Verjüngung

So trainieren Sie Ihre Fältchen weg!

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Silvia Meixner

Foto: Reuters

Nie mehr Botox-Spritzen, sündhaftteure Antifaltencremes oder schmerzhafte Besuche beim Schönheitschirurgen! Jetzt gibt es nämlich ein günstiges Anitfalten-Training für Angsthasen: Der neueste Schönheitstrend in Amerika heißt Gesichts-Yoga.

Der Trend klingt für viele Menschen sehr verheißungsvoll. Statt Chirurgie sollen wir jetzt auf Yoga-Grimassenziehen bis zur Erschöpfung der Wangen- und Stirnmuskulatur setzen. Das fördert die Durchblutung und ist angeblich gut gegen Faltenbildung.

Schön sieht das nicht aus. Es gibt wirklich elegantere Sportarten. Wasserballett, Stabhochsprung oder Skispringen zum Beispiel. Aber Gesichts-Yoga kostet nichts, und das ist zumindest ein Argument. Und wenn es wider Erwarten nichts bringen sollte, hat man zumindest Spaß gehabt. Das kann man, wenn man nach einer Schönheits-OP aus der Narkose erwacht, nicht behaupten. Und auch das Verabreichen von Botox-Spritzen soll, glaubt man Anwendern, kein Vergnügen sein.

Und jetzt ein Fischgesicht

Eine Gesichts-Yoga-Übung besteht zum Beispiel darin, die Augen weit aufzureißen und die Zunge herauszustrecken (wichtig ist dabei, dass kein aktueller Verehrer in der Nähe ist!). Fertig ist der "Löwe"! Fürchten muss sich niemand, außer den Falten, die am besten gleich ganz wegbleiben. Auch der sogenannte "Fisch" macht Menschen nicht wirklich hübscher: Wangen einziehen, ja, gaaanz einziehen, Lippen kussbereit schürzen. So bleiben. Bis 30 zählen. Entspannen. Solche Grimassen ziehen wir sonst eigentlich nur nach dem vierten Wein, wenn sonst am Tisch niemand lustig sein will. Erstaunlich, dass manche Menschen - die Yogalehrer - damit jetzt auch noch Geld verdienen, aber in Amerika ist ja vieles möglich. Vermutlich werden auch hier zu Lande bald die ersten Gesichtsyogis zum Training bitten.

Ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit, bitte. Fisch wiederholen! Küssen wird einen so vermutlich niemand, aber es soll gut gegen die ersten Mimikfältchen (und auch die darauffolgenden) sein. Die Übungen tragen so hübsche Namen wie "Smiling Buddha" (lächelnder Buddha), "Sleeping Yogi" (schlafender Yogi) oder "Wide Eyes" (große Augen), Verwechslungen sind ausgeschlossen, da der Ausübende bei Ausführung des Workouts genau so aussieht wie die Übungen heißen. Gibt es trotzdem Unsicherheiten, hilft es, das Gesichts-Yoga vor einem Spiegel auszuführen. Huch, schon wieder ein Löwe! Und hinter dem Löwen: Ein Fisch. Blubb. Während hinten in der Ecke gerade große Augen rollen.

Amerikaner, genauer: Amerikanerinnen, berichten derzeit in Fernsehsendungen begeistert von den tollen Ergebnissen und beteuern, nie, nie wieder zu Botox greifen zu wollen. Noch halten sich die Männer vom Gesichts-Yoga fern, aber das haben sie anfangs ja auch geradezu verbissen bei Aerobic und den Schönheits-OPs getan, bis sie eines Tages erstaunt feststellen mussten, dass die Nachbarn und Kollegen knackiger und faltenfreier waren als sie selbst und die besseren Jobs und besseren Frauen bekamen. Und schon legten sie sich ergeben hin, um Fett absaugen oder die Tränensäcke entfernen zu lassen.

Die Muskeln lagen brach

Erstaunlich eigentlich, dass bislang noch niemand darauf gekommen ist: 26 Gesichtsmuskel liegen seit Jahrhunderten fast völlig brach, sie sind gänzlich untrainiert und deshalb ist es bei genauer Betrachtung eigentlich kein Wunder, dass im Laufe eines Menschenlebens das Gesicht Falten bekommt. Wo alles schlaff vor sich hindümpelt, sind Falten nur eine Frage der Zeit.

Allein 17 dieser Gesichtsmuskel braucht man, um zu lächeln. Vielleicht lächeln deshalb viele Menschen so wenig - es ist ihnen schlicht zu anstrengend. Könnte man die Gesichtsmuskeln wie den Bizeps oder einen Waschbrettbauch trainieren - die Antifaltenforscher dieser Welt wären auf einen Schlag arbeitslos. So weit sind wir allerdings noch nicht. Aber zumindest auf einem guten Weg, mit dieser neuen Sportart.

Gesichts-Yoga ist merkwürdig und gewöhnungsbedürftig. Aber es soll, so sagen überzeugte Jünger, tatsächlich helfen. Und zumindest behält der Mensch dabei, anders als beispielsweise bei Botox, seine Mimik. Schönheits-OPs haben ja oft den unerfreulichen Nebeneffekt, dass Gesichter so gestrafft sind, dass das Lächeln und das Hochziehen der Brauen schwer fallen. Dann hilft auch Gesichts-Yoga nichts mehr. Für die Brauen gibt es übrigens eine eigene Yoga-Übung: Den "Brow Smoother". Beim "Augenbrauen-Beruhiger" sitzen Gesicht und Rest-Mensch locker im Lotussitz auf dem Boden. Weiter geht's mit dem Auflegen der Zeigefinger an den Außenseiten der Augenbrauen. Jetzt vorsichtig die Brauen voneinander weg ziehen, gleichzeitig die Augenlider schließen. Experten sagen, dass das wie "natürliches Botox" sein soll (die Botox-Hersteller werden das erwartungsgemäß anders sehen, aber darauf können wir leider keine Rücksicht nehmen).

Workout für den Jochbeinmuskel

Wenn wir ehrlich sein sollen, haben wir uns noch nie mit den Gesichtsmuskeln beschäftigt. Man lernt so gut wie nichts darüber in der Schule und auch die Fachmagazine, die sonst für jede Lebenslage einen guten Rat parat halten, haben die Gesichtsmuskeln jahrzehntelang ignoriert. Bauchmuskeln werden ganze Sonderteile zum Herausreißen gewidmet, das Bizepstraining gibt's als Poster zum Aufhängen an der Wand, aber Workout für den Jochbeinmuskel gab's noch nie. Deshalb hier für Einsteiger einige der wichtigsten Gesichtsmuskel: Der Augenbrauenheber heißt "Musculus frontalis" und belegt die ganze Breite der Stirn bis zum Haaransatz. Der "Lachmuskel" heißt auch "Großer Jochbeinmuskel" (Musculus zygomaticus major), er verbindet den Jochbogen mit dem Mundwinkel. Wenn wir blinzeln, tun wir das mit Hilfe des Augenringmuskels (Musculus orbicularis oculi). Von jedem dieser Gesichtsmuskel hat der Mensch zwei. Also: Beide trainieren. Sonst wird das Gesicht schief. Und das ist doch wohl das letzte, was wir erreichen wollen!