zahl ist ungenau. Auch erzählt der Bericht, dass in mehreren Studien festgestellt wurde, dass es einen erhöhten Antisemitismus unter jungen Muslimen gibt.

Erst im Januar wurde im Bundestag ein Antrag verabschiedet, in dem es heißt, dass die uneingeschränkte Akzeptanz jüdischen Lebens in Deutschland maßgeblich zur Integration gehöre und wer hier das Existenzrecht Israels infrage stelle, auf entschiedenen Widerstand stoße. Die Politik hat also mehr als ein Zeichen gesetzt.

Jetzt ist jeder einzelne gefragt

Doch auch ein neuer Antisemitismusbeauftragter nützt wirklich nichts, wenn der Rest der Gesellschaft nicht mitzieht. Es reicht nicht, mit dem Finger auf muslimische Flüchtlinge zu zeigen, wenn wir selbst unentschieden sind. Wenn wir auf Antisemitismus als quasi lässliche Marotte reagieren und ihn verharmlosen.

Wie wäre es, wenn die Attacke auf Adam heute in allen Schulklassen diskutiert würde? Und warum sind nicht Millionen Menschen auf der Straße wie in den 90er-Jahren, als mit Lichterketten gegen rechts und Übergriffe auf Flüchtlinge in Mölln, Solingen und Rostock demonstriert wurde?

Der 21-jährige Adam möchte die Kippa wieder tragen. Er zeigt die Courage, die gefordert ist. Wegschauen oder wegrennen will er nicht. Also sollten wir es erst recht nicht.

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