Morgenpost Online: Mit staunenden Gesichtern sah man Samstagnacht Modefans durch den Postbahnhof wandeln – wo haben Sie sich Ihre Inspiration geholt?

Bernhard Willhelm: Ich bin ein Fan von 70er-Jahre-Ski-Kleidung. Mein Bruder war mal Skifahrer, und ich selbst mag die Berge lieber als das Meer. Inspiriert haben mich bei dieser Kollektion die Olympischen Winterspiele von 1976 in Innsbruck, als Rosi Mittermaier zweimal Gold für Deutschland holte. Auch die deutsche Mannschaft kam damals bei der Eröffnungsfeier ganz in Gold, ich glaube Adidas hat sie damals eingekleidet. Es war also irgendwie ein goldener Moment. Deswegen habe ich den Models auch goldene Bärte verpasst und Glitter in das Gesicht geschminkt. Ich selbst hab das Zeug auch noch überall.

Morgenpost Online: Was gefällt Ihnen so gut an Sportkleidung?

Willhelm: Im Sport gibt es ganz eigene Farben. Ein bisschen so wie Kindermalfarben. Bei mir war überhaupt kein Schwarz dabei. Ganz anders als beim Rest der Fashion-Week-Teilnehmer.

Morgenpost Online: Die Übergänge von Mode und Kunst waren fließend. Haben Sie die einzelnen „Bilder“ vorher genau geplant?

Willhelm: Von Montag an haben wir jeden Tag an der Installation gearbeitet. Jedes Objekt hat sich während der Arbeit entwickelt. Die Requisiten haben wir aus dem Fundus der Deutschen Oper, der sich außerhalb von Berlin befindet. Der Transport war sehr aufwendig. Am besten hat mir der Dinosaurier gefallen. Am liebsten hätte ich den ja in Neon gehabt, aber wir konnten ihn nicht anstreichen.

Morgenpost Online: Wie haben Sie die Reaktion der Besucher erlebt?

Willhelm: Ich war ja selbst Teil der Installation, und mein Eindruck war, dass die meisten Zuschauer ein Lächeln auf den Lippen getragen haben. Sie konnten ja auch mit den Models in Dialog treten. Zuerst sollten die Models iPods tragen, um vom Publikum getrennt zu sein. So war es aber auch gut. Bei meiner Installation wollte ich die Menschen zu allen möglichen Assoziationen anregen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, das Geschehen anders zu interpretieren.

Morgenpost Online: Wie kommt es, dass Sie diesmal in Berlin gezeigt haben?

Willhelm: Die Entscheidung für Berlin ist spontan gefallen. Ich habe zehn Jahre meine Kollektionen nur in Paris gezeigt, das war mal eine Abwechslung. Für diese Präsentation habe ich einfach Platz gebraucht. So kamen wir auf den Postbahnhof. In Paris ist die „Venue“ sehr teuer, und gerade bei der Herrenkollektion haben wir nur ein kleines Budget. Es ist es immer ein Kampf um die guten Plätze. Berlin hat genug davon.

Morgenpost Online: Wo bekommt man Ihre Mode in Berlin?

Willhelm: Bei Wood Wood in Mitte und bei The Hunter in Prenzlauer Berg.

Morgenpost Online: Verfolgen Sie in irgendeiner Weise die Diskussion darüber, ob Berlin denn nun eine Modestadt ist oder nicht?

Willhelm: Nein. Berlin ist für mich genauso exotisch wie Polen oder Russland. In Berlin ist man sehr auf Deutschland und auf die Messe Premium bezogen. Es gibt große Firmen mit einer deutschen Identität, die hier oft auch aus Image-Gründen zeigen. Wir haben das in Berlin nur so zum Spaß gemacht. Die Arbeit als Designer ist sehr repetitiv. Da geht es viel um Deadlines. Manchmal eine echte Roboter-Arbeit. Projekte und Kollaborationen sind da eine willkommene Abwechslung. Ich habe auch schon mit dem Deutschen Theater gearbeitet und die Tour von Björk ausgestattet.

Morgenpost Online: Sie haben die Stadt trotzdem in den vergangenen Tagen erlebt, was war Ihr Eindruck?

Willhelm: Berlin ist auf der Suche, Paris hingegen wird zu einem Museum wie Venedig. Da passiert nicht so viel. In Antwerpen habe ich die Entwicklung mitbekommen, von „Twilight“ zur Modestadt. Dort gab es die „Antwerpener 6“. Wieso soll es die nicht auch in Berlin geben?

Morgenpost Online: Wo liegen Ihre Hauptmärkte?

Willhelm: Die Frauenkollektion wird in Lizenz komplett in Japan produziert. Die Japaner waren auch die ersten, die mir ermöglicht haben, eine Kollektion zu machen. Die Herrensachen werden in Belgien gemacht. Mittlerweile gibt es die Sachen weltweit. Aber immer nur in jeweils ein oder zwei Läden. Oft sind es Einzelstücke für Liebhaber. Bei den Männern haben wir weniger Kunden, aber die sind sehr treu. Allerdings sind die Sachen dieser Kollektion sehr unisex, auch viele Frauen tragen sie gern.

Morgenpost Online: Haben Sie beim Entwerfen die Menschen im Kopf, die Ihre Kleidung schlussendlich tragen werden?

Willhelm: Nein, ich habe keine Zielgruppe vor Augen. Ich arbeite ganz abstrakt. In der Mode gibt es keine Regeln. Chaos ist mir immer sehr wichtig. Ich habe auch keinen Wecker. Ich stehe auf, wenn ich wach werde. Dann wird gearbeitet, so lange bis der Entwurf fertig ist.

Willhelm: Ich mache Mode, die mehr und mehr auf den menschlichen Körper eingeht. Ich habe den Eindruck, dass es gerade in meiner Generation eine gewisse Angst vor der Körperlichkeit gibt.

Morgenpost Online: Was ist Ihr größtes Talent?

Willhelm: Dass ich nicht aufgebe. Ich kann immer noch dazulernen, das merke ich besonders bei den Schnitten. Bei jeder Kollektion sind Sachen dabei, die etwas geworden sind und andere, die nichts geworden sind. Aus den misslungenen Entwürfen entstehen häufig die Ideen für die nächste Kollektion. Fehler sind gerade interessant. Aus einem falsch zusammengenähten Oberteil kann eine Jacke entstehen. Ich wollte eigentlich nie Modedesigner sein. Ich wurde dazu gemacht. Über zwei Bekannte kam ich an die Universität Trier und studierte dort Mode. Dann ging es immer weiter. Die Entscheidung für diesen Beruf habe ich nie hinterfragt.

Morgenpost Online: Was würden Sie jungen Modedesignern raten?

Willhelm: Wer was Eigenes aufbauen will, sollte das nie allein tun. Es ist angenehm, wenn da einer ist, der ab und zu sagt: „Ist doch nicht so schlimm.“