Die Gagosian Gallery liegt in Londons Westen, drei Räume, fußballfeldgroß. Die wahre Kunst ist, den Künstler erst einmal zu finden. Der führt noch seine Mutter durch die Ausstellung. Jeff Koons, einer der größten Stars zeitgenössischer Kunst, ist ein korrekter Mann. Grauer Anzug, kurze Haare, gerade Ohren – ganz anders als das Bild, das man von ihm hatte: Koons, der Kitsch-Gott, mit der Pornoblondine Cicciolina in tantrischen Posen! Eloquent wirkt er, gebildet. Wenn er redet, tut er das wie ein Lehrer. Man hört ihm gern und gespannt zu, auch wenn man bald merkt, dass er irgendwie immer harmlos richtig klingt, was schade ist. Genial oder banal? Er lacht zumindest wenig.

Morgenpost Online: Sotheby's versteigert demnächst Ihr Werk „Hanging Heart“ und erwartet 15 bis 20 Millionen Dollar. Wie erklären Sie Ihrem 14-jährigen Sohn Ludwig, was seinen Vater so teuer macht, Herr Koons?

Jeff Koons: Meine fünf Kinder sehen meine Arbeit im Studio, aber nicht, was es kostet. Die Kleinen sagen: „Hey, Pappi, du hast ja mein Spielzeug gemalt.“ Sie haben recht.

Morgenpost Online: Wie fühlt man sich, wenn dafür dann einer Millionen hinblättert?

Koons: (beobachtet schon seit Minuten einen Galeriebesucher, der vor einem seiner Bilder steht) Ich will ein Werk so gut wie möglich machen – nur daran denke ich.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich als Hochstapler? Wundern Sie sich über die Preise?

Koons: (unterbricht) Entschuldigen Sie kurz. (Dann zum Besucher): Hallo, Sir! Könnten Sie bitte ein wenig Abstand zu diesem Gemälde halten? Sie sind zu nah dran! Danke, wirklich sehr freundlich, Danke.

Morgenpost Online: Nun?

Koons: Ich finde es schwierig, Menschen dafür zu verurteilen, dass sie etwas erwerben möchten, was im Wert steigen wird. Klar genieße ich die Freiheiten eines finanziellen Erfolges. Ich glaube, wir lernen gerade erst zu begreifen, wie viel Geld es eigentlich auf der Welt gibt.

Morgenpost Online: Kunstsammeln ist heute wie Masturbation, sagte kürzlich ein Galerist.

Koons: Ohne Bedeutung? Mag sein. Wem die komplexen Zusammenhänge verborgen bleiben.

Morgenpost Online: Ihr Sohn Ludwig ist Ihr „größtes Kunstwerk“, wie Sie sagen. Kennt er die Bilder, die seinen Vater bei der A-Tergo-Stellung mit seiner Mutter, dem Pornostar Cicciolina zeigen?

Koons: Möglich, dass seine Mutter ihm einige der Bilder gezeigt hat.

Morgenpost Online: Jenes Werk „Made in Heaven“ thematisierte das Intimleben Ihrer kurzen Ehe. Würden Sie sich heute noch mit Cicciolina beim Sex abbilden?

Koons: Ich wiederhole mich nicht.

Morgenpost Online: Woher kommt dieser Exhibitionismus? Fehlt Ihnen etwas, oder haben Sie von etwas zu viel?

Koons: (schaut jetzt nervöser zum Besucher) Herrje, schon wieder! Jetzt sind Sie ja schon wieder so dicht dran an den Arbeiten. Hallo? Entschuldigung? Okay, jetzt ist er weiter weg; aber, na gut, okay.

Morgenpost Online: Sie möchten die Frage beantworten?

Koons: Kunst machen ist vor allem ein intellektueller Prozess. Es geht darum, sich selbst zu akzeptieren, seinen Interessen zu folgen und sich darauf zu konzentrieren. Der Rest passiert einfach. Ich wollte ein Werk schaffen, das jeden anspricht.

Morgenpost Online: Und dann zerstören Sie es wieder?

Koons: Ich habe einen Teil dieser Arbeit zerstört, weil meine Exfrau, Ilona, versucht hat, sie gegen mich zu verwenden, indem sie sie als Pornografie deklarierte, was sie nie war. Ich wollte Ludwig schützen.

Morgenpost Online: Kann Kunst die Welt verändern?

Koons: Natur, Medien sind stärker.

Morgenpost Online: Sie würden gern die Welt verändern?

Koons: Ich glaube an die Medien. Sie bedeuten Kommunikation, wie die Kunst. Dasselbe Konzept: Es geht um Moral. Verantwortlichkeit.

Morgenpost Online: Sie lesen keine Bücher, stimmt das?

Koons: Worte liegen mir nicht, ich beschäftige mich lieber mit Symbolen. Kunst. Mein Gehirn funktioniert so. Lesen macht mich müde.

Morgenpost Online: Sie sprechen auch sehr leise.

Koons: Ich empfinde mich selbst als eine sehr nachdenkliche Person. Mir ist es wichtig, dass ich Dinge lang genug mit mir herumtrage, bevor ich sie nach außen bringe.

Morgenpost Online: Klingt ängstlich.

Koons: Das Wichtigste im Leben ist, sich selbst zu akzeptieren. Meine Arbeit ist weder ironisch noch kitschig, sie ist optimistisch, damit sich die Menschen besser fühlen. Diese kleinen Monster hier auf den Bildern stehen zum Beispiel für die Narben, die jeder mit sich herumträgt und überwinden muss. Das Affengesicht da fungiert für den Betrachter als Spiegel seiner eigenen Sterblichkeit. Es steht dafür, dass dich deine eigenen Kinder ersetzen werden. Darum: Liebe sie!

Morgenpost Online: Verfluchen Sie den Tag, an dem Sie Cicciolina im „Stern“ entdeckten?

Koons: (springt plötzlich auf, dann zum Besucher) Bitte, bitte! Seien Sie doch vorsichtig! Sie müssen einfach verstehen, dass Sie vorsichtig mit den Gemälden sein müssen. Bleiben Sie weg von der Wand, Sie hätten da eben ein Gemälde treffen können! (Besucher geht, Koons setzt sich wieder): Nun, ich sah sie, später dann auch in Männermagazinen. Die musste ich wegen verschiedener Hauttöne durchblättern für meine Skulpturen.

Morgenpost Online: Sie verbietet Ihnen seit Jahren, Ihren Sohn Ludwig zu sehen.

Koons: Das europäische Gericht gab mir längst recht. Ich bin überaus traurig. Aber ich weiß, Ilona kann sich nicht anders benehmen.

Morgenpost Online: Ist Ihre Kunst ein Ersatzdialog und die Reise in eine heilere Kindheit?

Koons: Aus meiner Kunst spricht die Offenheit eines Kindes. Wenn man vorurteilsfrei ist, einfach nur Blau mag und nicht stets denkt, ein Grauton sei raffinierter.

Morgenpost Online: Wer oder was hat Sie aufgeklärt?

Koons: Die Rockband Led Zeppelin zum Beispiel. Den Zugang zu meinem Verständnis von dieser Welt, Soziologie, Psychologie, die Macht der Sexualität habe ich wirklich über diese Band gefunden. Oder Vaters Möbelgeschäft: Ich erkannte, wie Farben, Textur, Design unsere Gefühle verändern.

Morgenpost Online: Sie haben schon als Kind gemalt.

Koons: Zeichnen gab mir immer das Gefühl, eine Sache etwas besser zu können als meine Schwester und andere. Darin lag meine ursprüngliche Motivation, Kunst zu machen. Es gab mir Selbstbewusstsein.

Morgenpost Online: Werden Ihre Kinder doch mal selbst Geld verdienen müssen, weil die Kunstblase irgendwann platzt?

Koons: Kunst stillt zu viele Bedürfnisse. Früher befriedigte die Kirche die Sehnsüchte der Menschen. Heute ist die organisierte Religion nicht mehr so mächtig und allgegenwärtig. Die Kunst hat mehr Raum, sich zu entfalten. Es ist nur wichtig, dass eine Arbeit so chamäleonartig wie möglich ist, damit sich so viele Menschen wie möglich sich in ihr wiederfinden können.


Morgenpost Online: Was kaufen Sie vom ermalten Geld?


Koons: Kunst, außerdem haben wir eine Pferdefarm in Pennsylvania, in diesem leuchtenden holländischen Gelb, nicht dieses deutsche Ocker. Da fischen wir, ruhen uns aus.

Morgenpost Online: Ihr Studio haben Sie wie ein Unternehmen strukturiert, mit einer Skulpturabteilung, einer Sprayzelle, zwei Malateliers...

Koons: Ein perfektes System, das ich steuere und bis ins Detail überwache, ohne unbedingt physisch an der Ausführung beteiligt zu sein.

Morgenpost Online: Was machen Sie noch selbst?

Koons: Ich entwerfe meine Idee am PC, lege haargenau fest, wo in welcher Farbe mit welchem Material was genau wie passiert. Dann müssen meine 85 Mitarbeiter ran. Manche Arbeitsgänge dauern Monate. Für die Show „Hulk Elvis“ mit 24 Werken haben 30 Mann dreieinhalb Jahre gearbeitet. Allein hätte ich vielleicht zwei Bilder geschafft.

Morgenpost Online: Selbst Ihre Kinder malen mit.

Koons: Sie lieben es, Kunst zu machen, die Kraft von Bildern. Sie stürmen ins Atelier, bringen Schulklassen und Freunde mit. Ein Pinselstrich kommt von meinem Sohn Kurt. Sean hat auch einen gemacht, in „Waterfall II“, dieser lange gelbe und rosa Strich und etwas Blau.

Morgenpost Online: Wenn Paul Allen in Ihrer Galerie steht, zehn Bilder kaufen will?

Koons: Geht nicht. Wir könnten nie zehn Arbeiten auf einmal liefern.

Morgenpost Online: Fürstin Gloria erklärte neulich mal, Gegenwartskunst hätte den Vorteil, plakativ zu sein. Wer schnell Geld verdiene, wolle schnell seinen Wohlstand zeigen. Und Koons erkenne man sofort. Fühlen Sie sich benutzt?

Koons: Kunst folgt Macht, das war schon immer so. Es gibt Dinge, die man nicht kontrollieren kann.

Morgenpost Online: Mittwoch beginnt die Frieze in London, dann geht das Kunstspektakel wieder los. Machen Sie da mit?

Koons: Ist doch wunderbar: ein privilegierter Kreis von sehr wohlhabenden, sehr erfolgreichen Menschen, die die Möglichkeit haben, sich ihre Vergnügungen zu erfüllen.

Morgenpost Online: Die Deutschen: Gursky oder Rauch?

Koons: Ich mag sie alle. Ich habe was von Struth, seit 15 Jahren. Ich mag Gursky. Neulich habe ich einen Lichtenstein gekauft, einen Haystack, weil der sehr nah dran ist an meinem „Monkey Train“.

Morgenpost Online: Darf jeder Koons kaufen? Hätten Sie an Saddam Hussein verkauft?

Koons: Meine Arbeiten sollten schon mit der Umgebung interagieren und von vielen gesehen werden.

Morgenpost Online: Gibt's ein Verfallsdatum für Koons?

Koons: Nein. Ich denke, man kann sehen, dass das Werk sehr stark ist.

Morgenpost Online: Wer würde Sie vermissen, wenn Sie morgen aufhören würden?

Koons: Wohl die Leute, die für mich arbeiten, da sind viele Familien involviert. Wenn wir eine Party feiern, sind wir etwa 250 Leute.

Morgenpost Online: Was würden Sie vermissen?

Koons: Das Tolle am Künstlersein ist, dass man machen kann, was man will. Die Vorstellung von Pensionierung existiert für einen Künstler nicht.

Morgenpost Online: Ist posthumer Ruhm wichtig für Sie?

Koons: Vollkommen wertlos. Wenn du stirbst ist für dich alles vorbei.

Das Gespräch führte Dagmar von Taube