Schöne Menschen

Jennifer Aniston – Durchschnitt, aber erfolgreich

Warum ist diese Frau noch mal ein Star? Vor vielen Jahren spielte sie in der erfolgreichen TV-Serie "Friends" mit – und sie war mit Brad Pitt verheiratet, der sie für Angelina Jolie verließ. Seitdem galt Jennifer Aniston vor allem als Prototyp der überfleißigen Single-Frau. Jetzt schlägt sie an der Kinokasse zurück.

"Bilden nur wir uns das ein, oder wird sie immer heißer?", umgarnte das amerikanische Herrenmagazin "GQ" auf dem Cover seiner aktuellen Ausgabe die Schauspielerin Jennifer Aniston, 39, die für das Titelbild nackt posierte. Leider ja, möchte man sagen. Zu Weihnachten kam ihr neuer Film "Marley and Me" in die Kinos, zeitgleich mit einem neuen Werk ihres Exmannes Brad Pitt. Er sieht besser aus, aber sie spielte deutlich mehr Geld ein, was als gewonnene Schlacht im seit Jahren andauernden Trennungskrieg gewertet wurde. Na ja!

Tatsächlich trat eine Familienkomödie gegen die Verfilmung einer Novelle von F. Scott Fitzgerald an – der eine Produzent zielte also auf die Kinokassen, der andere auf die Academy Awards. Außerdem hatte Pitt nur Cate Blanchett an seiner Seite, die zwar jeder schätzt, die man aber auch bis zur DVD-Veröffentlichung entbehren kann.

In "Marley and Me" dagegen spielte Owen Wilson mit, der zwar im Privatleben unter starken Stimmungsschwankungen leidet, auf der Leinwand aber unwiderstehlich gute Laune verbreitet. Außerdem ein süßer frecher Hund, der für Chaos sorgt. Mit diesen Verbündeten ist ein Box-Office-Sieg keine Kunst, könnte man mäkeln, aber das ist ja ungefähr so, als würde man den Beatles ihre einfachen Melodien vorwerfen. Wenn es jeder könnte, würde es jeder machen.

In seinem neuen Buch "Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht" argumentiert der Bestseller-Autor Malcolm Gladwell, dass nicht etwa Talent für herausragende Leistungen verantwortlich ist, sondern eine im Einzelfall genau zu analysierende Mischung aus günstigen Umständen, Fleiß und Entschlossenheit. Bei Jennifer Aniston kommt eine überwältigende Durchschnittlichkeit hinzu, die sie für eine bestimmte Art von Karriere prädestiniert. Man muss das nicht mögen.

Ich zum Beispiel halte sie für eine punktgenaue Verkörperung all dessen, was ich im zeitgenössischen Entertainment ablehne. Genau genommen hasse ich Jennifer Aniston: ihr birnenförmiges Gesicht, die verlogenen Haare, das ganze fettarme Leben. Wahrscheinlich hat sie in zahlreichen Interviews betont, wie gern sie auch mal einen großen Teller Pasta oder einen ordentlichen Hamburger verspeist, aber das ist mir vollkommen gleichgültig. Die Grundaussage ihrer öffentlichen Existenz lautet: Im Zweifelsfall noch eine Viertelstunde früher aufstehen!

Warum also noch mal ist sie ein Star? Vor gefühlt drei Jahrzehnten spielte sie in einer immens erfolgreichen Fernsehserie mit. Und sie war mit Brad Pitt verheiratet, der sie wegen Angelina Jolie verließ. "Uncool" sei es gewesen, dass ihre Nachfolgerin den Medien von ihrer neuen Romanze erzählte, erklärte Aniston nun in einem Interview. Das kann ja nur heißen, dass sie selbst sich "cool" verhalten hat. Etwa in der "Showmance" mit Vince Vaughn, einer Romanze, die genauso lange hielt, wie man einen gemeinsamen Film zu vermarkten hatte. Aniston fädelte sie abgebrüht ein und wickelte sie ungerührt ab. Heute nennt sie ihn ihren Defibrillator, ein Gerät zur Beseitigung von Herzkammerflimmern. Und man fragt sich, was sie für so einen Satz ihren Gagschreibern zahlen muss.

Tatsächlich erfüllt Jennifer Aniston eine wichtige, geradezu edle Rolle. Sie repräsentiert die etwas überfleißige, angestrengte Single-Frau und ihr Ringen um Glück. Demografisch wird sie damit immer wichtiger. Und dass sie sich beruflich nicht die Margarine vom Brot nehmen lässt, nötigt selbst mir einen gewissen Respekt ab.