Breitscheidplatz

Anschlag in Berlin - „Fürchtet euch nicht“

Wir widerstehen der Angst. Berlin rückt in diesen Stunden zusammen, meint Hajo Schumacher.

Menschen singen am  Mittwoch zusammen mit der Sängerin Jocelyn B. Smith an der Gedächtniskirche in Gedenken an die Opfer des Attentats vom  Montag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz

Menschen singen am Mittwoch zusammen mit der Sängerin Jocelyn B. Smith an der Gedächtniskirche in Gedenken an die Opfer des Attentats vom Montag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz

Foto: joerg Krauthoefer

Das Handy steht kaum still seit Montagabend. Menschen, die sich ewig nicht gemeldet haben, fragen besorgt: „Alles okay bei euch?“ Manche wissen gar nicht, dass wir kaum einen Kilometer entfernt vom Breitscheidplatz wohnen. Morgens den Jungen für die Schule stabilisiert. Das Leben muss weitergehen. Wir widerstehen der Angst. Draußen auf der Straße merkwürdige Ruhe. Oder fühlt es sich nur so an? Tapfer, aber leise geht Berlin seinem Tagwerk nach. Bedrückte Gesichter, aber auch entschlossene Blicke, die wissen lassen, dass nachdenkliches Schweigen und stilles Mitgefühl herrscht, aber keineswegs Gleichgültigkeit. Berlin rückt zusammen, und man fragt sich leise, warum es eine Kata­strophe braucht, um dieses tiefe Gefühl von Miteinander zu schaffen.

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Als amAbend bekannt wird, dass der Täter noch auf freiem Fuß ist, kommen bittere Zweifel auf: Warum habe ich den elfjährigen Sohn morgens allein mit dem Rad zu seiner konfessionellen Schule fahren lassen? Immer wieder die Gedanken an die Toten und Verletzten: Sind Bekannte darunter? Wie gehen Angehörige damit um, wenn sie erfahren, dass einer von ihnen unter den Opfern ist? Wie lässt man diese Menschen wissen, dass eine ganze Stadt mit ihnen fühlt?

„Wir leben in einer Risikogesellschaft“, sagt einer dieser Fernsehexperten, die ihr Nichtwissen wortreich überplaudern. Hätte er doch geschwiegen, wie all die anderen, die das Leid missbrauchen, um ihre Eitelkeit, ihre Borniertheit, das anmaßende Haben-wir-ja-immer-gesagt zu inszenieren. Kranke Hirne gibt es nicht nur in Terroristenköpfen.

Unglück und Leid bringen das Beste und zugleich das Düsterste im Menschen hervor. Hier die unermüdlichen Einsatzkräfte auf dem Breitscheidplatz, die angemessenen Töne der Stadtregierung, die ruhigen Bitten um Wachsamkeit und Besonnenheit. Dort die wenigen Schamlosen, die Anstand für Charakterschwäche halten, die hetzen, bevor überhaupt klar ist, was genau geschah. Es braucht Kraft, ausgerechnet dann Geduld zu bewahren, wenn die Spekulationswut am heftigsten tobt.

Eine unsichtbare Gemeinschaft der Anständigen

Zugleich bildet sich in den Wellen der Unsicherheit eine unsichtbare Gemeinschaft der Anständigen. Darf man nach New York, nach London, Madrid, Oslo, Paris und all den anderen Orten des Schreckens von den Lehren des Terrors sprechen, die uns beigebracht haben, niedere Reflexe etwas besser zu kontrollieren und uns auf unsere Stärke namens Herz zu besinnen?

Unversehens hat uns die Todesfahrt vom Breitscheidplatz das Weihnachtsfest mit seinem ursprünglichen Sinn nähergebracht. Was ist all der Geschenkewahn gegen den Wert einfachen guten sicheren Zusammenseins? „Friede auf Erden“, fordern die himmlischen Heerscharen, vor allem aber: „Fürchtet euch nicht.“ So lautet die ewig richtige Botschaft, Trost und Auftrag gleichermaßen. Die Weihnachtsgottesdienste werden voller sein, die Berliner werden, noch mehr als sonst, die Gemeinschaft ihrer Mitbürger suchen, und sei es nur für eine halbe Stunde. Ob in der Kirche, ob mit Freunden oder der Familie, menschliche Nähe kann, muss und wird die Berliner Weihnacht in diesem Jahr bestimmen.

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Finden wir gemeinsam die Größe, in dieser urplötzlich so verdüsterten Weihnachtszeit für einen Moment Pause zu machen mit den Ratschlägen, den Besserwissereien, den Attacken, dem moralischen Auf- und Abwiegeln. Fassen wir gemeinsam den Mut, unseren Mitmenschen Zeit, Rücksicht und Mitgefühl zu gewähren. Geben wir uns gemeinsam die Kraft, uns selbst, unseren Nächsten, der ganzen Welt Liebe und Nächstenliebe zu geben. Gegen die vereinte Herzenskraft dieser Stadt kann kein Terrorist etwas ausrichten.