Hübsche Mädchen gibt es viele in Berlin. Aber die beiden jungen Frauen, die mit suchendem Blick und großen Schritten die Stettiner Straße entlang schreiten, passen nicht zum Wedding. Zu modisch das Outfit. Zu lang die Beine. Zu eng die Röhrenjeans. Auf einmal sind sie in einem Innenhof verschwunden. Und dann hinter einer Tür, an der ein handgeschriebener Zettel hängt. „Lala Berlin Casting“ steht darauf.
Ein Stockwerk höher sitzen noch ein paar Models auf einer Sitzgruppe, nachdem sie routiniert ihre Fotomappen abgegeben haben. Wird nicht das erst Mal sein, so kurz vor Beginn der Fashion Week in Berlin. Geduldig warten sie darauf, dass Leyla Piedayesh Zeit für sie hat. Die Designerin von Lala Berlin ist auf der Suche nach rund 15 Mädchen für ihre Show, die für Donnerstag 13 Uhr am Bebelplatz angesetzt ist. „Jetzt laufen. Langsamer. Bitte weniger dynamisch“, hört man ihre Stimme hinter einem Kleiderständer. Und dann schreitet ein langbeiniges Mädchen durch das Atelier. Der Raum sieht so gar nicht nach Laufsteg aus.
Probelaufen im Atelier
An der Kleiderstange, die an diesem Tag auch als Sichtschutz für sich umkleidende Models fungiert, hängt die Kollektion, mit der Piedayesh in dieser Woche überzeugen möchte. 33 Looks will sie zeigen. „Gestern haben wir schon 40 Mädchen angeguckt, aber nur sieben haben mir gefallen“, sagt die Designerin, die sich mit ihrer edel-lässigen Mode aus feinen Garnen einen Namen gemacht und ein Geschäft in der Mulackstraße hat. Auf die nächste Bewerberin freut sie sich, sie mag ihr „charismatisches Gesicht“. Die Berlinerin Jana Drews ist bekannt, nicht nur in ihrer Heimatstadt. Die 23-Jährige wird zum Beispiel auch für Scherer González über den Laufsteg gehen. Mehr als 1,80 Meter misst das Model und als sie in einem leichten, grauen Abendkleid Probe läuft, hat ihr Auftritt ganz automatisch etwas Erhabenes.
Anschließend werden noch Fotos gemacht, jedes Model bekommt eine Nummer zugewiesen. Diejenige, die ein Outfit für das jeweilige Mädchen vorschlägt, ist Praktikantin und Modemanagement-Studentin Nora. Die nimmt auch schon mal den Habitus eines Feldwebels an, trotz ruhiger Atmosphäre und ebensolcher Klaviermusik im Hintergrund drängt die Zeit. „Der Pulli ist zu kurz. Der Rock sieht nicht gut aus.“ Oder auch mit leiserer Stimme, halb geflüstert in das Ohr der Designerin: „Ich glaube, sie hat eine zu große Oberweite.“
Erst am nachfolgenden Tag soll es eine finale Anprobe geben. Wer trägt was? Wie soll die Reihenfolge sein? An einem Ringelpulli, den nach Jana noch eine Handvoll Mädchen probiert hat, scheint genau ein Ringel zu fehlen. Drei Tage wurde daran gestrickt, nun ist er ein paar Zentimeter zu kurz.
Wasserwellen-Test
Auch wenn Leyla Piedayesh sich selbst darum kümmert – die Designer, die bei der Fashion Week einen Termin buchen, haben auch ein Anrecht auf eine Probe für Haar und Make-up. Der Berliner Designer Guido Maria Kretschmer hat sich dafür schon ein paar Tage zuvor in den Schulungsräumen von L'Oréal an der Friedrichstraße eingefunden. Sein Ansprechpartner: der sogenannte „Head of Hair“ der Fashion Week, André Märtens.
Kretschmer hat Fotos mitgebracht und zwei Outfits, um zu erläutern, in welche Richtung es gehen soll: Wasserwelle im 20er-Jahre-Look, die aufwändigste Frisur überhaupt. Aber sie passt nun einmal gut zu seinen femininen und gern auch mal opulenten Kreationen. „Wir schicken den Designern auch im Vorfeld schon Fragebögen, damit sie Wünsche angeben können“, erklärt der Berliner Friseur André Märtens, während er geduldig dunkles Haar mit Wellenkneifern in Form bringt, nachdem er es schon geduldig gelockt hatte. „Meine Großmutter konnte das noch ganz allein“, erzählt Märtens. Man fragt sich, wie das Styling in der Hektik unmittelbar vor der Show funktionieren soll. Aber dann werden gleich 16 Friseure und vier Fachberater hinter den Kulissen werkeln, für jedes Model ein Stylist.
Damit die jedoch wissen, was genau sie zu tun haben, muss an diesem Tag alles genau abgestimmt werden.
Guido Maria Kretschmer, den viele Schauspielerinnen wegen seiner Red-Carpet-Mode mögen, bleibt ruhig. Wenige Tage vorher feierte der Designer noch Theaterpremiere mit Katharina Thalbach, die er für ihren Bühnenauftritt ausstattete. Dann hat er auch noch viele Aufträge von Unternehmen wie dem Maritim oder der Telekom zu erfüllen. Kretschmer ist ein echtes Multitalent. Seine Premiere bei der Fashion Week managt er quasi nebenbei und intuitiv. Vielleicht auch deshalb, weil das Wohl seines Unternehmens nicht davon abhängt. Den für das Make-up verantwortliche Boris Entrup, bekannt aus Germany's next Topmodel, lässt er nach ein paar Anregungen einfach machen – und gibt dann gleich sein Ok. „Eigentlich hab ich die ganze Show in vier Wochen auf die Beine gestellt. Wenig Zeit, aber ich vertrau mir da.“
Die beiden Designerinnen von Kaviar Gauche waren hingegen am Vortag schon einmal da. Sie haben sogar ein eigenes Model dabei, das nach dem Styling im passenden Outfit Probe läuft.
100.000-Euro-Kleid
André Märtens geht auf alle Wünsche ein. Designer für Designer. Ebenfalls an diesem Tag dabei: das von Leipzig nach Berlin gezogene Label „Lac et Mel“ – inklusive eigener Stylistin, die allerdings „Head of Style“ heißt und auch sehr stylisch aussieht. Die 26-jährige Manu Reut und Designer Gregor Clemens wünschen eine Mischung aus Hippie und Hollywood-Glamour. Gesund soll es aussehen, nicht so kränklich. Seine Mode zeigt Clemens nicht nur am Bebelplatz, sondern auch im Showroom im Quartier 206. „Dort wird auch unser Kleid zu sehen sein, das mit 2085 Diamanten besetzt ist.“ 100.000 Euro ist das Glitzerkleid wert. Den Umzug nach Berlin haben Clemens und sein Partner nicht bereut: „Wir haben in kurzer Zeit mehr erreicht, als in der ganzen Zeit in Leipzig.“
Auch Leyla Piedayesh zeigt gern in ihrer Heimatstadt: „Das hat auch mit dem Gedanken zu tun, dass man etwas beitragen möchte. Andererseits habe ich auch einen Nutzen davon, wenn die Stadt sich entwickelt.“ Mit dem eigenen Unternehmen Lala Berlin soll es ebenfalls vorangehen: Umzug mit dem Atelier in die Brunnenstraße, endlich mal an der Kinderkollektion arbeiten. „Aber momentan bin ich ganz im Hier und Jetzt.“ Die Entscheidung, welches Mädchen laufen darf, soll noch am Abend gefällt werden. Die beiden Models mit den engen Jeans verabschieden sich. Am nächsten Tag wissen sie mehr. Und dann wären da ja auch noch andere Castings.




