Kommentar

Den radikalen Islamisten Kontra geben

Youtuber erklären im Internet den Islam - um so Dschihadisten den Nährboden zu entziehen. Ein gutes Projekt mit einer Gefahr, meint Ulrich Krätzer.

Thomas de Maizière und YouTuberin Nemi al-Hassan

Thomas de Maizière und YouTuberin Nemi al-Hassan

Foto: Kay Nietfeld / dpa/picture alliance

Er sitzt mit einer Kalaschnikow an einem Wasserfall, planscht herum und ruft lachend: „Dschihad macht Spaß!“ Das Video, das der zum Hardcore-Islamisten mutierte Ex-Gangster-Rapper Denis Cuspert vor einigen Jahren in Syrien aufgenommen hat, hat in Dschihadisten-Kreisen längst Kultstatus. Mittlerweile ist das Netz voll von Clips, in denen mehr oder weniger gescheiterte Existenzen erklären, wie toll es angeblich ist, für den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) zu kämpfen. Hinzu kommen die Clips, die der IS selbst produziert – und die Filmchen, in denen salafistische Self-Made-„Prediger“ den ideologischen Nährboden für die Terroristen bereiten. Die Propaganda zeigt Wirkung. Fast 800 Islamisten sind aus Deutschland in den Dschihad gezogen.

Jetzt endlich hält die Bundeszentrale für politische Bildung dagegen. „Youtuber“, meist junge Menschen also, die von ihren Altersgenossen regelrecht verehrt werden, erklären im Internet – unterstützt von Islamwissenschaftlern – islamische Begriffe, die die Radikalen für ihre scheinreligiös verbrämte Ideologie vereinnahmt haben. Durchideologisierte IS-Kämpfer wird das nicht erreichen. Doch es gibt viele junge Menschen, die (noch) nicht radikal sind – aber auf der Suche nach dem „wahren Islam“ oder einfach nach Anerkennung und dem Gefühl, mal auf der Gewinnerseite zu stehen. Bei ihnen könnte das Projekt funktionieren. So wirkt der Clip einer Youtuberin mit Kopftuch, die die Bedeutung des Wortes „Dschihad“ erklärt, authentisch und eindringlich.

Der Kampf um die Deutungshoheit über das Wesen des Islam – und hier setzt das Projekt an – birgt aber eine Gefahr. Denn Salafisten sind in dieser Auseinandersetzung geschult. Prediger wie Pierre Vogel etwa machen sich in Propagandavideos über die Sichtweise gemäßigter Muslime lustig. Unmittelbar danach präsentieren sie potenziellen Sympathisanten den vermeintlich „richtigen“ Islam. Darin sind sie geschickt.

Youtuber mit ins Boot zu nehmen, um die jugendliche Zielgruppe zu erreichen, ist also der richtige Weg. Zu wünschen ist dem Projekt, dass auch der inhaltliche Ansatz funktioniert.