Ein offener Brief, gerichtet an die Kanzlerin, im Briefkopf stehen die Namen der zwölf Todesopfer des Anschlags vom 19. Dezember: Die Vorwürfe, die darin vorgebracht werden, wiegen schwer. Und einige Fragen wirft das Schriftstück schon auf, über das mittlerweile Medien weltweit berichten. Doch auch wenn das Schreiben nicht namentlich unterzeichnet ist, sondern sich lediglich auf „Mitglieder aller zwölf Familien der Todesopfer vom Breitscheidplatz“ beruft – die Fragen und Forderungen, die der Brief stellt, sind berechtigt.

Fast ein Jahr lang hat die Öffentlichkeit jetzt dabei zugeschaut, wie das Behördenversagen vom Breitscheidplatz Stück für Stück offenbar wurde. Es führte mit dazu, dass der Täter den Anschlag überhaupt verüben konnte. Für die Angehörigen der Opfer, die Verletzten, Traumatisierten war es nicht so einfach, auf sich aufmerksam zu machen. Denn sie müssen sich gleichzeitig jedes Mal auch persönlich dem Scheinwerferlicht der Medien aussetzen.

Wen oder was haben sie verloren? Tut es noch weh? Gemeinsam, so sagt es zumindest Astrid Bassin, die Sprecherin der Angehörigen, wollen sie erreichen, dass Opfern von Straftaten künftig schneller und unbürokratischer geholfen wird, dass sie angemessen entschädigt werden. Es ist eine Forderung, die Opferanwälte in Deutschland schon seit vielen Jahren vorbringen. Vor Hintergrund des Jahrestages bekommt sie mehr Gewicht.

Die Vorwürfe, die der Brief an die Kanzlerin richtet, wirken zunächst überzogen. Schließlich ist sie nicht allein und persönlich für das Behördenversagen verantwortlich. Aber sie steht natürlich symbolisch dafür – ebenso wie für die Ausweichmanöver der Politik. Merkel überließ den direkten Kontakt zu den Trauernden und Verletzten dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, empfahl später Kurt Beck. Dass sie nun kurzfristig doch Zeit für ein Treffen hat, zeugt nicht unbedingt von Gespür für den richtigen Zeitpunkt, sondern von einem sicheren Blick für das hellste Scheinwerferlicht.

5660111546001_videostill_1518016530487.jpg
Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz öffnet wieder

weitere Videos

    Mehr zum Thema: