Ein 55. Jahrestag verdient eigentlich keine besondere Würdigung. Mit dem 13. August 1961 ist das etwas anderes. Heute vor 55 Jahren wurde Berlin und den Berlinern das Herz, die Seele genommen. Am Tag, an dem die Kommunisten die Mauer bauten, nahmen sie die Menschen im Osten in Geiselhaft, für die Menschen im Westen wurde sie zur permanenten Bedrohung. All das ist heute kaum noch vorstellbar. Mit wie viel Tränen, Leid und Verzweiflung die Teilung der Stadt durch Mauer, Stacheldraht und Diktatur fast drei Jahrzehnte verbunden war, können nur noch die Menschen empfinden, die in diesen Jahren vor und hinter der Mauer gelebt haben.

Umso wichtiger ist es, immer wieder daran zu erinnern, wozu totalitäre Regime fähig sind. Seit dem Geschenk des Mauerfalls verblassen die Schrecken an Unfreiheit, Todesschüsse und Bonzentum mehr und mehr. Wird allzu viel verklärt, was weiter aufgeklärt gehört. Und wird als Mahnung nicht mehr so ernst genommen, wie es geboten ist. Freiheit ist eben keine Selbverständlichkeit. Sie muss aktiv gelebt und bewahrt werden. Demokratie muss immer wieder auch verteidigt werden gegen jene, die sich als deren Feinde outen; egal ob von links oder rechts.

Es darf nicht widerstandslos hingenommen werden, wenn noch heute unbelehrbare ehemalige Stasi- und Grenzobere den 13. August 1961 öffentlich als politische Heldentat feiern. Es ist überfällig, dass der Mauertoten, deren Asche anonym auf dem Friedhof Baumschulenweg in Treptow einst verstreut wurde, mit einer Gedenktafel gedacht wird.

Wenn Berlins Politiker heute ihre Kränze niederlegen, werden sie wieder viele mitfühlende Worte finden. Dabei dürfen sie es nicht belassen. Sie müssen endlich Sorge tragen, dass in den Schulen der Stadt über Mauerbau und DDR-Diktatur aufgeklärt wird, dass der Besuch der zentralen Stasi-Haftanstalt Hohenschönhausen schulisches Pflichtprogramm wird. Nur wer um den Wert der Freiheit weiß, wird sie verteidigen.