Die allermeisten Krisen in der Politik sind hausgemacht. Die Regierenden warten, bis es fünf nach zwölf ist und hoffen dann, dass es nicht so schlimm kommen wird. Der nächste Schritt ist dann in der Regel hektisches Agieren auf allen Feldern, um den Vorwurf der Untätigkeit zu entkräften. So ist es auch in der Flüchtlingsfrage. Der Senat ließ monatelang hier nicht viel mehr als Absichtserklärungen erkennen, um dann umso aufgeregter auf allen Ebenen aktiv zu werden. Zum Schluss musste sogar ein Beratervertrag für McKinsey her, um einen Plan für die Integration von Flüchtlingen zu entwerfen.

Daraus hat sich jetzt ein Problem für den Senat, allen voran die SPD, entwickelt. War es tatsächlich so, dass McKinsey bei der Suche nach einem Experten rein zufällig auf den ehemaligen SPD-Staatssekretär Lutz Diwell gestoßen war? War es wirklich so, dass der SPD-Mann bereits für die Aufgabe des Flüchtlingskoordinators gehandelt worden war, ein Engagement aber nicht zustande kam? Hatte der Senat wirklich erst nach der Auftragsvergabe davon erfahren, dass Diwell von den Unternehmensberatern angeheuert worden war? Und warum musste überhaupt ein Beratungsunternehmen für die Integration der Flüchtlinge beauftragt werden, obwohl Berlin doch über eine eigene Integrationssenatorin verfügt?

Alle diese Fragen kochten am Mittwoch rund um das Abgeordnetenhaus hoch – kurz nachdem SPD und CDU alle Flüchtlingsfragen von der Tagesordnung des Hauptausschusses genommen und in den Mai geschoben hatten. Der Chef der Senatskanzlei tauchte ab und war für Fragen nicht zu erreichen. Das nährt die Zweifel.

Sollte am Ende von den Vorwürfen nichts übrig bleiben, steht immerhin die Erkenntnis, dass der Senat sich erneut hat treiben lassen. Ein überzeugendes Konzept zur Bewältigung der Flüchtlingsfrage lässt sich der Öffentlichkeit so nicht vermitteln. Und darin liegt die größte Gefahr für den Senat: Dass ihm niemand mehr zutraut, die Fragen beantworten zu können, die die Öffentlichkeit an ihn stellt. Ein halbes Jahr vor der Wahl ist das kein gutes Zeichen.