Seltsam alterslos sieht sie aus mit ihrer weißen Haut, den roten Haaren, zur Tolle frisiert, die wie ein Kupferhelm auf ihrem Kopf sitzen, und den grünen Murmelaugen. Einzig ihre Hände und die feinen Fältchen um den Mund sind Anhaltspunkte für ihre 47 Jahre. Tilda Swinton, die Ikone des britischen Kunstfilms, Spezialistin für androgyne Rollen, hat etwas von einer Echse und gleichzeitig etwas Zartes, Vogelhaftes. Wer sie einmal auf der Leinwand gesehen hat, vergisst sie nicht wieder.

Auf der diesjährigen Berlinale war sie gleich mit zwei Filmen vertreten: „Julia“ (ab sofort im Kino) und „Derek“. In letzterem tritt sie allerdings nicht als Schauspielerin auf, sondern ist Autorin und Erzählerin. „Derek“ ist eine Hommage auf den 1994 im Alter von 52 Jahren an Aids gestorbenen Künstler und Filmemacher Derek Jarman, der ihr Freund, Entdecker, Förderer war und für dessen „Caravaggio“ sie 1986 zum ersten Mal vor der Kamera stand.

Zum Interviewtermin trägt sie ein dunkelblaues Nadelstreifenkostüm ohne Revers, nackte Beine und High Heels. Trotz ihrer kühlen Erscheinung und ihres gestochen scharfen Englischs wirkt sie im Gespräch weicher als vermutet.

Morgenpost Online: Bei den Modeschauen in Paris und Mailand sitzen Sie regelmäßig in der ersten Reihe und werden gern als Mode- und Stilikone bezeichnet.

Tilda Swinton: Ich empfinde mich nicht so. Das liegt völlig im Auge des Betrachters.

Morgenpost Online: Sie haben mal gesagt, dass Sie einfach nur die Kleider tragen, die Ihnen Ihre Modedesigner-Freunde zur Verfügung stellen. Aber das kann ja nicht das ganze Geheimnis sein, schließlich wählen Sie das aus, was Sie tragen.

Swinton: Wir alle wählen aus, was wir anziehen. Ich habe einfach nur eine enorme Auswahl. (lacht) Und ich muss nicht einkaufen gehen.

Morgenpost Online: Sie gehen nie einkaufen?

Swinton: Nein.

Morgenpost Online: Betrachten Sie Modedesign als eine Kunstdisziplin, oder ist Mode einfach nur etwas zum Anziehen?

Swinton : Design ist unbedingt eine Kunstform. Die Leute, die ich kenne, gehören zu den kreativsten und intellektuellsten Menschen. John Galliano, Vivienne Westwood, Martine Sitbon, Viktor & Rolf, Raf Simons: Das sind Künstler!

Morgenpost Online: Haben Schauspieler, die ja beruflich mit Kostümen zu tun haben, ein spezielles Verhältnis zur Mode?

Swinton: Es gibt etwas, was ich an meiner Beziehung zur Mode besonders liebe, etwas, was sie mit der Kunst verbindet. Aber ich weiß, dass es meine Freunde in der Mode, die sich damit täglich auseinandersetzen müssen, wahnsinnig macht. In der Mode geht es immer darum: „Was ist neu?“ Triebfeder der Mode ist die Suche nach Neuem. Wenn man versucht, Geld für einen Film aufzutreiben, ist genau das absolut tabu. Du darfst den Leuten auf keinen Fall sagen, dass das, was du vorhast, neu ist. Man muss ihnen beweisen, dass sie genau das schon mal gesehen haben. Oder dass es „Ratatouille“ gekreuzt mit „Jesse James“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ ist. Sag ihnen, es ist neu, und sie werden dir nicht zuhören. Also ist das ein unglaubliches Gefühl der Befreiung, wenn man in diese andere Welt, die der Mode, wie in ein Bad eintauchen kann. Die Energie ist eine völlig andere. Für mich ist das ein totaler Luxus, mit beiden dieser Muskeln arbeiten zu können. Aber die Menschen, die nur im Land des Neuen arbeiten, macht das krank. Sie können es kaum ertragen. (Sie stellt sich ein mit Orangensaft gefülltes Glas auf den Kopf) Dieses „Das trägt man jetzt so, weil es neu ist.“

Morgenpost Online: Ist Kleidung für Sie eher ein Mittel, Ihre Persönlichkeit auszudrücken, oder eine Verkleidung?

Swinton: Es ist ein Spiel. Mode kann beides sein. Auch eine Verkleidung kann deine Persönlichkeit ausdrücken. In diesem Sinne ist das auch Kunst, denn es geht darum, Bilder zu kreieren, Bilder von sich selbst. Du ziehst andere Kleidung an und kreierst somit ein anderes Bild. Aber schlussendlich sind es einfach nur Klamotten.

Morgenpost Online: Es gibt auffallend viele Fotoproduktionen von Ihnen. Sie sind offensichtlich nicht kamerascheu.

Swinton: Sagen wir so: Mir macht es nichts aus, fotografiert zu werden. Und da kommt die Kleidung wieder ins Spiel: Wenn ich fotografiert werden muss, hilft es, wenn ich Mode trage, die einer meiner Freunde entworfen hat. Es ist ein bisschen so, als ob ich Gesellschaft hätte. Außerdem hilft es manchmal, sich zu sagen, dass eigentlich nur das Kleid fotografiert wird. So kann ich das Geschehen von mir als Person fernhalten.

Morgenpost Online: Sie waren 24, als Sie Derek Jarman kennenlernten. War er Ihr erster Kontakt mit der Kunstwelt?

Swinton: Er war der erste Künstler, den ich kennengelernt habe. Bezeichnenderweise hatte er einen ähnlichen sozialen Hintergrund: Wir stammen beide aus der herrschenden Klasse, haben einen Adelshintergrund, sind beide Soldatenkinder. Das ist ein spezielles Erbe. Wir fühlten uns gleich sehr vertraut. Er arbeitete und lebte als Künstler und machte mich mit meiner neuen Heimat bekannt: der Welt der Künstler und der Welt der Kunst.

Morgenpost Online: Sind Sie in Ihrer Kindheit und Jugend mit Kunst in Berührung gekommen?

Swinton: Mit Kunst ja, mit Künstlern nein. Klar gab es Kunst an den Wänden im Haus meiner Familie, aber doch keinen Kontakt mit dreckigen Künstlern! Diesem verantwortungslosen, ungebildeten Abschaum!

Morgenpost Online: Sie haben selbst zwei Kinder. Wie vermittelt man Kindern einen Zugang zur Kunst?

Swinton: Meine Kindheit und die meiner Kinder sind nicht zu vergleichen. Auch wenn sie natürlich ein Kinderleben führen: Sie sind die Kinder von Künstlern. Ihr Vater ist Maler und Autor. Sie sind selbst Künstler. Auch wenn sie später mal Buchhalter werden sollten, wird das durchschimmern. Dann werden sie eben Künstler-Buchhalter.

Morgenpost Online: Leben Ihre drei Brüder eigentlich ähnlich wie Sie?

Swinton: Ihre Leben unterscheiden sich von meinem fundamental.

Morgenpost Online: Sammeln Sie selbst Kunst?

Swinton: Ja, soweit ich kann. Mein Haus ist eine Art Galerie. Es wird von Malern bewohnt, und so füllen sich die Wände mit Bildern, bis einer eine Ausstellung hat und die Wände plötzlich wieder nackt sind.

Morgenpost Online: Bevorzugen Sie Malerei oder Fotografie?

Swinton: Beide Männer im Haus sind Maler, deswegen hängt da viel Malerei. Aber es gibt auch ein wenig Fotografie, Skulpturen, Arbeiten von Freunden.

Morgenpost Online: Waren Sie jemals versucht, neben der Schauspielerei, selbst künstlerisch tätig zu werden?

Swinton: Ich fühle und ich arbeite immer mehrdimensional. Bei Dereks Filmen war beispielsweise die Zusammenarbeit mit dem Szenenbilddepartment immer sehr eng. In letzter Zeit habe ich auch als Produzentin gearbeitet, habe Filme gemacht, in denen ich nicht zu sehen war. Meine Arbeit als Schauspielerin steht für mich nie im Vordergrund. Bei jedem Projekt frage ich immer zuerst: „Was ist der Zusammenhang?“ Was ich dann zum Entstehen beitrage, ist am Ende manchmal nur mein Telefonbuch.

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Tilda Swintons Leben

Tilda Swinton wurde am 5. November 1960 in London geboren. Sie hat drei Brüder. Ihr Vater stammt aus einem alten schottischen Adelsgeschlecht und war Generalmajor der britischen Armee, die Mutter ist Australierin. Ihre Schulzeit verbrachte sie im gleichen Internat wie Prinzessin Diana, studierte anschließend Sozial- und Politikwissenschaften, bevor sie sich der Schauspielerei zuwandte.

Die 47-Jährige lebt heute bei Inverness mit ihrem langjährigen Partner, dem Künstler John Byrne, 67, Vater ihrer elfjährigen Zwillinge Honor und Xavier, und dem 30-jährigen deutsch-neuseeländischen Maler Sandro Kopp zusammen. Kopp hatte sie 2004 bei den Dreharbeiten zu „Die Chroniken von Narnia“ kennengelernt.

Ihr Filmdebüt gibt Swinton 1986 in Derek Jarmans „Caravaggio“, mit ihrer Rolle in Sally Potters „Orlando“ wird sie 1992 bekannt. Für ihre Rolle als Anwältin in „Michael Clayton“ bekam sie im Februar einen Oscar. Zurzeit ist sie in dem Drama „Julia“ zu sehen, in dem sie eine Alkoholikerin spielt, die ein Kind entführt. Am Samstag startet in der Kunsthalle Wien die Ausstellung „Derek Jarman. Brutal Beauty“, zu der auch die filmische Hommage „Derek“ gehört.