Turin im Oktober 2010: Zum vierten Mal findet hier das von der Organisation Slow Food organisierte Terra-Madre-Treffen statt. Seit 2004 kommen alle zwei Jahre 5000 Kleinbauern, Fischer, Züchter und Sammler aus aller Welt in der piemontesischen Hauptstadt zusammen, um drei Tage lang Erfahrungen auszutauschen, Probleme zu besprechen und Lösungen zu finden. Es ist ein farbenprächtiges Treiben, denn die meisten der Delegierten kommen in ihren Landestrachten.
Hier treffen mauretanische Fischerfrauen auf indianische Reispflanzer aus Kanada, äthiopische Kaffeesammler auf Rentierzüchter aus Lappland, deutsche Kartoffelbauern auf Obstpflücker aus Brasilien. Viele von ihnen haben zum ersten Mal ihr Dorf verlassen. Als Carlo Petrini, Gründer und Präsident von Slow Food, ans Rednerpult tritt, setzt tosender Applaus ein. Petrini spricht vom verlorenen Wert des Essens und der Wichtigkeit der Arbeit der Bauern. Er wettert gegen die industrielle Landwirtschaft und die Ungerechtigkeit von Subventionen. Er mahnt zur Einheit und zur Vernunft: Nur sie könnten den Planeten vor einem ökologischen Zusammenbruch bewahren.
Februar 2011: Im piemontesischen Städtchen Bra, 50 Kilometer südlich von Turin, hat die Organisation Slow Food ihren Sitz. Carlo Petrini empfängt in seinem Lieblingsrestaurant. Wo sonst, wenn nicht bei Tisch, sollte man den Slow-Food-Präsidenten zum Interview treffen? Es gibt Pasta mit Tomatensoße, dazu eine Flasche einfachen, lokalen Dolcetto. Vor Petrini liegt sein neues Buch: "Terra Madre. Für ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen Mensch und Mutter Erde" (Hallwag Verlag).
Morgenpost Online: Deutschland wurde gerade von einem schweren Dioxinskandal gebeutelt. So etwas kennt man doch eher von Italien.
Carlo Petrini: Das stimmt leider. Man darf aber nicht vergessen, dass die deutsche Landwirtschaft zu den am meisten industrialisierten gehört. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es zu solchen Missständen kommen kann.
Morgenpost Online: Aber die Kontrollen scheinen doch in Deutschland sonst besser zu funktionieren als beispielsweise in Italien.
Carlo Petrini: Auch das stimmt. Allerdings geht es hier nicht um Kontrolle. Davon gibt es in der Europäischen Union mehr als genug. All diese Vorschriften kommen aber meistens nur den großen Betrieben entgegen, die es sich leisten können, die Auflagen einzuhalten. Außerdem sind wir in einem System gefangen, das den Verbraucher wie einen Trottel behandelt. Da helfen die strengsten Kontrollen nichts.
Morgenpost Online: Was braucht es stattdessen?
Carlo Petrini: Einen besser informierten Verbraucher, der mit mehr Bewusstsein einkauft und isst. Wir müssen den Status des Konsumenten verlassen und zu Koproduzenten jener Menschen werden, die unser Essen anbauen. Also der Bauern.
Morgenpost Online: Aber der deutsche Konsument kauft doch sehr bewusst ein. In Deutschland ist der Markt für Bioprodukte weit größer als bei Ihnen in Italien.
Carlo Petrini: Der Konsum von biologischen Lebensmitteln ist nicht unbedingt das, was ich unter einem bewussten Konsum verstehe. Er ist lediglich eine Option. Viel vernünftiger wäre es, einen direkten Bezug zum Erzeuger herzustellen und die lokale Wirtschaft zu stärken.
Morgenpost Online: Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Carlo Petrini: Wir müssen Formen des alternativen Vertriebs fördern. Ich denke da an Bauernmärkte, an Direktversand, an CSA (community supported agriculture , ein System, bei dem die Verbraucher wirtschaftlich an der Produktion beteiligt sind). Wer diese Arten der Produktion und des Vertriebs fördert, tut wahrscheinlich mehr für die Umwelt, als wenn er industriell hergestelltes Biogemüse kauft. Der größte Fehler, den wir gemacht haben, war, die industrielle Logik auf die Landwirtschaft zu übertragen. Das hat zum größten Umweltproblem aller Zeiten geführt. Und die biologische Landwirtschaft ist davon nicht ausgenommen.
Morgenpost Online: Ist es nicht etwas naiv, zu glauben, dass alle Menschen es sich leisten können, so zu handeln?
Carlo Petrini: Naiv ist es, zu glauben, dass die Lebensmittelpreise so niedrig sind, damit sich ärmere Menschen mehr Lebensmittel kaufen können. Vielmehr basiert die industrielle Logik auf Massenproduktion und niedrigen Herstellungskosten und Preisen. Daraus gilt es auszubrechen. Essen muss wieder einen Wert bekommen.
Morgenpost Online: Also müssen die Preise für Lebensmittel steigen?
Carlo Petrini: Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Preis und dem Wert von Lebensmitteln. 1970 gaben meine Landsleute 32 Prozent ihres Einkommens für Essen aus. Heute sind es gerade noch 13 Prozent. Zum Vergleich: 14 Prozent desselben Einkommens investieren sie für ihr Handy. Man kann die Kosten der Ernährung nicht noch weiter verringern. Sonst werden wir bald Schlimmeres als Dioxinfleisch essen.
Morgenpost Online: Oder brauchen wir die niedrigen Preise, damit wir Lebensmittel mit gutem Gewissen wegwerfen können?
Carlo Petrini: Das klingt zynisch, aber Sie haben recht: Tausende Tonnen Lebensmittel landen täglich auf dem Müll, weil sie so billig waren, dass man sich ja sowieso neue kaufen kann. Früher hatten alle ländlichen Küchen eine Tradition des Resteverwertens. Auch die deutsche Blutwurst wurde ursprünglich aus Schlachtabfällen hergestellt. Ein Fleischhauer im Piemont hat mir neulich gesagt, dass Schweineblut heutzutage weggeworfen wird, weil man keine Verwendung dafür hat. Denken Sie nur an die Umweltbelastung!
Morgenpost Online: Die Slow-Food-Bewegung hat im vergangenen Jahr ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert. Viele Menschen sympathisieren mit Slow Food, dabei wissen viele nicht, worum es sich dabei genau handelt.
Carlo Petrini: In meinem Buch "Gut, sauber und fair" erkläre ich, dass Essen heute drei Eigenschaften besitzen soll: Es muss gut schmecken, aber auch sauber – ohne die Umwelt zu verschmutzen – hergestellt werden, und zwar zu einem Preis, der fair ist für all jene, die es erzeugen und konsumieren. Dafür kämpft Slow Food.
Morgenpost Online: "Sauber" und "fair" sind im Vergleich zu "gut" relativ konkrete Begriffe. Wie definieren Sie gutes Essen, gute Produkte? Ist das nicht Geschmackssache?
Carlo Petrini: Sinnlichkeit ist eine wichtige Komponente unserer Entwicklung, unserer Bildung – aber sie findet nicht nur außerhalb des Gehirns statt. Es fängt damit an, ob man überhaupt den Willen aufbringt, die Aromen und Gerüche, die unser Gehirn aufnehmen kann, auseinanderzuhalten. Will ich das, kann ich zum Kenner werden. Wenn nicht, bleibt mir die Welt, die mich umgibt, verborgen.
Morgenpost Online: Und "sauber" und "fair"?
Carlo Petrini: Sie modernisieren den Begriff des "Guten". Die Gastronomie als Lehre vom guten Essen hat sich lange auf Restaurantkritiken und Rezeptsammlungen beschränkt. Heute müssen Gastronomen auch Biologen, Chemiker, Agronomen, Historiker und Anthropologen sein. Diese Idee ist nicht neu, sie stammt von Jean Anthelme Brillat-Savarin, dem Erfinder der Gastronomie. Trotzdem ist sie aktueller denn je.
Morgenpost Online: Warum das?
Carlo Petrini: Weil die Erde krank ist. Jeden Tag verlieren wir an Artenvielfalt. Unser Verhältnis zur Erde ist ebenso wichtig wie das zu den Menschen, die sie bearbeiten. Wir müssen einen Rahmen schaffen, in dem es für junge Leute wieder attraktiv wird, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Sonst wird sie bald ausschließlich industrialisiert sein und sich Sklaven halten, wie das heute schon der Fall ist. Der Verlust der Biodiversität, die Situation der Bauern und der dramatische Qualitätsverlust unserer Nahrungsmittel, das sind die Probleme von heute. Respekt vor der Umwelt und soziale Gerechtigkeit sind demnach Grundvoraussetzungen für die Qualität eines Lebensmittels.
Morgenpost Online: Der Begriff der "Lebensmittelbündnisse", der in Ihrem neuen Buch immer wieder vorkommt, klingt auf Deutsch etwas abstrakt. Was genau verstehen Sie darunter?
Carlo Petrini: Lebensmittelbündnisse entstehen überall da, wo sich Menschen für eine andere Art des Lebensmittelkonsums einsetzen. Eine bäuerliche Kooperative zum Beispiel. Wenn jemand einen Bauernmarkt organisiert oder einen Schulgarten einrichtet, schafft er ebenfalls ein Lebensmittelbündnis. Lebensmittelbündnisse können aus den verschiedensten Realitäten entstehen.
Morgenpost Online: Und Terra Madre vereint all diese Realitäten?
Carlo Petrini: Terra Madre ist ein weltweites Netzwerk, eine ganzheitliche Vision. Wir wollen zur Interessenvertretung einer Gruppe werden, die keine Interessenvertretung hat: der Kleinbauern der Welt.
Morgenpost Online: Slow Food stand immer für den Schutz lokaler und traditioneller Lebensmittel und handwerklicher Produzenten. Kann man gleichzeitig die Bauern in Europa und jene in der Dritten Welt vertreten?
Carlo Petrini: Natürlich bleiben lokale und saisonale Produkte im Zentrum des Interesses. Aber Kaffee wird nun einmal nicht dort getrunken, wo er produziert wird. In einer globalisierten Welt muss allen Produzenten eine angemessene Wertschätzung entgegengebracht werden.
Morgenpost Online: Sprechen wir von Küche und Identität. Man kann doch sagen, dass die Auffassung von Küche, so wie sie die Italiener haben, eine eher konservative ist. Haben Sie das Gefühl, dass die Immigranten und ihre Speisen die Küche Italiens verändern werden?
Carlo Petrini: Andere Länder wie etwa Frankreich haben es schon länger verstanden, die Speisen ihrer Einwanderer in ihre eigene Küche zu integrieren. Auch die italienische Küche – wie die italienische Gesellschaft – wird sich langfristig durch die Einwanderer bereichern. Nehmen Sie als Beispiel die Pasta, die Sie gerade essen: Weder die Tomate noch die Pasta sind italienischen Ursprungs. Trotzdem ist Pasta al pomodoro das italienische Gericht schlechthin.
Morgenpost Online: Küche ist also per Definition Fusion?
Carlo Petrini: Absolut. Schon immer ist sie durch Handel und Austausch entstanden. Deshalb geht es bei Terra Madre ja auch darum, dass kleine, lokale und regionale Einheiten und Wirtschaftsräume in der ganzen Welt miteinander kooperieren, um an einer ganzheitlichen Sache zu arbeiten: an der Gesundheit unseres Planeten.





