Einfach einsteigen und losfahren. Die Forderung der Piraten nach einem fahrscheinlosen Berliner Nahverkehr klingt zunächst gut. Kein umständliches Suchen nach passendem Kleingeld am Automaten und keine Ticketkontrollen mehr.
Und doch führt der Vorstoß der Piraten in die Irre. Denn natürlich ist der öffentliche Nahverkehr nicht zum Nulltarif zu haben. Der Betrieb von Bussen und Bahnen in einer Metropole wie Berlin kostet Geld – und zwar viel Geld. Allein die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) weisen in ihrem aktuellen Geschäftsbericht Ausgaben von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr aus.
Knapp 630 Millionen Euro kostet allein die Bezahlung der rund 13.500 BVG-Mitarbeiter, die täglich schwer dafür zu arbeiten haben, dass die 1300 Busse, 1200 U-Bahn- und 350 Straßenbahn-Wagen gemäß ihres Fahrplan durch die Stadt rollen. Mehr als die Hälfte ihrer Ausgaben – konkret 636 Millionen Euro – erwirtschaftet die BVG aus dem Verkauf ihrer Tickets. Wer den fahrscheinlosen Nahverkehr fordert, muss zunächst erklären, wie die BVG, aber auch die S-Bahn oder die Regionalbahnen den Einnahmeausfall ausgleichen können. Keiner kann ja ernsthaft annehmen, dass die BVG-Mitarbeiter künftig auf Lohn und Gehalt verzichten werden.
Berlin ist hoch verschuldet
Es bleibt dann nur der Griff in die Landeskasse. Auch wenn die Steuereinnahmen derzeit sprudeln wie lange nicht. Berlin ist noch immer mit mehr als 60 Milliarden Euro hoch verschuldet, plötzliche Zusatzausgaben von 600 Millionen Euro pro Jahr sind aus dem Etat überhaupt nicht zu stemmen. Steuererhöhungen oder pauschale Beiträge, wie sie schon die Grünen (Bürgerticket) oder die Linken (Berlin-Ticket) fordern, wären die unvermeidbare Konsequenz.
Allen Modellen ist gleich: Nicht der einzelne Fahrgast zahlt individuell nach konkreter Nutzung, sondern alle zusammen zahlen für den Nahverkehr. Das jedoch ist in höchstem Maß ungerecht und unsozial. Denn der Rentner, der nur noch selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, zahlt dann genauso viel für den Nahverkehr wie der gut betuchte Angestellte, der für seinen Fahrt von der Einfamilienhaus-Siedlung am Stadtrand in die City täglich Bus und Bahn nutzt. Noch nicht eingerechnet sind die Mehrausgaben, die der BVG und S-Bahn bei eine sprunghaft steigende Nachfrage entstehen würden.
Und es gilt die alte Erfahrung: Was nichts kostet, ist nichts wert. Busse und Bahnen dürften bei kostenloser Nutzung schnell heruntergekommen sein. Sinnvoll bleibt: Wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt, sollte sich an ihrer Finanzierung angemessen beteiligen. Die Ticketpreise dürfen allerdings nicht in solche Höhen schnellen, dass nur noch einige Privilegierte sich noch eine Busfahrt leisten können.



