Nach vielleicht fünfzig Metern Fußweg zwischen Mollstraße und Alexanderplatz stolpert Jan über eine Holzplanke. Er flucht. „Mann, diese Stadt!“ Er läuft über aufgeweichten Baustellen-Boden und ruft zu den anderen: „Also, das ist ja jetzt mal so was von Berlin hier!“ Er meint die fehlende Absperrung an der Baustelle, den Dreck, der jetzt an seinen 250-Euro-Schuhen klebt, das Unfertige dieser gesamten Gegend und er mittendrin mit drei schönen Menschen der Modewelt: Barta, Eric und Georg. Sie waren sofort per Du. Die Modewelt ist eine Vornamen-Gesellschaft. Die vier wollen jetzt in das „Week-End“, einen Club am Alexanderplatz. Sie werden keinen Eintritt zahlen, denn Georg kennt das Codewort.

Jan kennt die Vornamen der anderen drei erst seit ein paar Stunden. Er weiß, dass Barta eine Mode-Journalistin aus Warschau ist, Eric ein Blogger aus New York und Georg ein Designer aus Berlin. Jan leitet ein Unternehmen in Hamburg, das unter anderem biologischen Apfelsaft herstellt und ist eigentlich wegen der „Grünen Woche“ in Berlin. Aber ausgehen wollte er bei der Fashion-Week, das hat ihm seine Frau empfohlen, die Mode designt. Zweimal im Jahr trifft sich die Modeszene der Welt in Berlin, schaut sich tagsüber Models auf Laufstegen an und feiert die Nächte durch. Bread&Butter, Premium, 5 Elements.berlin und Bright – das sind die Namen der Messen, die parallel in Berlin gerade stattfinden – und für viele ein Grund sind, in die Stadt zu kommen. Zweimal im Jahr, sechs Tage lang ist Berlin das Modezentrum Europas. Sechs Tage und sechs Nächte.

Begonnen hat der Abend für Jan noch sehr steif, weil er eben niemanden kennt in der Berliner Modeszene. Seine Frau hatte ihm gesagt: Geh ins „Borchardt“ oder „Grill Royal“. Aber er hat keinen Tisch reserviert. Ein Kellner vom Grill Royal ruft ihm am Telefon eine hohe dreistellige Zahl ins Ohr: die Anzahl der Menschen, die auf der Warteliste stehen. Ins „Borchardt“ kann er zwar einfach hineinlaufen, doch der Kellner zeigt achselzuckend auf den Gastraum. Jeder Platz ist besetzt mit jungen, schönen, sportlichen Menschen in sichtbar teurer Kleidung. Die Anzahl der Pelze an der Garderobe am Eingang ist auch dreistellig. „Das wird heute nichts mehr“, sagt der Kellner. „Ich kann Ihnen nicht einmal einen Kaffee an der Theke anbieten.“

Das Ticket passt in keine Tasche

Es 21 Uhr, Jan läuft zur Friedrichstraße, zu McDonald's. Vor ihm in der Schlange steht Helene Hegemann, die 18-jährige Autorin von „Axolotl Roadkill“, das vor einem Jahr für Aufsehen gesorgt hat. Hegemann ruft sehr laut in ihr Telefon: „Okay, wir kommen auch ins Grill Royal!“

Jan isst einen Hamburger, nimmt die S-Bahn zum Potsdamer Platz, läuft in Richtung Neue Nationalgalerie – und trifft auf Barta. Sie erkennen einander an ihrem Ticket, das beide in der Hand halten, weil es in keine Tasche passt. Es ist aus rotem, durchsichtigem mehrere Millimeter dickem Plastik – und verschafft ihnen einen Stehplatz in der großen Halle im Mies-van-der-Rohe-Bau. Während sie auf den Beginn der Show warten, erzählt Barta, dass sie vor zwei Tagen aus Warschau gekommen sei, inzwischen zehn Modenschauen gesehen hat und diese hier, von Hugo Boss, die letzte sein wird. Ihr Englisch hat einen britischen Akzent, weil sie zwölf Jahre in London gewohnt hat. Sie hat viel geschrieben und deshalb will sie jetzt die Nacht durchfeiern, erst in einem Club namens „Soho“, dann „Week-End“.

Kurz vor 22 Uhr: Die Modenschau beginnt. Zu sehr lauter House-Musik laufen im Takt dünne, blass geschminkte Frauen und schlanke Männer mit Vollbärten über den schwarz glänzenden Laufsteg. Sie tragen strenge, dunkle Kleider und Jacketts mit oder ohne Lederapplikationen, graue Mäntel mit Reisverschlüssen an Stellen, an denen sonst keine sind, und sehr enge Hosen. Alle laufen mit ausdruckslosen Gesichtern zielstrebig einmal ohne anzuhalten über den Laufsteg. In der ersten Reihe sitzen der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und viele Schauspieler: Tilda Swinton, Hayden Christiansen, Tom Schilling, David Kross, Karoline Herfurth. Sie stecken während der Show ihre Köpfe zusammen und diskutieren über jedes neue Kleid. Das heißt: Swinton und Wowereit nicht. Beide schauen ernst wie bei einem Tennismatch rhythmisch nach links und nach rechts. Wowereit kommt gerade von der Eröffnung der „Grünen Woche“ – die gleichzeitig im Westen Berlins für Aufsehen sorgt.

„Ich will jetzt feiern“

Nach der Show will Barta mit Jan nicht über Mode reden. „Meine Arbeit ist beendet“, sagt sie, „ich will jetzt feiern.“ Sie holt für Jan und sich einen Cranberry-Wodka von der Theke und bringt Eric mit, den sie dort kennen gelernt hat. Der Mode-Blogger aus New York hatte gerade einem Freund erzählt, er habe gestern noch mit Kylie Minogue zu Abend gegessen. Das hat sie mitgehört und ihn angesprochen. Sie stehen zu dritt in der großen Halle der Nationalgalerie, essen Shrimp-Salat und Nudel mit Bolognese-Sauce, und Barta lästert mit Eric über die Kleidung der Umstehenden. „Manche Leute sollten einfach keine engen Kleider tragen“, meint sie mit einem Kopfnicken in Richtung einer Frau fünf Meter entfernt.

Jan weiß nichts von Mode und schaut auf die Leuchtbänder über ihnen an der Decke, die in orangenen Buchstaben englische und deutsche Sätze zeigen: „Ich habe Angst vor Menschen“, steht dort, oder: „Ich könnte mich um sie kümmern.“ Es ist die verwirrende Kunst-Installation „Oh“ von Jenny Holzer, die hier vor zehn Jahren angebracht wurde. Jan liest Barta laut die englischen Sätze vor und merkt, dass sie auch vom Tod handeln. Im Hintergrund läuft laut „Sweet dreams“ von Eurythmics. „Ich habe mir geschworen, wenn der Song läuft“, sagt Eric, „ist es Zeit, den Ort zu wechseln.“ Die anderen nicken.

Es ist kurz nach Mitternacht und die drei teilen sich ein Taxi zum Club „Soho“ in der Torstraße, Barta hat Einladungen für die Party des Labels „Unrath&Strano“. Der Taxifahrer ist redselig und erzählt Jan, er sei froh, dass jetzt die Modemesse hier stattfindet. „Die letzten zwei Monate waren tote Hose.“ Jetzt aber seien auch nachts sehr viele Menschen unterwegs – wenn auch nur in der Gegend zwischen Tempelhof, wo die „Bread&Butter“ stattfindet und dem Bebelplatz, wo das Zentrum der „Fashion-Week“ ist. „Mich nervt nur“, sagt er, „dass mich Fahrgäste immer wieder fragen, ob es mich stören würde, wenn sie in meinem Auto Drogen nehmen.“ Ja, es störe ihn.

An der Decke hängen 14 Discokugeln

Im „Soho“ gibt es „Jägermeister“, Wodka „Alpha Noble“ und Champagner Marke „Lanson“, an der Decke hängen 14 Discokugeln, eine blonde DJane legt House-Musik auf. Barta lästert über die Frisur einer Tanzenden, Eric erzählt, dass er „Miss Schweiz 2001“ getroffen und „beinahe“ geküsst hat. „Sie war immer noch sehr schön, auch zehn Jahre später.“

Jan geht an die Bar und lernt Georg kennen, der ihm erzählt, was er hier verpasst hat, als er noch bei Hugo Boss war. „Alisa von GNTM war hier“, sagt er und meint die Gewinnerin der Casting-Show „Germanys Next Top-Model“. Er ist ein Designer, der Mode in Berlin studiert hat. Man sieht es ihm nicht an, weil seine Kleidung eher zurückhaltend ist. Blaues T-Shirt, Schwarze Jeans. „Aber schau dir doch die Leute an“, sagt er, „Du kommst in Berlin überall auch in Turnschuhen rein.“ Das sei in Mailand oder Paris verboten. Gerade diese entspannte Stimmung mag er an der Stadt. Dann redet er über Mode allgemein und was sie für ihn bedeutet. Georg muss immer an einen Spruch Peter Sloterdijk denken: „Mode ist ein aktiver Beitrag zum Selbstbetrug.“ Er weiß nicht mehr genau, wo er ihn gelesen hat, aber es ist ja auch schon sehr spät. Er schlägt vor, den Club zu wechseln.

Auf dem Weg zum „Week-End“, das nur eine Häuserecke entfernt ist, trinken die vier Champagner aus der Flasche und vergleichen Berlin, New York und Warschau. Berlin schneidet sehr gut ab. Als das Hotel „Park Inn“ sich vor ihnen aufbaut, läuft Jan ein paar Meter voraus. Er stellt sich mit seinen inzwischen dreckigen Schuhen vor die anderen und ruft laut: „Ist das nicht unglaublich toll, dass wir hier sind?“ Die anderen nicken nur.

Am Eingang vom „Week-End“ stellt sich ein Türsteher den vieren in den Weg. Georg sagt das Passwort des Abends. Es lautet „Ohne Zigarette“. Sie werden bis nach fünf Uhr bleiben. Die Getränke werden zum ersten Mal an diesem Abend etwas kosten, aber es wird eine gute Nacht werden. Eigentlich hat Jan noch eine Einladung für den nächsten Tag. „Zu einer Show von einem gewissen Michael Michalsky.“ Aber von dem hat er noch nie gehört. Er fährt wohl einfach wieder zurück nach Hamburg. Zur Familie. Georg schüttelt den Kopf und schaut Jan an, als komme er von einem anderen Planeten.