Ode an die Reinigungskraft

Nicht jede Putzfrau freut sich über Geldsträußchen

Liebe kommt – und sie vergeht auch wieder. Mit Putzfrauen verhält es ganz ähnlich: Es geht nicht ohne sie, aber nicht selten endet auch diese Beziehung abrupt und tragisch. Höchste Zeit für eine Hommage an eine der wichtigsten Frauen im Leben vieler Menschen.

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Ein einziges Mal nur kam ich entgegen meiner Gewohnheiten mitten am Tag nach Hause, da stand sie beinahe nackt vor mir. Nachdem der Schock abgeflaut war, verließ sie grußlos meine Wohnung, wir haben uns nie mehr wiedergesehen.

Nach diesem Erlebnis wurde mir nach und nach klar, was mir diese Frau bedeutet hatte: nahezu nichts. Und doch hatte sie Zugang zu meiner Wohnung, mit eigenem Schlüssel, wie eine Ehefrau.

Sie, die ewig Fremde, der ich mein uneingeschränktes Vertrauen geschenkt hatte, in ihrer Körperlichkeit zu erleben war aus zwei Gründen schockierend gewesen: Natürlich fragte ich mich, warum sie sich überhaupt ausgezogen hatte. Um meine Kleidung anzuprobieren? Putzte sie nackt?

Weit tiefer rührte mein Unbehagen angesichts der Tatsache, dass ich nichts über sie wusste. Den Haustürschlüssel hatte sie zurückgelassen. Wir waren uns fremd geblieben, zwei Jahre lang.

Das Verhältnis zwischen Wohnungsbesitzendem und Reinigungskraft ähnelt in seinen heiklen Eigenheiten einer Liebesbeziehung. Und das nicht nur dann, wenn der eine Single ist, der andere nicht. Meine Mutter zum Beispiel putzt regelmäßig in den Stunden bevor die Putzfrau kommt – damit die nicht mitbekommt, wie unordentlich es war. Und wer das Verhältnis zur Putzfrau nicht pflegt, dem geht es wie den Millionen Liebenden, die jedes Jahr von ihren Partnern verlassen werden.

Bei mir blieb keine Putzfrau länger als zwei Jahre. Und nur einmal kam es zum beschriebenen Eklat. In allen anderen Fällen siechte das Verhältnis dahin und starb, hier durchaus eheähnlich, einen jämmerlichen Tod.

Gerade wenn ich zu Anfang noch ausgesprochen zufrieden gewesen war mit der Putzleistung eines solchen Heinzelweibchens; wenn ich nach Hause kam, und dann spiegelte das Parkett, und in der Luft lag jener ersehnte Duft der Reinheit, nach gründlich durchlüfteten Räumen – verfeinert mit einer Note des Essigreinigers von Frosch; wenn das Bettzeug weiß und wie mit dem Lineal gezogen, die Hemden zu rechtwinkligen Farbfeldern in den Schrank gestapelt lagen wie Legosteine, dann schien ich mit meinen Wünschen am Ziel.

Aber schleichend und allmählich lässt das nach. Plötzlich steht der Staubsauger mitten im Flur wie vergessen. Oder im Badezimmer liegt ein Schwamm auf dem Hocker neben dem Waschtisch, wo er nicht hingehört. Kleinigkeiten, gewiss. Aber wie in der Liebe deuten sie auch im Verhältnis zur Putzfrau auf den Anfang vom Ende hin.

Und ähnlich wie dort lässt sich dieser Prozess nicht aufhalten. Beim antiken Philosophen Plotin gibt es eine Stelle, wo er das Menschengeschlecht mit "schweren Vögeln" vergleicht, die "zu viel von der Erde aufgenommen haben, um noch hoch fliegen zu können".

Manchmal erscheint mir das ex negativo als Modell für den Zerrüttungsmechanismus zwischen den Putzfrauen und mir: Irgendwann haben sie zu viel Schmutz aufgewischt und hauen ab.

Dass man auf keinen Fall das Weihnachtsgeschenk vergessen darf, lernt man schnell. Allerdings brachte auch das pünktlichste Geschenk keine meiner Putzfrauen dazu, länger als zwei Jahre zu bleiben. Ein Freund gab mir daraufhin den Tipp mit dem Geldsträußchen: Anstelle eines fantasievoll ausgewählten Geschenks wie beispielsweise Pralinees oder Seife sollte ich den vorgesehenen Betrag in kleinen Scheinen abheben, zu dekorativen Rollen bündeln, um diese zwischen die einzelnen Blüten eines handlichen Straußes zu stecken. Das Rezept klang derart raffiniert, und die Anleitung wurde mit Sachverstand vorgetragen – allein, es half leider wenig. Nach zwei überreichten Geldsträußchen war Schluss.

Nicht jeder hat dieses Pech, ich kenne Leute, die werden seit zehn Jahren von ein und derselben Reinigungskraft betreut. Manchmal glaube ich, dass ich zu wenig Schmutz verursache, vielleicht bin ich ein langweiliger Fall.

Staubbeseitigung als Abenteuer

Jedenfalls versicherte mir James Dyson einmal ganz ernsthaft, dass er die Beseitigung von Hausstaub als Abenteuer sieht. Dyson hat vor ein paar Jahrzehnten einen Staubsauger ohne Beutel erfunden, der noch immer futuristisch wirkt, weil er größtenteils aus transparentem Kunststoff gefertigt ist. Für die Forschungsarbeit an seinem neuartigen Sauger ließ Dyson sich damals sogar künstlichen Staub anfertigen. Ein klarer Fall eines Putzfrauenverstehers, angeblich saugt er zu Hause aber selbst.

Liebende schreiben sich Briefe, Putzfrauen hinterlässt man Nachrichten à la: "Liebe Maria, bitte heute das Gästezimmer besonders gründlich wischen + Kalkränder an der Duschkabine." Kehrt man abends nach Hause zurück, stehen im Küchenbecken die geleerten Reinigungsmittelflaschen, die somit nachbestellt werden. So lebt man, um es mit Georg Büchner zu sagen, nebeneinander dahin.

Wenn sie einen dann verlassen hat, fällt einem ein, dass sie immer viel Küchenkrepp brauchte. Etwa eine Rolle pro Besuch, man hat nie herausfinden können wozu.

Manchmal hat man versehentlich die falsche Sorte eines Reinigungsmittels besorgt, und sie hat die Flasche ungeöffnet in den Ausguss gestellt, dazu ein Post-it mit dem Hinweis, dass sie von diesem Duft leider Migräne bekommt.

In dem Film "Stadt der Frauen" von Federico Fellini hat ein großer Liebhaber seinen Auftritt, der sich ein Museum der Verflossenen eingerichtet hat: In dem Flur seines Hauses hängen die Porträts seiner Ex-Geliebten, und wenn er einen der darunter angebrachten Schalter betätigt, leuchtet das jeweilige Bildnis, die Stimme der Frau ertönt.

Mal davon abgesehen, wer diese ganzen Bilderrahmen abstaubt: Vor dem Drogerieregal fallen mir regelmäßig die Gesichter meiner Putzfrauen ein. Ich sehe die eine vor mir, die ankündigte, nur eben mal nach Polen zu reisen, um sich um kranke Verwandte zu kümmern. Ihre Schwester komme derweil, um sie zu vertreten. Sie kam nie wieder zurück, und die angebliche Schwester hatte vom Putzen keine Ahnung. Dafür saß sie mit einem Buch von Paulo Coelho auf dem Sofa herum.

Ich weiß das, weil das Polster an dieser Stelle eingedellt war, wenn ich nach Hause kam. Und das Buch lag daneben. Sie muss sehr dick gewesen sein. Irgendwann lag der Schlüssel im Briefkasten. Ihre Nachfolgerin brachte des Öfteren ihren Sohn mit, weil der angeblich nicht wusste, was aus ihm werden sollte. Putzmann jedenfalls nicht, denn bald lag der Schlüssel auf dem Tisch.

Ich kenne genau einen Menschen, der seit zehn Jahren von derselben Putzfrau betreut wird. Er bleibt manchmal zu Hause, um Zeit mit ihr zu verbringen, dann plaudert sie während des Putzens mit ihm. Das Geheimnis ihrer unverbrüchlichen Beziehung: Sie ist nicht die einzige. Allwöchentlich wechselt sie sich mit einer Kollegin ab.