Design aus Berlin

Werner Aisslinger designt neues Hotel am Bikinihaus

Der Designer Werner Aisslinger wurde mit seinem „Wohnwürfel“ international bekannt. Jetzt arbeitet der Berliner an einer „Dschungelatmosphäre“ am Zoo und bereitet eine Werkschau in Zehlendorf vor.

Foto: Amin Akhtar

Der Wunsch, etwas Kreatives zu machen. Die Sehnsucht, dort zu sein, wo etwas passiert. Die "coolen Sachen" eben nicht nur in den Medien beobachten, sondern miterleben und mitgestalten. Werner Aisslinger hat diese Jugendträume realisiert. Er hat seine Heimatstadt Kempten im beschaulichen Allgäu verlassen und sich auf Orientierungssuche in verschiedene kreative Welten begeben: nach London, Mailand, München und Berlin. Keineswegs mit dem direkt klar formulierten Ziel, Designer zu werden. Aber mit Erfolg.

Nach anfänglichen Ausflügen in die Kunstgeschichte, Bühnen- und Kostümbildnerei klappte es nicht mit dem angestrebten Studienplatz in Medientechnik oder einer Ausbildung zum Kameramann. Dafür ergatterte Aisslinger einen Studienplatz in Produktdesign an der Berliner Hochschule der Künste (HdK), der heutigen Universität der Künste (UdK). Ein Zufall. "Ich hab mich dort einfach mal in den blauen Dunst beworben und dann fuhr der Zug in die Designrichtung. Heute bin ich froh, dass alles so gekommen ist", sagt der überzeugte Wahlberliner.

Aisslingers Zufriedenheit ist verständlich. Der 48-Jährige gilt als einer der innovativsten deutschen Designer mit internationalem Renommee. Die Liste seiner mit hochrangigen Preisen ausgezeichneten Produkte ist lang, das Spektrum seiner Entwürfe breit. Von Möbel- und Produktdesign über experimentelle Konzepte und Ausstellungen bis hin zur Markenarchitektur reicht das Oeuvre des einstigen "Jungen aus den Bergen", wie er mit sympathischer Selbstironie sagt.

Büro im kleinen Zimmerchen der Wohnung

Vor 20 Jahren gründete Aisslinger sein Studio in Berlin. Ein "Büro im kleinen Zimmerchen meiner damaligen Wohnung", beschreibt der Kreative das erste berufliche Domizil in der Bleibtreustraße. Heute logiert der Designer mit seinem Team von fünf Mitarbeitern in einem der letzten Gewerbealtbauten an der Heidestraße in Mitte.

Dort, wo auch die angesagten Architekten von "Graft" und andere Planer wie "Kühn Malvezzi Architekten" noch ihre Büros haben. Aisslingers Atelier ist ein lebendiger Mix aus Büro, Ausstellungsfläche und Labor. Hier wird ganz offensichtlich getüftelt und entwickelt. Für Kunden, die zu den großen designorientierten Markenunternehmen in Italien, Deutschland oder auch in Asien zählen. So designt Aisslinger, der seit 2008 auch in Singapur ein Büro hat, aktuell für den chinesischen Konzern Haier einen Kühlschrank.

Doch eines der aktuellen Projekte Aisslingers liegt direkt vor der Haustür: am Zoologischen Garten. Für das Innendesign des neuen "25hours Hotel" im Bikinihaus tüftelt das Team gerade am Konzept. Auf dem hellen Boden des 500 Quadratmeter großen Studios liegen Fliesen verschiedener Farben und unterschiedlicher Materialien, daneben diverse Stoffproben, ein Sesselmodell aus Styropor – selbst ein großer Duschkopf findet sich in dem geordneten Chaos, in dem Aisslinger mit seiner ruhigen Art offenbar den Überblick bewahrt.

Neues Design-Hotel soll keinen "Disneyland-Stil" haben

"Urban Jungle" lautet das Gestaltungsmotto für das neue Design-Hotel, das aber auf keinen Fall im plakativen "Disneyland-Stil" daherkommen solle, wie Werner Aisslinger betont. Also keine ausgestopften Tigerköpfe oder Zebrafelle an der Wand. Aisslinger will vielmehr "urbanes Dschungelfeeling subtil hervorrufen". Was er mit subtiler Gestaltung meint? Beispielsweise Pflanzen. Überwucherte Betonstrukturen, bewachsene Wände oder auch ein Restaurant in einer Art Gewächshaus im 10. Obergeschoss des kleinen Hochhauses sollen Urwaldatmosphäre in der West-City schaffen.

Die Zimmer zur Stadt hin werden dem eher rauen Klima und den Brüchen Berlins entsprechend mit härteren Farben und Materialen gestaltet. "Nach hinten, zum Zoologischen Garten raus, wird es wärmer. Hier arbeiten wir mehr mit Holz und warmen Farben", erläutert Aisslinger das Konzept. Natürlich will er noch nicht jedes Detail verraten. Nur so viel: In den Dschungel-Zimmern zur Zoo-Seite hin können die Gäste bald gepflegt "abhängen" – die Räume werden mit Hängematten bereichert.

Das "25hours" am Bikinihaus ist nicht das erste Hotel-Projekt von Werner Aisslinger. Der angesagte Gestalter hat neben einem Hotel-Projekt in Zürich bereits im Szenekiez Friedrichshain das "Michelberger Hotel" designt und auch dafür einen Preis bekommen – den "European Hotel Design Award" in London. "Diese Preise und Auszeichnungen sind alle ja schön und gut, weitaus wichtiger ist es für mich aber, dass meine Produkte teilweise in den wichtigsten Sammlungen der Welt ausgestellt werden", sagt Aisslinger.

So erhielt schon der erste 1996 von ihm entworfene Stuhl einen Platz im Designer-Olymp. Seit 1998 steht Aisslingers "Juli-Chair", ein neuartiger Armlehnenschalensitz aus Polyurethan-Hartschaum, dem Stoff aus dem Auto-Lenkräder sind, in der ständigen Ausstellung des Museums of Modern Art (MoMA) in New York.

"Dort vertreten zu sein ist wirklich eine große Ehre, das ist wie ein Oscar des Designs", sagt der sonst eher zurückhaltende Gestalter spürbar stolz. Schließlich war sein "Juli-Chair" vor 15 Jahren das erste deutsche Sitzmöbel, das seit 1964 – Aisslingers Geburtsjahr – für die permanente MoMA-Schau ausgewählt wurde. Mittlerweile bereichert noch ein zweites Aisslinger-Möbel die Kultstätte in New York, 2003 wurde sein "Nic-Chair" fürs MoMA auserkoren. Und damit nicht genug, Aisslingers Produkte finden sich auch in anderen bedeutenden Sammlungen in New York, Paris, München und anderen Städten.

Wohnwürfel auf dem Dach

Er sei kein klassischer Produkt-, sondern mehr ein Autorendesigner, sagt Aisslinger und erklärt auch gleich, was er damit meint: nicht nur Aufträge für die Industrie abarbeiten, sondern eine eigene Handschrift entwickeln. Dies entspreche auch seinem Interesse an neuen Materialien und Technologien. Aisslinger experimentiert viel und entwickelt so viele seiner Ideen.

Beispielsweise die seiner Utopie von einem nachwachsenden Stuhl. "Chair Farm" lautet der Titel des Projektes. "Dafür haben wir eine Metallkonstruktion gebaut, in der eine Weide so wächst, dass sich in dem Gestell eine Stuhlform ergibt", erläutert Aisslinger seine Idee. Der Stuhl werde zwar noch nicht geerntet und verkauft, doch es sei eine Vision. Er wolle als Vordenker einen Anstoß geben. Auch in Sachen nachhaltiger Gestaltung.

Für nachhaltiges Möbeldesign stehen viele seiner Produkte, auch der "Hemp Chair", auf deutsch "Hanf-Sessel". Der Freischwinger, der größtenteils aus dem mit neuer Technologie verfestigten Rohstoff Hanf besteht, wurde bereits vergangenes Jahr auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert und geht für die italienische Möbelmarke Moroso in Serie.

Ausstellung in Zehlendorf

Einen Einblick in Aisslingers Ideen, Produkte und Visionen gewährt seine erste deutsche Werkschau. Sie wird am 20. April im "Haus am Waldsee" in Zehlendorf eröffnet. "Werner Aisslinger – Home of the future" ist die Ausstellung überschrieben, bei der auf der Außenanlage auch Aisslingers futuristischer "Loftcube" präsentiert wird. Mit dem ungewöhnlichen Wohnwürfel wurde Aisslinger 2003 weit über die Designszene hinaus bekannt.

Grundidee und Clou des zunächst 39 Quadratmeter großen Cubes war die Realisierung "temporärer nomadenhafter Architektur". Das klingt nicht nur abgehoben – das war und ist es auch tatsächlich. Denn der Cube sollte eine neue Wohnkultur auf Flachdächern der Metropolen wie Berlin ermöglichen. "Er kann bei Bedarf mit einem Helikopter oder Kran zu einem neuen Wohnort transportiert werden", sagt Aisslinger.

Die Premiere des Prototyps wurde im Rahmen des von Aisslinger mitbegründeten Designmais 2003 auf dem Dach von "Universal" an der Spree in Friedrichshain gefeiert. Die mediale Verbreitung war groß, die reale geringer. Doch damit müssen Gestalter wie Aisslinger leben. So sagt er selbst: "Bei Design geht es auch darum, Ideen und Konzepte zur Diskussion zu stellen, die vielleicht erst später zum Tragen kommen. Man ist quasi als Vordenker tätig".

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