Die Jugend will gerne das Hier und Jetzt. Was im Moment geschieht, ist ihnen besonders wichtig. Ihr gutes Recht, dafür ist man jung. Jetzt haben unsere Schülervertreter einen großen Sieg errungen – ab nächstem Schuljahr wird Politik ab der siebten Klasse ein eigenes Schulfach. Eine Stunde pro Woche kann dann über aktuelle Dinge diskutiert werden: Regierungsbildung, Flüchtlingskrise, Trumpismus. „Wir erhoffen uns durch die Stärkung der Politischen Bildung, dass Extremismus und Politikverdrossenheit abnehmen“, so Landesschülersprecher Franz Kloth.
Der Politiker lebt im Hier und Jetzt. Die nächste Wahl steht immer bevor, mehr als ein paar Jahre hat er nicht, um seine Ideen umzusetzen. Er möchte die Dinge deshalb gerne schnell prägen. „Es ist wichtig, dass Schüler wissen, was Demokratie bedeutet und wie sie sich antidemokratischen Tendenzen entgegenstellen“, sagte jetzt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) unüberhörbar zufrieden über die Stärkung des neuen Faches, das bis dato etwas stiefmütterlich im Geschichtsunterricht dahinvegetierte. Nun hat es seinen eigenen Auftritt, auch auf dem Zeugnis.
Ist Politik auf dem Stundenplan also eine gute Nachricht? Nicht wirklich. Schulbildung muss viel mehr sein als das Hier und Jetzt, es soll den Schülern Wurzeln geben. Wissen, mit dem sie die Welt verstehen. Schon jetzt entlassen wir Schüler mit fatalem Halbwissen aus der Schule – das gilt besonders für ein Fach wie Geschichte. Akademiker warnen inzwischen vor „historischem Analphabetismus“.
So können 40 Prozent der Neunt- und Zehntklässler nicht zwischen NS-Diktatur und Demokratie unterscheiden, fast 80 Prozent haben nie von der deutschen 1848er-Revolution gehört. Damals, vor 170 Jahren, zog übrigens der preußische König seinen Hut vor dem Volk, als die Märzgefallenen an seinem Schloss vorbeigetragen wurden. Ein großer demokratischer Moment in Berlin. Leider werden die meisten Schüler nie davon hören. Keine Zeit!



