Das Handy steht kaum still seit Montagabend. Menschen, die sich ewig nicht gemeldet haben, fragen besorgt: „Alles okay bei euch?“ Manche wissen gar nicht, dass wir kaum einen Kilometer entfernt vom Breitscheidplatz wohnen. Morgens den Jungen für die Schule stabilisiert. Das Leben muss weitergehen. Wir widerstehen der Angst. Draußen auf der Straße merkwürdige Ruhe. Oder fühlt es sich nur so an? Tapfer, aber leise geht Berlin seinem Tagwerk nach. Bedrückte Gesichter, aber auch entschlossene Blicke, die wissen lassen, dass nachdenkliches Schweigen und stilles Mitgefühl herrscht, aber keineswegs Gleichgültigkeit. Berlin rückt zusammen, und man fragt sich leise, warum es eine Kata­strophe braucht, um dieses tiefe Gefühl von Miteinander zu schaffen.

Als amAbend bekannt wird, dass der Täter noch auf freiem Fuß ist, kommen bittere Zweifel auf: Warum habe ich den elfjährigen Sohn morgens allein mit dem Rad zu seiner konfessionellen Schule fahren lassen? Immer wieder die Gedanken an die Toten und Verletzten: Sind Bekannte darunter? Wie gehen Angehörige damit um, wenn sie erfahren, dass einer von ihnen unter den Opfern ist? Wie lässt man diese Menschen wissen, dass eine ganze Stadt mit ihnen fühlt?

So trotzen Berliner dem Terror auf dem Weihnachtsmarkt

„Wir leben in einer Risikogesellschaft“, sagt einer dieser Fernsehexperten, die ihr Nichtwissen wortreich überplaudern. Hätte er doch geschwiegen, wie all die anderen, die das Leid missbrauchen, um ihre Eitelkeit, ihre Borniertheit, das anmaßende Haben-wir-ja-immer-gesagt zu inszenieren. Kranke Hirne gibt es nicht nur in Terroristenköpfen.

Unglück und Leid bringen das Beste und zugleich das Düsterste im Menschen hervor. Hier die unermüdlichen Einsatzkräfte auf dem Breitscheidplatz, die angemessenen Töne der Stadtregierung, die ruhigen Bitten um Wachsamkeit und Besonnenheit. Dort die wenigen Schamlosen, die Anstand für Charakterschwäche halten, die hetzen, bevor überhaupt klar ist, was genau geschah. Es braucht Kraft, ausgerechnet dann Geduld zu bewahren, wenn die Spekulationswut am heftigsten tobt.

Eine unsichtbare Gemeinschaft der Anständigen

Zugleich bildet sich in den Wellen der Unsicherheit eine unsichtbare Gemeinschaft der Anständigen. Darf man nach New York, nach London, Madrid, Oslo, Paris und all den anderen Orten des Schreckens von den Lehren des Terrors sprechen, die uns beigebracht haben, niedere Reflexe etwas besser zu kontrollieren und uns auf unsere Stärke namens Herz zu besinnen?

Unversehens hat uns die Todesfahrt vom Breitscheidplatz das Weihnachtsfest mit seinem ursprünglichen Sinn nähergebracht. Was ist all der Geschenkewahn gegen den Wert einfachen guten sicheren Zusammenseins? „Friede auf Erden“, fordern die himmlischen Heerscharen, vor allem aber: „Fürchtet euch nicht.“ So lautet die ewig richtige Botschaft, Trost und Auftrag gleichermaßen. Die Weihnachtsgottesdienste werden voller sein, die Berliner werden, noch mehr als sonst, die Gemeinschaft ihrer Mitbürger suchen, und sei es nur für eine halbe Stunde. Ob in der Kirche, ob mit Freunden oder der Familie, menschliche Nähe kann, muss und wird die Berliner Weihnacht in diesem Jahr bestimmen.

Finden wir gemeinsam die Größe, in dieser urplötzlich so verdüsterten Weihnachtszeit für einen Moment Pause zu machen mit den Ratschlägen, den Besserwissereien, den Attacken, dem moralischen Auf- und Abwiegeln. Fassen wir gemeinsam den Mut, unseren Mitmenschen Zeit, Rücksicht und Mitgefühl zu gewähren. Geben wir uns gemeinsam die Kraft, uns selbst, unseren Nächsten, der ganzen Welt Liebe und Nächstenliebe zu geben. Gegen die vereinte Herzenskraft dieser Stadt kann kein Terrorist etwas ausrichten.

Berlin nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt

Berlin trauert. Zahlreiche Menschen haben am Breitscheidplatz Blumen und Kerzen niedergelegt. Auch ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Berliner“ liegt nahe der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt.
Berlin trauert. Zahlreiche Menschen haben am Breitscheidplatz Blumen und Kerzen niedergelegt. Auch ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin ein Berliner“ liegt nahe der Stelle des Anschlags auf dem Weihnachtsmarkt. © dpa | Britta Pedersen
Der „Begegnungschor“, ein Flüchtlingschor aus Berlin, und der „Everybody Can Sing Chor“ der Berliner Gedächtniskirche singen zusammen in der Nähe des Anschlagsortes.
Der „Begegnungschor“, ein Flüchtlingschor aus Berlin, und der „Everybody Can Sing Chor“ der Berliner Gedächtniskirche singen zusammen in der Nähe des Anschlagsortes. © dpa | Britta Pedersen
Sie sangen gemeinsam die Lieder „Shine a Light“, „We are the world“ und „Stille Nacht“.
Sie sangen gemeinsam die Lieder „Shine a Light“, „We are the world“ und „Stille Nacht“.© dpa | Bernd von Jutrczenka
Viele Menschen legten Blumen nieder, zündeten Kerzen an und bekundeten ihre Trauer.
Viele Menschen legten Blumen nieder, zündeten Kerzen an und bekundeten ihre Trauer. © dpa | Bernd von Jutrczenka
„Der Terror darf nicht siegen“ steht auf einem Zettel inmitten von Blumen und Kerzen.
„Der Terror darf nicht siegen“ steht auf einem Zettel inmitten von Blumen und Kerzen. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Einige Menschen haben auch Zettel mit geschriebenen Botschaften niedergelegt.
Einige Menschen haben auch Zettel mit geschriebenen Botschaften niedergelegt. © dpa | Bernd von Jutrczenka
„Ich bin ein Berliner“, „Berlin hält zusammen“ und „You will not divide us“ steht auf Plakaten.
„Ich bin ein Berliner“, „Berlin hält zusammen“ und „You will not divide us“ steht auf Plakaten. © dpa | Britta Pedersen
Eine Gruppe von Flüchtlingen aus der Notunterkunft Tempelhof legt auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz Blumen nieder.
Eine Gruppe von Flüchtlingen aus der Notunterkunft Tempelhof legt auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz Blumen nieder. © dpa | Britta Pedersen
Auch ein Mann aus Syrien ist darunter, der als Flüchtling in Berlin lebt.
Auch ein Mann aus Syrien ist darunter, der als Flüchtling in Berlin lebt. © dpa | Britta Pedersen
Auch am Mittwoch liegen weiterhin Trümmer am Anschlagsort auf dem Weihnachtsmarkt. Der LKW hatte am Montag Menschen und Buden erfasst und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.
Auch am Mittwoch liegen weiterhin Trümmer am Anschlagsort auf dem Weihnachtsmarkt. Der LKW hatte am Montag Menschen und Buden erfasst und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Polizisten sichern den abgesperrten Tatort.
Polizisten sichern den abgesperrten Tatort. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Die Einsatzkräfte der Polizei sind mit Maschinenpistolen bewaffnet.
Die Einsatzkräfte der Polizei sind mit Maschinenpistolen bewaffnet. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Auch Vertreter des Berliner Fußballvereins Hertha BSC haben einen Kranz niedergelegt.
Auch Vertreter des Berliner Fußballvereins Hertha BSC haben einen Kranz niedergelegt. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Am Mittwoch schien zwischenzeitlich wieder die Sonne über dem Breitscheidplatz. Es ist merkwürdig still.
Am Mittwoch schien zwischenzeitlich wieder die Sonne über dem Breitscheidplatz. Es ist merkwürdig still. © dpa | Britta Pedersen
Blumen, Kerzen und Kuscheltiere an einem der Eingänge zum Weihnachtsmarkt.
Blumen, Kerzen und Kuscheltiere an einem der Eingänge zum Weihnachtsmarkt. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Die Kantstraße blieb am Mittwoch weiter gesperrt. Von hieraus war der Sattelzug auf den Weihnachtsmarkt gefahren.
Die Kantstraße blieb am Mittwoch weiter gesperrt. Von hieraus war der Sattelzug auf den Weihnachtsmarkt gefahren. © Steffen Pletl | Steffen Pletl
Eine Frau hält in der Nähe des Anschlagsorts auf dem Weihnachtsmarkt eine Kerze und einen Zettel mit der Aufschrift „Berlin hält zusammen“.
Eine Frau hält in der Nähe des Anschlagsorts auf dem Weihnachtsmarkt eine Kerze und einen Zettel mit der Aufschrift „Berlin hält zusammen“.© dpa | Britta Pedersen
Marianne und Emmely Plewe aus Reinickendorf legen Blumen nieder.
Marianne und Emmely Plewe aus Reinickendorf legen Blumen nieder. © Steffen Pletl | Steffen Pletl
„Wir lieben Berlin“, steht auf einem Zettel.
„Wir lieben Berlin“, steht auf einem Zettel. © dpa | Britta Pedersen
„Trauer um die Opfer“ und „Mitgefühl mit den Angehörigen“ hat jemand auf ein Papp-Plakat geschrieben.
„Trauer um die Opfer“ und „Mitgefühl mit den Angehörigen“ hat jemand auf ein Papp-Plakat geschrieben. © dpa | Britta Pedersen
„You will not divide us“ und „We are all Berliners“ steht auf einem Banner.
„You will not divide us“ und „We are all Berliners“ steht auf einem Banner. © dpa | Britta Pedersen
„In Trauer und Anteilnahme für die Opfer und alle Betroffenen“ wird auf diesem eigens aufgestellten Display nahe der Gedächtniskirche angezeigt.
„In Trauer und Anteilnahme für die Opfer und alle Betroffenen“ wird auf diesem eigens aufgestellten Display nahe der Gedächtniskirche angezeigt. © dpa | Britta Pedersen
Unterdessen tragen sich Trauernde in der Gedächtniskirche in das ausliegende Kondolenzbuch ein.
Unterdessen tragen sich Trauernde in der Gedächtniskirche in das ausliegende Kondolenzbuch ein. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Die Trauernden stehen an, tragen sich in das Buch ein und entzünden Kerzen am Altar.
Die Trauernden stehen an, tragen sich in das Buch ein und entzünden Kerzen am Altar. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Ein irakischer Flüchtling aus der Notunterkunft Tempelhof legt unterdessen am Weihnachtsmarkt eine Rose nieder.
Ein irakischer Flüchtling aus der Notunterkunft Tempelhof legt unterdessen am Weihnachtsmarkt eine Rose nieder. © dpa | Britta Pedersen
„Warum?“ hat jemand auf ein Pappschild geschrieben und neben Grablichter gestellt.
„Warum?“ hat jemand auf ein Pappschild geschrieben und neben Grablichter gestellt. © dpa | Britta Pedersen
Ein Flüchtling aus Syrien trauert.
Ein Flüchtling aus Syrien trauert. © dpa | Britta Pedersen
Ein Stofftier, Blumen und Kerzen am Breitscheidplatz.
Ein Stofftier, Blumen und Kerzen am Breitscheidplatz. © dpa | Paul Zinken
Am Olof-Palme-Platz in Tiergarten stehen diverse Übertragungswagen von TV-Sendern aus dem In- und Ausland. Über den Anschlag wird in aller Welt berichtet.
Am Olof-Palme-Platz in Tiergarten stehen diverse Übertragungswagen von TV-Sendern aus dem In- und Ausland. Über den Anschlag wird in aller Welt berichtet. © Steffen Pletl | Steffen Pletl
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l) und sein italienischer Amtskollege Angelino Alfano...
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD, l) und sein italienischer Amtskollege Angelino Alfano...© dpa | Maurizio Gambarini
... legten am Mittwoch auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz Blumen nieder.
... legten am Mittwoch auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz Blumen nieder. © dpa | Bernd von Jutrczenka
Bundespräsident Joachim Gauck sprach am Virchow-Klinikum der Charite zu Medienvertretern. Zuvor hat der Bundespräsident Verletzte des Anschlags vom Breitscheidplatz besucht.
Bundespräsident Joachim Gauck sprach am Virchow-Klinikum der Charite zu Medienvertretern. Zuvor hat der Bundespräsident Verletzte des Anschlags vom Breitscheidplatz besucht. © dpa | Kay Nietfeld
Am Mittwoch tagte der Innenausschuss des Bundestages. Vorsitzender Ansgar Heveling (CDU) erlöffnet die Sitzung mit einer Schweigeminute.
Am Mittwoch tagte der Innenausschuss des Bundestages. Vorsitzender Ansgar Heveling (CDU) erlöffnet die Sitzung mit einer Schweigeminute. © dpa | Michael Kappeler
Am Friedrich-Krause-Ufer suchen Polizisten nach kleinsten Spuren. und auch eine Mordkommission ermittelt dort.
Am Friedrich-Krause-Ufer suchen Polizisten nach kleinsten Spuren. und auch eine Mordkommission ermittelt dort.© Thomas Peise
An diesem Ort war der LKW entführt worden.
An diesem Ort war der LKW entführt worden. © dpa | Kay Nietfeld
Die Polizei hat ihre Präsenz auf Berliner Weihnachtsmärkten verstärkt. Die ersten öffneten inzwischen wieder. Hier der Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz.
Die Polizei hat ihre Präsenz auf Berliner Weihnachtsmärkten verstärkt. Die ersten öffneten inzwischen wieder. Hier der Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz.© Getty Images | Michele Tantussi
Die Einsatzkräfte sind mit Maschinengewehren bewaffnet.
Die Einsatzkräfte sind mit Maschinengewehren bewaffnet. © Getty Images | Michele Tantussi
Der Anblick wirkt martialisch.
Der Anblick wirkt martialisch. © Getty Images | Michele Tantussi
Vor allem vor einem Kinderkarussell.
Vor allem vor einem Kinderkarussell. © Getty Images | Michele Tantussi
Auch erste Besucher kamen bereits.
Auch erste Besucher kamen bereits. © Getty Images | Michele Tantussi
Auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt kontrolliert ein Sicherheitsmitarbeiter die Taschen von Besuchern.
Auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt kontrolliert ein Sicherheitsmitarbeiter die Taschen von Besuchern. © Getty Images | Michele Tantussi
Auch am Alexanderplatz sind bereits wieder Menschen unterwegs, hier auf der Eislaufbahn.
Auch am Alexanderplatz sind bereits wieder Menschen unterwegs, hier auf der Eislaufbahn. © Getty Images | Michele Tantussi
Sie wirken unbekümmert.
Sie wirken unbekümmert. © Getty Images | Michele Tantussi
Am Mittwochnachmittag war der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt vor Einbruch der Dunkelheit zunächst noch schwach besucht.
Am Mittwochnachmittag war der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt vor Einbruch der Dunkelheit zunächst noch schwach besucht. © Getty Images | Michele Tantussi
Am Dienstag war der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt geschlossen geblieben.
Am Dienstag war der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt geschlossen geblieben. © Getty Images | Michele Tantussi
Noch einmal der Blick an den Breitscheidplatz: Die Weihnachtsmarktstände blieben hier am Mittwoch weiter geschlossen.
Noch einmal der Blick an den Breitscheidplatz: Die Weihnachtsmarktstände blieben hier am Mittwoch weiter geschlossen. © Steffen Pletl | Steffen Pletl
„The light is stronger than the darkness“ (Das Licht ist stärker als die Dunkelheit) steht auf diesem Plakat in der Nähe des Anschlagsortes nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
„The light is stronger than the darkness“ (Das Licht ist stärker als die Dunkelheit) steht auf diesem Plakat in der Nähe des Anschlagsortes nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. © dpa | Paul Zinken