Facebook-Gerüchte

Schließt das legendäre Berghain zu Silvester?

Gerüchte auf Facebook und Twitter beunruhigen die Club-Gänger Berlins: Wenn die Gema-Reform greift, würde der Techno-Club dichtmachen.

Foto: David Heerde

„Wenn das Berghain schließt, dann zieh ich weg aus Berlin. Was soll ich denn dann noch hier?“ Bernhard blinzelt hinter seiner Horn-Sonnenbrille in das helle Licht des Sonntagmorgens. Er gießt etwas Club-Mate in seinen Kaffee-Becher. „Ich hab da echt ein bisschen Panik.“

Die Szene ist in Aufruhr. Seit der Rechteverwerter Gema eine Tarifreform ankündigte, fürchtet die Berliner Clubszene um ihre Existenz. Nun gibt es immer mehr Gerüchte, dass auch das Berghain, das als einer der legendärsten Techno-Clubs Europas gilt und den Mythos von der härtesten Tür Deutschlands für sich beansprucht, schließen wird.

DJ Wolfram „Wolle“ Neugebauer, der Ende der 80er-Jahre die ersten Techno-Partys in Berlin organisierte, postete am Freitag auf seiner Facebook-Seite: „berghain schliesst zum 1.1.2013 danke gema! oder sollte ich besser schreiben, danke für diese merkwürdige gesetzgebung, die es einem monopolisten erlaubt, einen ganzen wirtschaftszweig finanziell in den ruin zu treiben?“ Schon vorher gab es auf Twitter erste Beileidsbekundungen, nachdem diverse Blogs und sogar die Online-Ausgabe der britischen Zeitung „The Guardian“ über die Gema-Reform und eine mögliche Schließung berichteten: „RIP, Berghain“ oder „Was? Das Berghain schließt?“ ist da zu lesen.

Gema will Tarifstruktur zusammenfassen

Die Gema – die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, die die Rechte von Textdichtern und Komponisten vertritt – will die bisherige Tarifstruktur abschaffen und zu zweien zusammenfassen. Ein Tarif soll für Live-Musik, der andere für DJ-Veranstaltungen gelten. Damit soll, so die Gema, das System transparenter werden. Vor allem wird es aber teurer und ungerechter für die Club-Betreiber: Sondertarife, die sich nach der Größe des Clubs und der Anzahl der Betriebstage richten, wird es nicht mehr geben. Die Gema will ab 1. Januar 2013 pauschal mindestens zehn Prozent des Eintrittspreises, für Veranstaltungen, die länger als fünf Stunden dauern, soll ein zusätzlicher Aufschlag von 50 Prozent fällig werden. Im Berghain dauern Partys manchmal mehrere Tage am Stück.

„Wenn das Berghain schließen muss, gibt es wirklich keine Verwendung für 72-Stunden-Deos mehr“, gibt ein User auf Twitter zu bedenken. Das Berghain hat Platz für rund 1500 Gäste, und müsste nach eigenen Angaben ab 2013 bis zu 1400 Prozent mehr als bisher an die Gema abgeben. Die hingegen argumentiert, dass viele kleine und mittelgroße Veranstalter mit der Neuregelung weniger zahlen würden, nur größere würden stärker belastet. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) rechnet aber vor: Eine mittelgroße Discothek mit zum Beispiel vier Tanzbereichen würde künftig statt 28.000 Euro dann 172.000 Euro zahlen.

Für Touristen ein Berliner Highlight

Einer, der nicht rechnen, sondern einfach nur weiter so feiern will wie bisher, ist Bernhard. Mit seinem Club-Mate-Mix will er sich wieder fit trinken für den Nachmittag im Club. Hinter ihm liegt ein 15-Stunden-Tag in einer anderen Disco, aber das Berghain ist wie eine Sucht. „Es darf nicht schließen“, sagt er. Seine Freundin Mareike wollte eigentlich im Juli Berghain-Pause machen: „Aber ich hab es mal wieder nicht geschafft – seit Januar war ich nur an zwei Sonntagen nicht hier.“

Für Techno-Fans wie die beiden ist das Berghain ein Zuhause, sie nennen es liebevoll „Bergi“, gehen in keinen anderen Berliner Club. Für die Touristen hingegen ist es ein Highlight, ein Besuch in einer anderen Welt, von dem man gehört und gelesen hat und auf den man hinfiebert. Paola kommt aus Italien, steht in der Sonntagmorgen-Schlange vor dem Club. „Ich bin nur wegen des Berghains nach Berlin gekommen. Falls ich reinkomme, werde ich das sofort twittern und allen erzählen.“

Fragt sich nun, wie lange Berlin mit dem Touristen-Magneten Berghain im Ausland strahlen kann. Die niederländische Berghain-DJane Steffi sagte dem Radiosender „3voor12“: „Es sieht sehr schlecht aus. Mein Chef sagt: Wenn die Gema-Tarife kommen, schließen wir unsere Türen.“ Barpersonal und Türsteher wissen offiziell noch nichts von einem möglichen Ende des Berghain. Ist es vielleicht nur ein Warnschuss, eine Provokation, um die Gema unter Druck zu setzen? „Spruchreif ist nichts. Es ist ein mögliches Szenario“, sagt man an der Tür des Clubs, und „wir müssen gucken, was da kommt von der Gema.“

Online-Petition auf Berghain-Website

Betreiber Michael Teufele und Norbert Thormann waren im Büro am Sonntag nicht zu erreichen, DJ Wolle Neugebauer aber postet: „wer die macher vom berghain kennt, weiss dass die keine leeren drohungen machen. ich denke, die haben einfach keine lust drauf, sich von der gema dermaßen dämlich kommen zu lassen.“ Doch man hat wohl doch noch etwas Hoffnung. Das Berghain ruft auf seiner Website dazu auf, die Online-Petition gegen die Tarifreform zu unterzeichnen. Schon mehr als 225.000 Menschen haben die Petition, die vom Dehoga initiiert wurde, unterschrieben.

Etwa 5000 Menschen demonstrierten im Juni beim Mitgliederfest der Gema im „Frannz Club“ in Prenzlauer Berg. Mehr als 600 Clubs und Diskotheken in ganz Deutschland haben Anfang Juli für fünf Minuten die Musik abgedreht, um gegen die Pläne zu protestieren. Nun soll sogar geklagt werden: Der Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) warnt ebenfalls vor einem Aus für Clubs und Lokale mit Musik. „Die Reform heißt für fast alle Betriebe mehr Kosten“, sagt BDT-Schatzmeister Hajo Römer. „Wir hoffen immer noch, dass wir mit der Gema verhandeln können, ansonsten muss geklagt werden.“ Auch Club-Gänger Bernhard hofft darauf: „Sonst ist Berlin nicht mehr Berlin“, sagt er und gießt Wodka in sein Koffein-Getränk.

Mythos Berghain

Der Club Der Name leitet sich von den ehemaligen Bezirken und jetzigen Ortsteilen Kreuzberg und Friedrichshain ab (mittlerweile gemeinsamer Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg). In dem Fabrikgebäude – ehemals ein Heizkraftwerk – befindet sich unten der Club Berghain, oben die Panoramabar.

Das Programm Seit 2004 gibt es am Wochenende harte Technomusik. 2009 wählte das britische DJmag das Berghain auf Platz 1 der Top 100 der weltbesten Clubs, 2012 landete es auf Platz 13. Dass Fotografieren verboten ist, verleiht dem Club ein spezielles Image. Besucher sollten nicht prüde sein.

Die Tür Türpolitik und Türsteher sind legendär und gefürchtet, die Schlangen immer lang. VIP-Eingänge oder –bereiche gibt es nicht.

Die Öffnungszeiten Der Club öffnet Sonnabend gegen Mitternacht und schließt montags im Laufe des Morgens. Die Panorama Bar bleibt am längsten offen. In den Sommermonaten wird zusätzlich der große Garten mit Bar und DJ-Musik geöffnet.

Die Adresse Am Wriezener Bahnhof 20, Friedrichshain, weitere Infos gibt es hier.