Hertha-Trainer

Pal Dardai im Interview: „Spieler sind alle kleine Monster“

Ein Jahr ist Pal Dardai Hertha-Trainer. Im Interview spricht er über den Aufstieg und was er mit einem Dirigenten gemein hat.

Herthas Trainer Pal Dardai (r.) traf für einen Werbefilm den Orchester-Dirigenten Ivan Fischer – ebenfalls Ungar wie der 39-Jährige

Herthas Trainer Pal Dardai (r.) traf für einen Werbefilm den Orchester-Dirigenten Ivan Fischer – ebenfalls Ungar wie der 39-Jährige

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Nur selten hat man in der Fußball-Bundesliga einen so rasanten Aufstieg eines Klubs gesehen wie diesen: Am Freitag auf den Tag genau vor einem Jahr hat Pal Dardai den Trainerjob bei Hertha BSC übernommen. Der Ungar kam aus dem Nachwuchs zu den Profis. Aber Dardai, der zuvor Rekordspieler des Vereins war, führte die Berliner von Tabellenplatz 17 innerhalb von nur zwölf Monaten auf den Champions-League-Platz drei. Eine Aschenputtel-Geschichte . Zum Jubiläum haben wir den 39-Jährigen getroffen. Ein Gespräch über Führungsqualitäten, Parallelen zwischen einem Profiteam und einer Kindergartengruppe sowie die Frage, ob er nur in Berlin funktioniert.

Berliner Morgenpost: Herr Dardai, Sie haben kürzlich Ihren Landsmann, den Orchester-Dirigenten Iván Fischer vom Konzerthaus Berlin, getroffen, und man sah Sie mit einem Taktstock in der Hand. Ähneln sich Ihre beiden Berufe?

Pal Dardai: Wir beide arbeiten für Harmonie – ich mit meiner Mannschaft, er mit seinem Orchester. Und wir machen das beide für eine besondere Aufführung. Wir sind beide wie früher die Gladiatoren: Wir wollen die Leute unterhalten – er mit schöner Musik, ich mit schönem Fußball. Zu ihm geht man, um sich zu entspannen. Zu uns kommen die Fans, um auch mal Dampf abzulassen. Es gibt also Ähnlichkeiten. Aber was die Menschenführung betrifft, habe ich es ein bisschen schwerer als er.

Warum?

In seiner „Mannschaft“ haben die meisten den selben Hintergrund. Das ist eine ganz andere Kultur als bei uns im Fußball. Ich habe vom Hauptschüler bis zum Studenten alles dabei. Er kann alles planen und einüben lassen. Dann sagt er: Jetzt darfst du, dann du und dann du. Ich kann das leider nicht. Bei mir müssen die Spieler vieles selbst entscheiden. Und da ist von mir Pädagogik gefragt.

Ihre Mutter war Kindergärtnerin. Sie waren als Kind viel bei ihrer Arbeit. Was die Pädagogik angeht: Unterscheidet sich ein Profiteam von einer Kindergartentruppe?

Wenn einer einen Fußball sieht, ist er wieder ein Kind. Dieses Spielzeug kannst du ihm geben oder wegnehmen. Das funktioniert wie im Kindergarten. Nun ist das bei den Profis aber sehr schwierig: Jeder will spielen, jeder will Geld verdienen. Spieler sind alle kleine Monster. Ich war das auch. Aber wie im Kindergarten muss die Gruppe trotzdem funktionieren. Wir haben das in unserem ersten Jahr zusammen sehr gut hingekriegt.

Wie würden Sie dieses erste Jahr als Profitrainer beschreiben?

Als einen langen Weg. Sicher, uns hat beim Klassenerhalt auch der liebe Gott geholfen. Aber danach haben wir einen Strich gezogen: neue Spielkultur, auch neue Spieler. Der Manager hat mir alle Wünsche erfüllt. Der Einzige, bei dem es am Ende richtig knapp war, war Vedad Ibisevic. Ich habe gesagt: Er oder keiner. Zum Glück hat das geklappt. Danach hat sich alles nach und nach zusammengefügt. Ich sage immer: Von Null auf Hundert zu gehen, ist eigentlich unmöglich. Doch wir haben es geschafft. Aber ich sage auch: Einen weiteren so großen Sprung wird es so schnell nicht geben.

Wann mussten Sie in diesem Jahr mal ungerecht sein?

Als Änis Ben-Hatira in der vergangenen Rückrunde wieder fit war, hatte er es noch nicht verdient, wieder zu spielen. Aber ich habe ihn aufgestellt, weil ich dachte, dass er im Olympiastadion als Publikumsliebling die Leute mitnehmen kann. Das war anderen Spielern gegenüber, die besser trainiert hatten, ungerecht. Aber ich habe es vor der gesamten Mannschaft erklärt.

Wie wichtig ist Ehrlichkeit für Sie?

Ich versuche, ehrlich zu sein. Denn wenn man ehrlich ist, stehen die Chance auch besser, länger seinen Job zu behalten.

Mit der Erfahrung aus einem Jahr: Was kann der Trainer Pal Dardai noch nicht?

Ein gutes Beispiel ist das 3:3 in Bremen: Warum haben wir es nicht geschafft, das 3:1 über die Zeit zu bringen? Ich habe mir diese Frage immer wieder gestellt. Aber ich habe auch festgestellt: Nur Niederlagen helfen mir. Ich habe als Jugendtrainer fast immer gewonnen, bei der Nationalelf ebenso. Doch daraus lernt man nicht. Ich weiß jetzt, wie ich besser dagegenwirken kann, dass wir die Führung noch aus der Hand geben. Dieses Spiel war eine Mahnung für mich.

Welcher Spieler hat Sie im letzten Jahr am meisten überrascht?

Ich glaube, dass jeder Spieler einen riesigen Schritt bei uns gemacht hat. Besonders überrascht hat mich aber Marvin Plattenhardt: Als ich kam, hatte er kaum gespielt. Dann schaue ich ihn mir im ersten Training an und denke: Der ist schnell, der hat eine gute Schusstechnik. Was ist das Problem? Oder Rune Jarstein. Ehrlich gesagt, dachte ich: Er hat nicht so viel. Im Training konnte man das zunächst nämlich nicht sehen. Aber im Spiel machte er das plötzlich überragend. Oder nehmen wir Johannes van den Bergh: Er kommt kaum zum Einsatz, aber er haut sich im Training immer rein und hat eine riesige Entwicklung hingelegt.

In der Bundesliga beträgt die durchschnittliche Verweildauer von Trainern nur etwas mehr als ein Jahr. Wann nutzt man sich als Trainer ab?

Lassen Sie es mich so erklären: Ich gebe eine Taktik vor, die Spieler sehen, dass sie erfolgreich ist. Dann haben sie Vertrauen. Aber dieses Vertrauen darf man nie verspielen. Ein Trainer hat nicht viele Karten in der Hand. Verspielt er sie einmal, wird es eng. Dann nutzt man sich ab. Wir, mein gesamtes Trainerteam, haben nun dieses Vertrauen von der Mannschaft. Aber wir müssen darauf achten, es nicht zu verlieren. Gleiches gilt andersherum für die Profis: Sie sollten mein Vertrauen nicht verspielen. Ich bin nämlich ein schlimmer Elefant und vergesse nicht.

Kommt eine gute Fee und gewährt Ihnen einen Wunsch, eine Sache, oder eine Eigenschaft, die Sie als Trainer nicht haben. Was würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir nur eine Sache wünschen: Ich will endlich in dieses Pokalfinale im Olympiastadion. Ob dieses Jahr, oder irgendwann.

Nichts anderes?

Was soll ich mir sonst wünschen? Meine Familie soll gesund bleiben. Das ist das Wichtigste. Und Hertha in der ersten Liga. Ich selbst werde schon nicht verhungern. Also, das Pokalfinale mit Hertha würde ich mir von der Fee wünschen.

Sie haben die Entwicklung Ihrer Mannschaft seit Sommer Schritt für Schritt geplant. Welche sollen nun folgen?

Wenn wir die Rückrunde gut hinkriegen, haben wir einen starken Kern von Spielern in der Mannschaft. Unser nächster Schritt muss sein, aus unserer guten Nachwuchsakademie immer wieder Talente bei uns einzubauen. Dazu holen wir punktuell neue Spieler von außen dazu. Das ist dann wie ein Teich: Frisches Wasser kommt rein, das andere Wasser geht raus. Dann haben wir einen schönen Kreislauf. Dazu müssen wir unsere Spielphilosophie weiter kultivieren. Früher war es bei Hertha so: Wir hatten individuelle Qualität, aber keine durchgezogene Philosophie. Das soll sich mittelfristig ändern.

Wie viel Prozent Ihrer Zeit stecken Sie schon in die Arbeit für die nächste Saison?

Ich habe das Glück, dass sich mein Vertrag im Sommer automatisch verlängert, wenn wir erfolgreich sind. Deshalb konnte ich schon einiges mit dem Manager besprechen. Aber über Namen haben wir noch nicht gesprochen. Bisher war es aber immer so, dass er versucht hat, meine Wünsche zu erfüllen. Michael Preetz ist ein Manager, der alles für seinen Trainer macht. Danach bin ich dran und muss liefern. So war es im Sommer. Und so muss es sein. Wenn das mit mir irgendwann nicht mehr funktionieren sollte, gehe ich zurück zum Nachwuchs.

Ach kommen Sie, das glaubt Ihnen doch keiner mehr!

Keiner glaubt mir das. Aber es ist so. Ich habe Kinder hier in Berlin. Und mir hat die Nachwuchsarbeit immer Spaß gemacht. Meine Stärke ist, dass ich mich gut anpassen kann: Spiele ich bei den alten Herren mit, bin ich wie sie. Spiele ich mit den Kindern im Garten, bin ich ein Kind. Bin ich hier bei den Profis, denke ich wie ein Profi. Das ist Pal Dardai. Deshalb wäre es für mich auch völlig okay, wieder im Nachwuchs zu arbeiten.

Zum Schluss haben wir für Sie noch ein paar Thesen vorbereitet, und wir bitten Sie, nur mit „Stimmt“ oder „Stimmt nicht“ zu antworten: Erste These: Pal Dardai funktioniert als Trainer nur bei Hertha und in Ungarn:

Stimmt.

Der Trainer Pal Dardai wird erfolgreicher sein, als es der Spieler Pal Dardai jemals war.

Puh. Schwer. Als Trainer brauchst du auch Glück. Als Spieler habe ich fast das Maximum aus meinen Möglichkeiten rausgeholt. Also, schauen wir mal.

Pal Dardai versteht von Motivation mehr als von Taktik.

Stimmt nicht.

Pal Dardai übersetzt im Kopf Deutsch immer ins Ungarische.

Stimmt. Ich rede ein ungarisches Deutsch (lacht).

Der Einzug ins DFB-Pokalfinale ist für Pal Dardai wichtiger als der Einzug in die Champions League.

Stimmt.

Wäre Pal Dardai nicht im Profifußball gelandet, wäre er heute Sportlehrer.

Stimmt.

Pal Dardai versteht nichts von Twitter.

Stimmt nicht (lacht). Ich lerne es gerade.

Pal Dardai sagt in Interviews immer die Wahrheit.

Stimmt.