Musik

Sein Erfolg hat Paul Kalkbrenner menschenscheu werden lassen

Paul Kalkbrenner ist die Berliner Institution unter den DJs. Ein Gespräch mit dem 35-Jährigen über Ruhm, Größenwahn und Heimweh.

Im 15. Stock mit Blick über den Berliner Alexanderplatz hält Paul Kalkbrenner Hof. Halb liegend, die Beine auf dem Tisch, während er sich zufrieden den Bauch krault.

Interviews mit ihm gelten als seltenes Privileg. Nötig hat er sie nach eigener Ansicht nicht, denn sein neues Album „Guten Tag“, das jetzt erscheint, wird sowieso Platinstatus erreichen, da ist er sich sicher – und wahrscheinlich hat er Recht.

Für den 35-Jährigen sind Superlative längst zum Alltag geworden. „Nur“ 50 Shows hat er 2012 gespielt, 2008, als „Berlin Calling“ herauskam, waren es 140. „Sky and Sand“ und „Aaron“ gehören zu den Hymnen der Stadt der späten Nullerjahre.

Der Erfolg hat Paul Kalkbrenner menschenscheu werden lassen. Partys und Clubs meidet er privat, bei seinen Konzerten trennt ihn mittlerweile ein breiter Graben von seinen Fans und auch die Musik anderer Künstler dringt nur noch selten zu ihm vor. Morgenpost Online hat ihn getroffen.

Morgenpost Online: Es gibt im Film „Berlin Calling” eine Szene, in der Sie in Ihrer Rolle als DJ Ickarus mit der S-Bahn fahren und sich vom Geräusch der schließenden Türen zu einem Song inspirieren lässt. Ist das realistisch oder nur der Fantasie des Regisseurs entsprungen?

Paul Kalkbrenner: So mache ich viele Sachen. Im Film ist es offensichtlicher, weil man im Song das Geräusch wiedererkennt. Ich mache das unauffälliger, so dass man das Originalgeräusch nicht erkennt. Wenn ich durch die Stadt laufe, nehme ich viel mit einem Mini-Mikrofon auf.

Morgenpost Online: Bei Ihrem erfolgreichsten Song „Sky and Sand” hat Ihr Bruder Fritz die Lyrics beigesteuert, „Guten Tag” ist ein rein instrumentales Album. Haben Sie schon mal selbst einen Song geschrieben?

Kalkbrenner: Nein, noch nie. Ich bin mit Sprache sehr gut und mit Musik. Aber sobald die beiden zusammenkommen, fällt mir gar nichts mehr ein. Dafür bin ich nicht der Typ.

Morgenpost Online: Nicht mal für eine Frau?

Kalkbrenner: Dafür bin ich viel zu unromantisch.

Morgenpost Online: Sie haben vor kurzem geheiratet. Was bedeutet Ehe für Sie, wie passt sie mit Ihrem Lebensstil zusammen, bei dem Sie immer unterwegs und auf Partys sind?

Kalkbrenner: Ich finde das gut. So soll es im Leben sein. Natürlich ist das traditionell. Und ich gehe ja selber überhaupt nicht mehr feiern. Wenn ich frei habe, würde es mir nicht im Traum einfallen, in irgendeinen Club zu rennen. Das ist für mich heute auch nicht mehr so schön. In den USA geht das noch besser, weil ich dort nicht so viel erkannt werde, aber hier ist das nicht mehr so angenehm. Das wäre hier kein privates Ausgehen mehr. Man wird ein bisschen menschenscheu bei dem ganzen Rummel. Viele Leute haben da leider überhaupt keine Scheu mehr mir gegenüber.

Morgenpost Online: Wer macht für Sie gerade die beste elektronische Musik in Deutschland?

Kalkbrenner: Das weiß ich nicht, weil ich keine Musik höre, damit ich meine eigene Musik nicht aus den Augen verliere. Wenn ich zum Beispiel ein Album mache, muss um mich herum absolute Stille herrschen. Dann gibt es kein Fernsehen, nichts. Keinen audiovisuellen Input, sonst höre ich meins nicht mehr. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, sondern lenkt mich einfach ab. Meine Musik kommt von innen heraus und wenn ich selber Musik höre, dann ist es, als wenn sich eine Staubschicht darüber legt. Das muss ich vermeiden.

Morgenpost Online: Gibt es denn einen Austausch mit Ihrem Bruder?

Kalkbrenner: Ich bin mittlerweile total referenzlos. Früher war das anders. Bei BPitch Control musste alles Ellen Allien gezeigt und abgesegnet werden. Heute gibt es niemanden mehr, der mir besser sagen könnte, ob etwas gut ist als ich. Das muss ich mit mir selber ausmachen. Auch Fritz zeigt mir seine Sachen erst, wenn sie fertig sind.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich als Künstler freier, seit Sie Ihr eigenes Label haben oder bringt das vor allem neue Verpflichtungen mit sich?

Kalkbrenner: Ich mache endlich alles, was ich schon immer machen wollte und nicht nur das, was mir gestattet wird. Ich finde es gut, mehr Verantwortung zu tragen. Das ist wie mit dem Heiraten. Irgendwann will man Verantwortung übernehmen.

Morgenpost Online: Beschleicht Sie vor einem neuen Album manchmal die Befürchtung, der größte Erfolg könnte schon hinter Ihnen liegen?

Kalkbrenner: Solche Befürchtungen habe ich nicht. Ein neues Album ist immer die Essenz meiner Kreativität, da befürchte ich nicht, dass es nicht gut sein könnte. Das sollte man sowieso nie denken als Künstler. Bei einem neuen Album denkt man immer, das ist jetzt das Allergeilste. Jemand anderes hätte sich in meiner Situation vielleicht schon zurückgelehnt und gesagt: Das ist es jetzt. Aber ich muss immer weiter. Immer größer, immer mehr Leute.

Morgenpost Online: Ist es wirklich besser, vor immer mehr Leuten zu spielen? Vermissen Sie nicht manchmal die kleinen Club-Shows?

Kalkbrenner: Ich vermisse manchmal die Unmittelbarkeit. Es ist schon etwas anderes, in einem Club zu spielen, wo man direkt in einzelne Gesichter schauen kann. Auf der anderen Seite wiegt es dieses Gefühl nicht auf, dass dir dann auch schon mal jemand sein Bier über den Mixer kippt. Ich fühle mich dort, wo ich jetzt stehe, einfach wohler. Vor dem besoffenen Raver fühle ich mich sicherer.

Morgenpost Online: Ihr Ziel ist also immer noch: höher, schneller, weiter?

Kalkbrenner: Vielleicht würde ich auch gerne mal etwas anderes machen. Beim DFB arbeiten oder Präsident werden. Für mich gibt es nur Größenwahn. Ich muss mich selber immer unter einen fiesen Druck setzen. Damit wenigstens Teile von dem, was ich über mich selber denke, irgendwann auch der Wahrheit entsprechen. Ich denke nach jeden Album wieder: So, jetzt geht es erst richtig los. Ich muss immer unter Druck bleiben, denn den macht mir sonst niemand mehr. Ich kann im Prinzip machen, was ich will. Ich könnte auch nichts tun. Deswegen ist es gut, dass ich diesen inneren Größenwahn-Diktator habe, der mich immer weiter antreibt.

Morgenpost Online: Kennen Sie noch Heimweh?

Kalkbrenner: Das wird sogar stärker. Früher hatte ich das nie. Da wollte ich immer nur weg. Heute denke ich nach zwei Wochen Tour: endlich nach Hause. Aber ich komme gut klar in Hotels. Die sind ja Gott sei Dank mit der Zeit auch immer besser geworden. Das lässt sich schon aushalten.

Morgenpost Online: Kommt es manchmal vor, dass Sie morgens aufwachst und nicht wissen, wo Sie sind?

Kalkbrenner: Ja, das ist mir schon oft passiert. Das ist furchtbar. Manchmal fahre ich auch durch eine Stadt, auf dem Weg vom Hotel zum Gig, gucke aus dem Fenster und habe keine Ahnung, wo ich gerade bin. Diese zehn Sekunden, bis es mir dann wieder einfällt, fühlen sich fürchterlich an.

Morgenpost Online: Ihre Tracks haben oft Namen, die man sich kaum traut auszusprechen.

Kalkbrenner: Großartig, oder? Wenn ein Radiomoderator das spielen will, muss er es auch aussprechen, das finde ich super. Aber ich will auch einfach zeigen: Ein guter Song kann heißen wie er will. Das ist alles Buchstabensuppe und schon bevor man die CD ausgepackt hat, hat man zum ersten Mal geschmunzelt. Das ist Dada. Einfach unsinnige Sachen. Teilweise auch noch aus meiner Teenagerzeit, wenn man einfach völlig bekifft Sachen aufs Diktiergerät gesprochen hat. Manchmal denke ich, dass verstehen außer mir nur meine drei besten Kumpels. Aber wahrscheinlich verstehe ich es am Ende nur selber. Und manchmal bedeutet das auch einfach gar nichts. Jeder kann sich dazu selber etwas ausdenken.

Morgenpost Online: Sie spielen auf Ihrer Tour live, entstehen dabei noch unvorhersehbare Momente?

Kalkbrenner: Da entstehen Songs. Manchmal fragen mich die Leute: Hey, der Song „Gigahertz” von deiner DVD, wo gibt es den? Und den gibt es halt nicht. Das gibt es nicht als File. Das passiert immer wieder. Seltener als früher – vielleicht, weil ich nicht mehr so betrunken bin wie früher.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.