Grote Borsten – eine zugegebenermaßen unschön klingende Kombination, doch halt: Wir schrieben hier auf Holländisch, dort bedeuten die Worte „Große Brüste“. Die zugehörige Fachliteratur studieren Sie am besten im Anschluss an Ihre Zeitungslektüre auf den Webseiten niederländischer Betreiber.

Holland, gleich hinter Duisburg beginnt das Nachbarland, von dem wir verblüffend wenig Kenntnis haben. Tulpen, Käse, Kiffen, Paragraf 218 fallen spontan ein. Der wunderschöne Hit „In the Dutch Mountains“ der leider in Vergessenheit geratenen Band Nits aus Amsterdam brachte eine Legende in die Welt, die vergleichbar ist mit dem Schlaraffenland oder jenem Eimer puren Goldes am anderen Ende des Regenbogens: Wo sollen sie denn bloß zu finden sein, diese niederländischen Berge?

Lara Stone, 1983 ein paar Stunden vor Heiligabend geboren, ist derzeit eines der interessantesten Models. In den Achtzigerjahren hätte man die groß gewachsene und branchenunüblich üppig geformte Holländerin keineswegs als schön bezeichnet. Ihre Zahnlücke ist um einiges auffälliger als diejenige von Madonna, die man damals verehrte. Und im Vergleich mit der trutschigen Italo-Amerikanerin ist Lara Stone eine Zukunftsgestalt. Alles an ihr wirkt neu – in einem Sinne von extra gezüchtet, modifiziert. Eine Frau vom Typus Lara Stone muss dem viktorianischen Superschriftsteller Edward Bulwer-Lytton vorgeschwebt haben, als er seinen visionären Ultra-Feministen Roman „The Coming Race“ verfasste. Künftig eben, noch nicht da gewesen, aber definitiv und von nun an: hier, um zu bleiben.

Calvin Klein, auch nach dem Weggang des Gründers weiterhin die größte Modemarke der Welt, hat sich soeben die Foto- und Filmrechte an Lara Stones Gesicht und Körper für die nächsten Saisons gesichert, um sämtliche Damenlinien des Hauses – Calvin Klein, CK Jeans, CK Collections – mit der Schönheit aus Holland bewerben zu dürfen. Das ist ein in der Geschichte dieses Hauses beispielloses Bekenntnis zu einem einzigen Modell. Über die Vertragssumme drang nichts nach außen, doch die Summe dürfte stattlich sein, denn Frau Stone, die mit dem britischen Komiker David Walliams verheiratet ist, wird nun in nächster Zeit für keine anderen Designer mehr arbeiten können. Und eben dies tat sie in den letzten Jahren für nahezu jeden guten Namen der Branche (Laufsteg wie Kampagnen).

Dies Meisje, wie man im Holländischen die Mädchen nennt, ist ein „lucky girl“!

Sie sitzt auf einem gepolsterten Hocker in einer Suite des „Hotel Adlon“ am Pariser Platz. Auf dem Kaffeetisch liegt ein Bündel grüner Weintrauben bereit, deren Anblick allein durch die kühlen Fruchtfarben erfrischt. Lara Stone benutzt kaum Schminke, die Wirkung wird durch die Konturen ihrer Wangenknochen, die Zahnlücke und ihren Beamer-Blick erzeugt.

Morgenpost Online: Frau Stone, was macht Sie ideal für Calvin Klein?

Lara Stone: Das weiß ich auch nicht. Aber ich bin sehr glücklich, fühle mich geehrt – es gibt doch viele schöne Mädchen auf der Welt!

Morgenpost Online: Ihre Schönheit ist sehr speziell – von welchem Ihrer Elternteile stammt welches Element?

Stone: Ich bin eindeutig eine Mischung aus beiden.

Morgenpost Online: Das sind wir doch alle!

Stone: Ich habe die Augen meines Vaters. Die Lippen sind von meiner Mutter. Meine Beine sind von Dad.

Morgenpost Online: Sie haben die Beine von Ihrem Vater geerbt?

Stone: Mein Vater hat fabelhafte Beine!

Morgenpost Online: Wie hält er sie in Schuss?

Stone: Er hat früher viel gerudert.

Morgenpost Online: Aber dabei sitzt man doch und bewegt die Arme.

Stone: Ich weiß. Aber trotzdem.

Morgenpost Online: Können Sie mir vielleicht erklären, wie die Niederlande als einziges Land der Welt ohne Landesküche auskommen?

Stone: Stimmt doch nicht. Wir haben eine Menge frittierter Spezialitäten. Fleischkroketten zum Beispiel. Käse. Und Fleisch…

Morgenpost Online: Ja, ja, aber ich meinte jetzt im Sinne einer Cuisine – das sind ja eher Snacks.

Stone: Fritten mit Mayonnaise gibt es auch noch. Tja, vielleicht kommt es daher, dass die Holländer es gern geradeheraus mögen: Unsere Spezialitäten kommen ohne Schnickschnack aus. Brote vor allem. Fleisch. Und viele indonesische Reisgerichte.

Morgenpost Online: Vermissen Sie Holland?

Stone: Manchmal. Dann fliege ich hin, bleibe ein paar Tage und will dann wieder weg.

Morgenpost Online: Stammen Sie vom Ijsselmeer?

Stone: Nein, ich bin auf dem Land aufgewachsen.

Morgenpost Online: Ah, die Landschaft dort! Große Teile meiner Kindheit habe ich auf Campingplätzen in der Bretagne verbracht. Da lernt man, wie Sie sich denken können, ziemlich viele Holländerinnen kennen. Meine ersten Erfahrungen sammelte ich mit holländischen Mädchen. Für einen jungen Deutschen ist es hochinteressant, herauszufinden, dass nur ein paar Kilometer hinter unserer Grenze ein derart libertiner Menschenschlag gedeiht. Wie kommt das?

Stone : Das hat vor allem mit der Erziehung zu tun. In den Niederlanden haben immer schon eine Menge sehr unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammengelebt. Wenn wir die Geschichte betrachten, dann gab es vor allem im 17. Jahrhundert eine Menge Künstler, die sich in den Niederlanden niederließen. Warum das genau so war, weiß ich aber leider nicht, denn ich habe nicht Geschichte studiert. Aber es muss damals schon ein sehr freies Land gewesen sein. Und das ist es auch heute noch: Ein Land, in dem Menschen sich frei fühlen können, zu sein.

Morgenpost Online: Sie sprachen den holländischen Erziehungsstil an – wodurch lässt er sich charakterisieren?

Stone: Da kann ich nur für mich selbst sprechen. Meine Eltern haben mich großartig erzogen. Sie haben uns viel Liebe gegeben – sind auch immer noch zusammen die beiden. Vor allem haben sie mich und meine kleine Schwester immer ermutigt, exakt das zu tun, was wir wollten – und nur das. Sie sagten: Das Wichtigste im Leben ist, dass man glücklich ist. Alles andere ist egal. Ihr könnt als Müllfahrer arbeiten, ihr könnt Anwälte sein. Ihr könnt lesbisch lieben oder einen Mann. Aber ihr sollt euch dabei glücklich fühlen.

Morgenpost Online: Das ginge vielen deutschen Vätern und Müttern nur schwerlich über die Lippen. Gerade der Umgang mit der Homosexualität ihrer Kinder fällt den meisten extrem schwer.

Stone: Vielleicht sollten sie einfach hinüber ins Nachbarland schauen und von uns lernen.

Morgenpost Online: Als Sie sich entschieden, ein professionelles Model zu werden – was ging Ihnen da durch den Kopf?

Stone: Ich habe diese Entscheidung nie wirklich getroffen.

Morgenpost Online: Aber irgendwann werden Sie doch die ersten großen Summen verdient haben. Da geht es einem doch auf: Wow, ich könnte ganz gut davon leben.

Stone: Bei mir hatte das nichts mit dem Geld zu tun. Ich war sechzehn. Meine Eltern hatten mich aus einer Reihe von Gründen von der Schule genommen. Sie machten mir das Angebot, eine andere Schule für mich zu suchen, aber das kam zu der Zeit für mich überhaupt nicht infrage. Wir beschlossen dann, dass ich allein nach Paris ziehen würde, um Model zu werden.

Morgenpost Online: Das ist ein extrem liberaler Erziehungsstil!

Stone: Eine ganze Zeit lang lief es dann nicht gut mit den Jobs. Jetzt läuft es eben gut.

Morgenpost Online: Warum klappte es nicht? Was haben die Fotografen gesagt?

Stone: Es lag nicht an den Fotografen. Ich hatte ein schlechtes Management. Dazu kam Pech. Auf jeden Fall war ich damals in Paris die, die nie den Job bekam.

Morgenpost Online: Warum haben Sie nicht aufgegeben?

Stone: Ich habe damals mein Leben wirklich genießen können. Ich war 16 und lebte in Paris!

Morgenpost Online: In einer Dachkammer, einem Chambre de bonne?

Stone: Wir lebten alle in diesen sogenannten Model-Apartments, die wir uns teilten.

Morgenpost Online: Ein Mythenstoff! Man liest ja so viel von diesen Model-Apartments und was darin vor sich geht.

Stone: Es war wirklich recht nett. Wenn du so jung bist und mit lauter anderen Mädchen zusammenlebst, die sich in der exakt gleichen Situation befinden, dann findest du dort Halt. Und es gibt ja noch so viel zu lernen – was wir uns gegenseitig beigebracht haben. Ganz einfache Dinge: Wie man ein Ei kocht, was es beim Metrofahren zu beachten gibt – und wie man mit dem Gefühl des Zurückgewiesenwerdens, mit dem Gefühl des Nicht-gewollt-Werdens umgeht, wenn einem mal wieder von einem Kunden abgesagt worden war.

Morgenpost Online: Außerdem ist doch diese Phase, in der keiner aus dem Freundeskreis etabliert ist, alle mit wenig Geld auskommen müssen, im Nachhinein betrachtet eine schöne Zeit.

Stone: Ja, das ist toll. Ich muss sagen, dass es mir mittlerweile schleierhaft ist, wie ich auch nahezu ohne Geld leben konnte – aber: Man lernt viel über das, worum es im Leben eigentlich geht. Die Werte.

Morgenpost Online: Haben Sie noch Kontakt zu Mitbewohnerinnen aus der Pariser Zeit?

Stone: Zwei davon sind zu meinen besten Freundinnen geworden.