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Yogis trainieren nun auch zwischen Ästen

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Maggie Riepl

Foto: Tree Yoga, LLC

Die uralte indische Lehre ist heutzutage eine Gelddruckmaschine. Daher entstehen immer neue, verrückte Varianten: Bei Tree Yoga hängt man glücklich im Baum, beim Lachyoga werden andere Muskeln trainiert, Vinayasa Flow hält mit Musik Stars wie Madonna fit und eine Yoga-Form soll sogar Botox ersetzen.

Man nehme zwei Gurte befestige sie einerseits an einem stabilen Ast, schlinge sie andererseits um die Hüften und verdrehe sich dann nach Herzenslust in die Waagerechte, den Lotussitz oder auf den Kopf. Das ganze nennt sich Tree Yoga und ist die neueste Variante in Sachen indische Körperverrenkungen. Der Trend kommt wie viele der modernen Yoga-Abkömmlinge aus den USA. Ein Texaner namens Hal Pruessner hat es erfunden, weil er als Ex-Fallschirmspringer das Schweben so vermisste. Für ihn als "total unbeweglichen Menschen" werden die Körperübungen so viel leichter, weil das eigene Körpergewicht von den Gurten gehalten wird. Intensiver soll es außerdem sein und zu lachen gibt es auch immer einiges, wenn Hal und seine Freunde ihren Hänger haben.

Und damit wären wir gleich bei der zweiten neumodischen Abart der uralten indischen Lehre: dem Lachyoga, auch Hasya-Yoga genannt. Weltweit verbreitet wurde es von Madan Kataria, einem Arzt aus Mumbai. Die Übungen sind eine Kombination aus Dehn- und Atemübungen verbunden mit Pantomime, die zum Lachen anregen. 1995 wurde der erste Lachclub in Indien gegründet, inzwischen gibt es weltweit mehr als 5000 Clubs. "Wir lachen nicht, weil wir glücklich sind – wir sind glücklich, weil wir lachen!" sagt Kataria.

Mit dem klassischem Yoga hat das wenig zu tun. Denn das war ursprünglich ein spiritueller Weg zur Selbstvervollkommnung. Im Ursprungsland Indien gilt Yoga als Philosophie. Im Westen wurde schon immer die Seite der körperlichen Übungen (Asanas) stärker betont. Hier gilt Yoga als Oberbegriff für Techniken und Methoden, die Menschen von Leiden befreien und entspannen sollen. Bei der Fülle der Yoga-Stilen, die heute angeboten werden, können selbst erfahrene Yogis den Überblick verlieren.

Yoga ist eine Gelddruckmaschine

Yoga ist ein riesiger Markt und ein lukratives Geschäft geworden. Die Fitness- und Wellness-Industrie in den westlichen Staaten setzt inzwischen gigantische Summen damit um – allein in Deutschland schätzungsweise 500 Millionen Euro, Tendenz steigend. Allein in Berlin gibt es heute 180 Yogaschulen 1990 waren es nur drei. "Die Begeisterung für Yoga freut uns und bestätigt den positiven Einfluss auf die Gesundheit", sagt ein Beamter des indischen Gesundheitsministeriums. Doch hat man dort mit großer Empörung darauf reagiert, dass US-Unternehmer sich inzwischen neue Yoga-Praktiken patentieren lassen. Wie zum Beispiel Bikram Choudhury, ein indischstämmiger Yogi, der in den USA lebt. Er bekam von einem US-Gericht die Rechte auf Hot und Bikram Yoga zugesprochen, das eine bestimmte Abfolge von 26 Übungen in einem auf 40,5 Grad Celsius geheizten Raum bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit vorsieht. Choudhury verdient mit seiner Yoga-Lehre prächtig, hat 900 Studios in der ganzen Welt. "Man kann Yoga nicht patentieren. Niemals", sagen die Inder. Yoga ist schließlich Kulturgut.

Bikram ist eine der wenigen Richtungen, die Anna Trökes, Leiterin der Berliner Prana-Yogaschule, genau aus diesem Grund ablehnt. Ansonsten ist sie nicht konservativ: "Solange es Yoga gibt, hat er sich immer verändert und erneuert", meint die Autorin von 20 Ratgebern der indischen Heilslehre. Sie teilt mit Stefan Datt und Miriam Kretzschmar, den Veranstaltern des Yoga Festivals, die Meinung, dass viele Leute über die rein körperliche Ebene – möglicherweise auch im Fitnessstudio – den Yoga-Einstieg und später dann auch zur geistigen Weisheit finden.

Ein Vorteil der vielen Ableger: Jeder findet heute genau die Yoga-Art, die zu ihm passt: Es gibt spezielle Übungsprogramme für Kinder, für Ältere, die sich mit Rückenbeschwerden plagen. Luna Yoga ist ebenso wie Hormonyoga eine Variante, die speziell für Frauen und ihre Beschwerden gedacht ist. Kundalini ist ein spirituelles Energieyoga mit psychologischer Komponente. Hier stehen Mantras und Atemübungen, die Glücksgefühle erwecken sollen, im Vordergrund. Iyengar Yoga ist eher etwas für Geübte und für Intellektuelle, hier müssen die Übungen mit Hilfsmittel wie Gurten oder Holzblöcken extrem präzise ausgeführt werden. Vini Yoga gehört zu den therapeutischen Yogas. Es ist für Anfänger und Individualisten, denn es orientiert sich am Einzelnen, seinen Bedürfnissen und gesundheitlichen Störungen. Asthanga und Power Yoga sind vor allem bei sportlichen Jüngeren beliebt, sie sind mehr Work-out als Entspannung.

Eine neue große Richtung ist die Flow-Bewegung, zum Beispiel Vinayasa Flow. Das ist eine sanfte Art, denn hier werden die Asanas mit fließenden Bewegungen verbunden. Jivamukti ist das Yoga der Stars (Madonna, Sting, Paul Mc Cartney) und der Fußballer: Patrick Broome hat als Yoga-Trainer der Nationalmannschaft durch die Verbindung von Übungen und Musik auch Ballack und Co. auf mehr Körpergefühl und Beweglichkeit getrimmt. Wie gelassen und gut geerdet man mit Jivamukti werden kann, konnten die Berliner am vergangenen Dienstag erleben, als sich 200 Yogis gemeinsam mit Broome mitten im Stoßverkehr an der Siegessäule niederließen und sich durch den Verkehrslärm nicht aus der Ruhe bringen ließen.

Yogis werden reif, nicht alt

Yoga gilt auch als Verjüngungskur für den ganzen Körper. Wie heißt es: Wir alle werden älter, nur Yogis nicht, die werden reifer. Das hat mit der inneren Einstellung zu tun. Doch auch gegen den äußeren Verfall kann man etwas tun: Gesichtsyoga ist eine Art Grimasseschneiden, das neuerdings in den USA statt Botox angesagt ist. Wer als Löwe die Augen weit aufreißt und dabei die Zunge rausstreckt, kräftigt die Muskulatur und beugt Falten vor. Wer dazu noch Atemübungen macht und meditiert, profitiert doppelt. Denn wahre Schönheit kommt auch von innen.

Wichtig ist nicht nur, dass man auf dem Kopf stehen kann, sondern welche Gedanken man im Kopf hat: "Yoga ohne Philosophie ist eben einfach nur Gymnastik", sagt Heilpraktikerin und Yoga-Lehrerin Annette Bauer. Das Ziel legt jeder für sich selber fest. Für die 40-Jährige ist Yoga eine heitere Gelassenheit im Umgang mit sich selbst und anderen.

Im Kern ist Yoga also nicht nur ein Übungssystem für den Einklang von Körper, Geist und Seele und zur Erhaltung von Prana, der universellen Lebensenergie, sondern ein Lebensstil und eine geistige Haltung. Bei Sivananda, einer renommierten internationalen Yogaschule, wird mehr als körperliche Übungen vermittelt. "Wir lehren alle vier Yogawege", sagt Swami Anantananda vom Zentrum in Friedenau: Bhakti, das Yoga der Hingabe und der Liebe zu Gott. Jana, den Weg des Wissens und der Frage: Wer bin ich? Raya, Geisteskontrolle durch körperliche Übungen, Konzentration und Meditation und Karma Yoga, den Weg des Dienens für die Harmonie der Welt.