Wer noch an ein organisiertes und geeintes Europa glauben will, der muss in einer kalten Oktobernacht der 25 Jahre alten Julia über die Schulter schauen.

Ich habe die Studentin aus Stuttgart in einem der Auffanglager in Österreich getroffen. Sie hat dort Tee an die geflohenen Menschen ausgeschenkt, mehrere Tage und Nächte in Folge. Julia hätte auch zu Hause bleiben oder in Stuttgart helfen können. Aber sie ist zum Nachbarn nach Österreich gefahren, vorher war sie schon in Ungarn. Weil ihr hier die Not am größten schien. Alles ehrenamtlich, aus Solidarität. Ohne Egoismus und Seite an Seite mit anderen.

Europas Politik dagegen agiert zerstritten, bestenfalls zögerlich, jeder schiebt Verantwortung und Flüchtlinge weiter zum Nächsten. Eigentlich halten nur noch Menschen wie die Studentin Julia den Laden am Laufen. Das jedenfalls sind die Signale, die Europas Regierende derzeit aussenden.

Aktuelles Beispiel: Berlin, Sonntagvormittag. Der große Flüchtlingsgipfel der Koalitionsspitzen von Union und SPD endete nicht mit Entschlossenheit und geeintem Handeln. Was herauskam, sind allenfalls Gesichtswahrung auf allen Seiten, ein Glätten der Wogen – und weitere Konflikte.

Zwei Stunden sprachen Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel im Kanzleramt über die Lage im Land, in Europa. Es soll ruhig zugegangen sein, hieß es. Als sei schon das eine Nachricht wert. Zu einer Einigung über eine Asylpolitik der Regierung kam es nicht. Donnerstag wollen sich alle noch einmal treffen. In vier Tagen – als hätten sie alle Zeit der Welt.

Immerhin: Ein Positionspapier von CDU und CSU ist nun der Versuch, den Streit innerhalb der Union zu entschärfen. Seehofer hält etwas in der Hand, wenn er wieder nach Bayern fährt. Und Merkel kann sich wieder an der SPD abarbeiten. So geht Krisenmanagement in Trippelschritten. Doch der Konflikt innerhalb der Regierung um Asylobergrenzen und Transitzonen wird bleiben.

Sicher: Patentrezepte gibt es in einer komplexen Situation wie jetzt nicht. Demokratie lebt – trotz allem Seehofer-Gepolter – auch vom Streit. Aber zu lange dauert es, bis sich die Debatte in eine schwarz-rote Regierungspolitik gießt. Eine große Koalition, sagte Merkel einst, sei dafür da, große Aufgaben zu lösen. Doch zuletzt war die große Koalition vor allem großer Zoff.

Und das Signal ist verheerend. Für die Bürger in Deutschland, die sich zu Recht fragen, wie viel und was das Land leisten kann. Für die Kommunen, die mit der Versorgung der Geflohenen ringen. Für Menschen wie Julia, deren Kraft begrenzt ist.

Und auch für die Flüchtlinge, die in Europa ankommen und von denen einige die Nächte auf kaltem Asphalt schlafen müssen. Alle diese Menschen verdienen Antworten.

Die SPD schlägt anstelle von Transitlagern mit Polizeischutz an der Grenze „dezentrale Einreisezentren für Flüchtlinge“ in jedem Bundesland vor. Ob diese Zentren die Einreise von Geflohenen geordneter gestalten und die Kommunen vor allem in Bayern entlasten, ist schwer zu bewerten.

Doch ein Wort verdient im SPD-Vorstoß Beachtung: „dezentral“. Es ist der Schlüssel zur Verbesserung der chaotischen Lage Europas. Die Asylpolitik wird nicht an der Grenze von Bayern gelöst, nicht allein in Berlin. Sondern vor allem in Brüssel. Die EU muss die geflohenen Menschen verteilen: dezentrale und kleinere Einrichtungen statt Auffanglager, die irgendwann zu Gettos wachsen.

Nicht vor allem Deutschland, Schweden oder Griechenland können Menschen aufnehmen, sondern alle 28 EU-Mitgliedsstaaten. Eine, zwei oder sogar fünf Millionen Migranten sind wenig, wenn sich 500 Millionen Europäer verantwortlich fühlen. Kosten und Nutzen der Migration müssen europaweit gerecht verteilt werden.

Diese dezentrale Politik ist ein Kraftakt. Weil er von Solidarität lebt und nicht von Egoismus. Weil CDU, CSU und SPD Seite an Seite stehen müssten. Utopisch? Ein Blick über Julias Schulter am Teeausschank gibt Hoffnung.