Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Sie sind in einer Notlage, etwa weil Sie Einbrecher in Ihrem Haus hören oder gerade zufällig Zeuge einer Gewalttat auf der Straße werden. Sie rufen die 110, den Notruf der Polizei, an – und landen in der Warteschleife. Es vergeht eine Minute, zwei drei. Die Zeit kommt Ihnen vor wie Stunden, Sie haben Angst, aber Sie schaffen es nicht, zu einem Polizisten vorzudringen. Sie möchten sich das nicht vorstellen? Ich eigentlich auch nicht, aber es kommt vor. Sicherlich nur in Einzelfällen, aber es geschieht eben, wie jüngst bei einer 20-Jährigen aus Kreuzberg. Und jeder Einzelfall ist einer zuviel.
Der Hintergrund: Die Einsatzzentrale der Berliner Polizei ist seit Mitte Juli geschlossen, weil dort gesundheitsgefährdende Mineralfasern entdeckt wurden. Nun sind die Beamten in einem Ersatzraum untergebracht, in dem es zwar wie zuvor 13 telefonische Annahmeplätze gibt, aber weniger Leitungen für Anrufe, die zunächst in die Warteschleife umgeleitet werden.
Warum dort nicht mehr Leitungen gelegt wurden, ließ sich am Sonnabend nicht aufklären. Allerdings, so erläuterte ein Polizeisprecher, sei die geringere Zahl der Warteleitungen gar nicht das Problem. Vielmehr tauche ab und zu, in unregelmäßigen Abständen, das technische Problem auf, dass Anrufer nicht automatisch aus der Warteschleife zu einem freien Annahmeplatz durchgestellt werden. Dieses Problem sei bereits mit Technikern des Telefonanbieters besprochen, der Fehler aber nicht gefunden worden.
Das ist unbefriedigend. Hier geht es schließlich nicht um die Erreichbarkeit irgendeines Dienstleisters oder eines Versandhandels. Der Notruf der Polizei kann im Zweifelsfall über Leib und Leben entscheiden, da müssen sich die Verantwortlichen schon die Frage gefallen lassen, ob sie alles Menschenmögliche getan haben, um den Fehler aufzuspüren und schnell zu beseitigen. Auch der Hinweis, dass die Einsatzzentrale in der ersten Novemberwoche wieder in ihre angestammten Räume ziehen kann, beruhigt nur wenig.
Allerdings können auch die Berliner dazu beitragen, den Notruf zu entlasten: Viele melden dort keinen Notfall, sondern ein Ärgernis wie ruhestörenden Lärm. Dafür aber kann jeder das Bürgertelefon der Polizei (4664-4664) anrufen oder sein zuständiges Polizeirevier.




