Es durfte niemanden überraschen, was der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Mittwochnachmittag kurzfristig mitzuteilen hatte. Die Karawane von Flüchtlingen, die sich über Ungarn und Österreich nach Norden schiebt, wird auch an Berlin nicht komplett vorbeiziehen. Die Menschen, die für dramatische Bilder vor dem Budapester Bahnhof sorgten, zieht es auch in die Hauptstadt des wirtschaftlich starken Deutschland.

Die überladenen Schlauchboote auf der Ägäis, die überfüllten Lager auf griechischen Inseln und selbst den Sturm unter dem mazedonischen Grenzzaun konnten wir vielleicht noch als weit weg verorten. Der Bahnhof einer mittelosteuropäischen Metropole mutet uns dann doch ziemlich vertraut an. Jedem musste klar sein, was der Regierende Bürgermeister aussprach: „Die Lage wird sich in den nächsten Tagen deutlich verschärfen.“ Dabei weiß niemand, wie viele letztlich kommen werden, ob nun tausend oder noch mehr. Berlin muss sich wappnen für die größtmögliche Zahl.

Vielleicht waren es gerade diese Bilder aus Ungarn, die nun hoffentlich den letzten Rest Sorglosigkeit, Ressortegoismen und Kopf-in-den-Sand-stecken aus Berlins Politik vertrieben haben. Seit Mittwoch ist klar: Wir müssen alle verfügbaren Ressourcen mobilisieren, um eine humanitäre Katastrophe in unserer Stadt zu vermeiden. Die Zustände an den glutheißen Sommertagen vor dem überlasteten Landesamt für Gesundheit und Soziales an der Turmstraße, wo Hunderte für Tage strandeten, waren schon sehr nahe an dem, was in Mitteleuropa als Notstand gelten muss.

Jetzt legen Politik und Verwaltung einen Zahn zu. Man beschlagnahmt ein für die Erstaufnahme geeignetes Gebäude, die frühere Sparkassen-Zentrale an der Bundesallee, anstatt sich auf ein langwieriges Kaufverfahren einzulassen. Dafür hat der geforderte Staat derzeit weder Zeit noch Geld. Und Berlin kann dankbar sein, dass hier als Relikte seiner wirtschaftlichen Schwäche noch so manches Gebäude leer steht und vergleichsweise schnell genutzt werden kann. Obwohl es natürlich nicht optimal ist, Flüchtlinge in den Tempelhofer Hangars schlafen zu lassen oder im Internationalen Congress Centrum (ICC). Spätestens im Herbst, wenn die Temperaturen sinken und der Regen fällt, ist das aber besser, als in Zelten zu leben. Zumal niemand sagen kann, ob schnell genug reguläre Heime eröffnet werden können, um die Notunterkünfte zu räumen. Es ist auch weise, Flüchtlinge so lange es geht nicht in regulären Turnhallen unterzubringen, wenn die Stimmung der Bevölkerung sich nicht gegen die Ankommenden wenden soll.

Berlin handelt also, so wie andere Kommunen und Länder auch, unter dem Druck der Realitäten. Von der Bundesregierung, der EU-Kommission kann man das leider nicht sagen, und noch weniger von vielen EU-Staaten, die so tun, als ginge sie der Krieg in Syrien, der Terror in Afghanistan oder die Verfolgung in Eritrea nichts an. Hier ein gemeinsames Vorgehen zu finden, wird eine Nagelprobe für die EU sein.

Inzwischen muss aber auch dem letzten Zweifler klar geworden sein, dass auch das eigentlich großherzige Deutschland angesichts der schieren Masse von Flüchtlingen differenzieren muss. Zwischen Menschen, die wirklich Leib und Leben retten müssen, und solchen, die es mit der Aussicht auf eine bessere Existenz in den Norden zieht. Es wäre deshalb vernünftig, diese in ihren Chancen auf Asyl überaus unterschiedlichen Gruppen auch unterschiedlich zu behandeln und getrennt unterzubringen. Auch Albaner oder Serben sollen die Möglichkeit haben, etwaige politische Verfolgung darzustellen und um Asyl zu bitten. Aber die Verfahren müssen unbedingt beschleunigt und Menschen auch zurück auf den Balkan geschickt werden. Wenn das nicht passiert, können Berlin und andere Städte noch so viele Gebäude beschlagnahmen und werden dennoch irgendwann überfordert sein.